Monat: Januar 2017

Interview mit Holger Brandenburg

Interview mit Holger Brandenburg

In Gevelsberg lebt ein ganz besonderer Menschen- und Hundefreund, der vor zwei Jahren beschlossen hat sich mehr für hilfsbedürftige Mitmenschen einzusetzen. Also gründete er 2015 den Verein „Unsichtbar e.V.“, der sich den Ärmsten unserer Gesellschaft widmet. Holger Brandenburg und sein Team sind seitdem täglich im EN-Kreis unterwegs, um obdachlose Menschen, notleidende Familien und andere verzweifelte Menschen zu unterstützen. Wir freuen uns, dass Herr Brandenburg die Zeit gefunden hat uns ein paar Fragen zu beantworten und, dass wir Ihnen nun diesen tollen Verein vorstellen dürfen.

Herr Brandenburg, Sie sind Mitbegründer des gemeinnützigen Vereines „Unsichtbar“. Wofür steht dieser außergewöhnliche Name und wie lange gibt es den Verein schon?
Den Verein gibt es mittlerweile zwei Jahre und der Name „Unsichtbar“ beinhaltet eigentlich all diese Menschen, die nicht gesehen werden. Ob sie in Armut leben oder obdachlos sind, manche Leute meinen sie zu sehen, aber gehen an ihnen vorbei und manche sehen sie gar nicht und beachten sie gar nicht. Deswegen ist der Name „Unsichtbar“ eigentlich sehr passend.

Wie ist die Idee zu diesem Verein entstanden? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das den Stein ins Rollen gebracht hat?
Es gab vor zwei Jahren eine Situation bei der ich spazieren war und es bitter kalt war. Ich habe mir dann vorgestellt, wie die Menschen auf der Straße leben müssen und dann einfach mal in der Gevelsberger Gruppe (Facebook) nach einer Thermoskanne gefragt. Und dann ist der Stein ins Rollen gekommen und es haben sich auch paar Leute gefunden, die mit dem Ganzen mitgezogen sind. Im November vor drei Jahren hatte ich die Idee und im Februar 2015 wurde der Verein dann gegründet.

Wie sieht konkret die Hilfe aus, die „Unsichtbar e.V.“ anbietet?
Also wir beraten mittlerweile aktiv im Ennepe-Ruhr-Kreis und darüber hinaus und helfen sowohl obdachlosen Menschen als auch sozial schwachen Menschen. Wir schenken einfach mal unser Ohr und fragen was sie brauchen und versuchen dann zu helfen. Mittlerweile sind wir so groß mit einer Webseiten-Besucherzahl von 5.000 Personen pro Monat, dass wir aus ganz Deutschland angerufen werden und dann zwar nicht vor Ort aktiv helfen, aber per Telefon beraten können.

Laut Statistik sind rund 335.000 Menschen in Deutschland wohnungslos, Tendenz steigend. Und 40.000 Obdachlose leben und schlafen in Deutschland auf der Straße. Was sind die Gründe dafür?
Es gibt leider das große Problem mit den Unterkünften. Unterkunftsheime gibt es nicht viele und bei den meisten leben auf wenigen Quadratmetern sehr viele Personen. Es ist klar, dass da die Aggression ziemlich hoch ist und dass niemand gerne irgendwo schläft, wo man nicht weiss, ob man am nächsten Tag wieder aufwacht. Ja, das ist einfach ein ganz großes Problem, bei dem wir uns schon die Zähne ausgebissen haben. Das Thema Unterkunftsheime – bei dem auch keine Stadt so richtig mitspielt – da könnte man ein Buch darüber schreiben!

Gibt es Gründe für die Obdachlosigkeit?
Psychologische Probleme, Haftstrafen, mit dem Leben nicht mehr klarkommen, das soziale Umfeld. Obwohl, zum Thema soziales Umfeld: Es leben auf der Straße auch Akademiker, Professoren, Rechtsanwälte und Ärzte, da lebt alles! Das ist jetzt nicht, dass jeder in der Kindheit ein schwieriges soziales Umfeld oder Elternhaus hatte, das hat gar nichts damit zu tun. Auf der Straße lebt wirklich jegliche Art von Mensch, ob arm oder reich.

Gerade jetzt im Winter verschärft sich die Situation ohnehin. Was kann jeder von uns tun, um hier zu helfen?
Nicht weggucken, hingucken! Nicht vorbeigehen, sondern einfach mal ansprechen. Selbst wenn ein Mensch mal irgendwo regungslos in der Ecke liegt, das muss nicht bedeuten, dass der Mensch stark alkoholisiert ist und sein Bewusstsein durch Alkohol verloren hat. Was leider viele Menschen glauben: Da liegt so ein Penner und der hat sich wahrscheinlich wieder nur den Kopf zugeschossen oder mit Drogen verballert, selber schuld. Die bessere Reaktion: Hingehen, kurz rütteln und fragen, ob alles in Ordnung ist und dann weitergehen. Und wenn man sich nicht traut, auch einfach mal die Feuerwehr rufen. Die sind nämlich dazu verpflichtet dann mal zu gucken.

Im letzten Jahr haben Sie eine Kooperation mit der Sportschule Gevelsberg angekündigt. Was ist aus dieser Idee geworden?
Ja, da sind wir noch dran. Sie müssen sich vorstellen, dass wir recht viel zu tun haben. Uns erreichen jeden Tag mehrere E-Mails und ohne Ende Anrufe von Leuten, die Hilfe brauchen. Wir sind fast täglich draußen. Und dann muss man sich auf das Eine konzentrieren und das Andere muss warten. In dem Fall ist die Kooperation etwas verschoben worden, weil wir da im Moment überhaupt keinen Kopf für haben.

Gab es Momente, die den Mitgliedern von Unsichtbar sehr ans Herz ging?
Welche Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Wir hatten in Ennepetal mal einen Obdachlosen und der hat im Wald geschlafen wie Robinson Crusoe. Er hat tagsüber seine Sachen in den Baum gehangen, Spaziergänger haben das überhaupt nicht gesehen. Und nachts hat er da geschlafen und sich gefreut, wenn die Wildschweine bei ihm vorbeigekommen sind. Das war ein sehr netter Mensch, er ist aber dann leider verstorben und wurde dann drei, vier Tage später erst gefunden. Ja, das sind so Schicksalsschläge! Oder eine Familie mit mehreren Kindern, denen wir, weil einfach überhaupt nichts mehr zum essen da war, etwas zu essen vorbeibringen, Kleidung und und und. Wenn Ihnen dann das Kind einen Zettel rüberreicht wo draufsteht „Danke für’s Essen“: Das sind herzzerreißende und auch traurige Momente.

Wie können Interessierte Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen? Nur per Geldspende oder gibt es auch andere Wege dem Verein „Unsichtbar“ zu helfen?
Ja, natürlich! Man kann sich auch als ehrenamtliches Mitglied bei uns engagieren. Der Monatsbeitrag beträgt 1 Euro im Monat, also 12 Euro im Jahr, das sprengt jetzt nicht die Welt, das sind umgerechnet zwei Packungen Zigaretten. Wer Geld spenden möchte: Immer gerne! Denn wir müssen unser Fahrzeug finanzieren, wir müssen unser Fahrzeug tanken und wir sind auch der Meinung, wenn wir auf der Straße sind und wir Obdachlosen Schuhe überreichen, bringt es nichts, wenn die Schuhe gebraucht sind. Dann können sie auch ihre alten Schuhe behalten. Deshalb gehen wir eigentlich meistens dazu über, dass wir neue Schuhe kaufen. Und was auch ganz wichtig ist: Es wird immer gefragt „Brauchst Du eine Decke?“, „Eine Mütze?“, „Einen Schlafsack?“ oder sonst irgendwas. Obdachlose Menschen leben teilweise sechs bis neun Monate mit nur einem Schlüpfer. Und darum sehen wir zu, dass sie auch saubere Unterwäsche kriegen und das wird dann auch keine Gebrauchte sein.

Wir möchten es an dieser Stelle nicht versäumen, Ihnen und Ihren Mitgliedern für Ihr Engagement und Herzblut zu danken. Es ist wirklich wunderbar und natürlich auch sehr wichtig, dass es Menschen wie Sie gibt.

Hier geht es zu dem Interview

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