Pass auf dich auf
Eigentlich wollte ich einen Beitrag über den 27. Oktober schreiben.
Über diesen einen Tag.
Den Tag, an dem ich nach Hause kam, mich „nur kurz“ hinlegen wollte.
Eine Stunde.
Und dann brannte die Wohnung.
Und danach war nichts mehr, wie es vorher war.
Und ja – ich bin daran beinahe gestorben.
Wenn ich heute so darüber nachdenke, bin ich nicht nur beinahe gestorben.
Es ist auch etwas in mir gestorben.
Auch darüber wollte ich schreiben.
Um euch mal wieder auf den neuesten Stand zu bringen.
Über das, was passiert ist.
Und über das, was geblieben ist.
Vielleicht sagen manche jetzt:
Was hat das mit unserer Arbeit zu tun?
Was hat das mit Obdachlosigkeit zu tun?
Doch.
Das hat es.
Ein Brand ist ein Schicksalsschlag.
So wie andere Schicksalsschläge auch.
So wie sie viele Menschen erlebt haben,
die heute auf der Straße sitzen.
Von einem Moment auf den anderen ist alles weg.
Der sichere Ort.
Der Rückzugsraum.
Das Gefühl von Kontrolle.
Ich ziehe das nicht gern als Beispiel heran.
Aber wer könnte es besser beschreiben
als jemand, der es selbst erlebt hat?
Genau deshalb gehört das hierher.
In unsere Beiträge.
In unsere Texte.
In das, was wir teilen.
Heute Morgen war ich aber rstmal bei einem Neujahrsempfang.
Spät, ja.
Aber es war ein Neujahrsempfang.
Und dort wurde ich wieder gefragt:
„Herr Brandenburg, all das, was Sie auf der Straße erleben – wohin verpacken Sie das eigentlich?“
Vor Monaten habe ich auf diese Frage oft irgendwas geantwortet.
Irgendwas, das funktioniert hat.
Heute funktioniert das nicht mehr.
Nach dem Brand.
Nach all dem, was danach kam.
Und wenn man all das nicht irgendwann rauslässt –
herausholt,
herausschreit
oder einfach nur still ist –
dann wird man verrückt.
Nicht im übertragenen Sinn.
Sondern ganz real.
Und dann sitzt man da
und denkt nicht mehr über Brände nach
und überlegt nicht,
welches Update man schreiben könnte.
Sondern man macht sich Gedanken über das, was gerade passiert.
Zum Beispiel darüber, dass wir alle wissen,
dass in diesem kalten Winter
bereits mehrere obdachlose Menschen gestorben sind.
Jetzt.
Nicht irgendwann.
Nicht theoretisch.
Sondern mitten in unseren Städten
und drum herum.
Viele dieser Todesfälle werden kaum wahrgenommen.
Manchmal gibt es eine kurze Meldung.
Manchmal gar nichts.
Und dann geht es weiter.
Und dann gibt es einzelne Fälle,
über die plötzlich ausführlich berichtet wird.
Mehrfach.
Mit Einordnungen.
Mit Erinnerungen.
Mit Wiederholungen.
„Wir möchten noch einmal daran erinnern.“
Ich frage mich dabei nicht,
ob Berichterstattung grundsätzlich falsch ist.
Das ist sie nicht.
Ich frage mich etwas anderes:
Was bewirkt dieses ständige Wiederholen?
Hilft es den Menschen,
die jetzt gerade draußen sind?
Hilft es denen,
die heute Nacht einen Schlafplatz suchen?
Hilft es den vielen anderen,
die ebenfalls unsichtbar bleiben?
Oder entsteht hier Aufmerksamkeit,
weil sich eine Geschichte gerade erzählen lässt?
Zu Lebzeiten wurde dieser Mensch fotografiert,
gefilmt,
interviewt.
Es wurde berichtet,
gesendet,
veröffentlicht.
Und dann ging es weiter.
Zum nächsten Thema.
Zum nächsten Beitrag.
Nicht, weil sich niemand gekümmert hätte.
Sondern weil mediale Aufmerksamkeit
ihrem eigenen Rhythmus folgt.
Und jetzt, nach dem Tod,
entsteht wieder Aufmerksamkeit.
Mehrfach.
Wiederholend.
Und schwierig wird es dort,
wo Orte gezeigt werden.
Plätze.
Rückzugsorte.
Auch wenn Bilder älter sind.
Auch wenn sie als exemplarisch gedacht sind.
Diese Orte existieren.
Und dort finden Menschen Schutz –
oft den letzten.
Diese Orte öffentlich zu machen,
immer wieder zu zeigen,
immer wieder zu benennen,
ist kein neutraler Vorgang.
Es berührt Würde.
Unsere Kampagne Würde wahren läuft seit einiger Zeit.
Und ja – auch wir haben früher fotografiert und gefilmt.
Wir tun das heute nicht mehr.
Nicht, weil wir etwas verstecken wollen.
Sondern weil wir gemerkt haben,
dass Haltung sich verändern darf –
und verändern muss.
Was mich in all dem am meisten bewegt,
ist nicht das Mediale allein.
Es ist die Einsamkeit.
Und wieder einmal wird mir klar,
wie schrecklich Einsamkeit sein muss.
Wie schrecklich Einsamkeit ist,
wenn man plötzlich dem Tod näher ist
als einem Leben, das einen hält.
Was für ein verdrehter Satz.
Und doch fühlt er sich richtig an.
Was ist, wenn in diesem Moment niemand da ist?
Niemand, der die Hand hält.
Niemand, der sagt:
Ich bleibe bei dir.
Ich begleite dich.
Nichts.
Du schließt die Augen
und gehst allein aus dieser Welt.
Wie schrecklich Einsamkeit doch ist.
Und zum Schluss –
so wie wir es in unserer Kampagne Würde wahren klar benennen:
Elend ist kein Content.
Eins noch.
So schrecklich es gewesen sein mag,
so erleichternd ist für mich ein Gedanke.
Dass vieles von dem, wie es tatsächlich war,
wie er am Ende gelebt hat, wie erschreckend das gewesen sein muss,
nicht öffentlich bekannt ist.
Nicht, weil es unwichtig wäre.
Sondern weil es geschützt geblieben ist.
Manches von dem,
was am Ende war,
ist so schwer,
dass man es kaum innerlich sortieren kann.
So schwer,
dass allein die Vorstellung daran schmerzt.
Und genau deshalb werden wir das nicht teilen.
Nicht aus Bequemlichkeit.
Nicht aus Wegsehen.
Sondern weil wir es für wichtig halten,
über manche Dinge zu schweigen.
Gerade in einer Zeit,
in der andere Themen medial ausgeschlachtet werden –
von wem auch immer.
Mit dem Wissen,
das wir heute haben,
werden wir das schützen.
Auch weiterhin.
Manches Leid muss nicht geteilt werden,
um ernst genommen zu werden.
Manches ist so schlimm,
dass es Würde braucht –
nicht Öffentlichkeit.
Und vielleicht ist es gut,
dass es Dinge gibt,
die niemand kennt.
Weil sie sonst genau das geworden wären,
wogegen wir uns stellen.