Wir leben alle wie die Made im Speck

Wir leben alle wie die Made im Speck„

Wir leben doch wie die Made im Speck.“
Das hört man gern.
Besonders von Menschen mit Mikrofon.
Oder Rednerpult.
Oder einem warmen Stuhl, auf dem man auch im Winter sitzen kann.

Alle.
Sagen sie.
Wir alle.
Gut.

Dann spielen wir das Spiel zu Ende.
Dann lebt der Typ aus der Chefetage im Speck
Und der Mensch im Hauseingang auch.

Dann ist der Unterschied nur eine Frage des Geschmacks.

Der eine mag Trüffel, der andere Pappe.
Wenn wir alle im Speck leben,
dann ist Armut offenbar nur eine Laune.
Und Obdachlosigkeit eine schlechte Phase.

So wie ein Montag.

Dann kann man auch sagen:
„Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es jetzt härter wird.“

Klar.
Für wen denn?
Für den, der ein bisschen weniger Luxus hat?
Oder für den, der schon lange keinen mehr hatte?

Wenn es denen, die im Speck liegen, etwas schlechter geht –
was ist dann mit denen, die nie drin lagen?
Bekommen die Minus-Speck?
Existenz minus eins?
Oder sind die einfach einkalkuliert?

Die Made im Speck sagt dann gern:
„Wir müssen da jetzt alle durch.“
Alle.

Schon wieder.
Aber dieses „alle“ ist erstaunlich flexibel.
Es umfasst erstaunlich oft nur die,
die etwas verlieren können.

Die Made spricht von Verzicht
– aus einem Leben heraus, das voller Sicherheiten ist.
Von Härte
– aus beheizten Räumen.
Von Zumutung
– mit Plan B in der Tasche.

Und währenddessen leben Menschen angeblich im gleichen Speck,
die nichts mehr abgeben können,
weil nichts mehr da ist.

Sie leben nicht schlecht, weil sie falsch entschieden haben.

Armut ist kein Charakterfehler.
Obdachlosigkeit keine Lebensentscheidung.
Aber diese Sätze sind unbequem.
Die passen schlecht in Sonntagsreden.
Die stören das Narrativ.
Denn wenn man ehrlich wäre,
müsste man sagen:
Nicht wir gehen durch eine harte Zeit.
Sondern einige gehen durch –
und andere werden hindurchgedrückt.

„Wir leben wie die Made im Speck“
ist in Wahrheit kein Zustandsbericht.
Es ist eine Legitimation.
Ein Satz, mit dem man erklärt,
warum Kürzungen okay sind.
Warum Verschärfungen nötig sind.
Warum man denen, die ohnehin am Rand stehen, noch ein Stück Boden unter den Füßen wegziehen kann.

Denn wenn alle im Speck leben,
dann trifft es ja niemanden wirklich.
Außer die, die sowieso nicht mitgemeint waren.

Und genau da wird der Satz gefährlich.
Denn wenn es den Reichen schlechter geht,
nennt man das Krise.
Wenn es den Armen schlechter geht,
nennt man das Realität.
Und wenn es denen, die nichts haben,
noch schlechter gehen soll –
stellt sich nur eine Frage:
Was glaubt man eigentlich,
was dann passiert?

Dass sie sich einfach auflösen?
Leise verschwinden?
Oder endlich aufhören, sichtbar zu sein?

Wir leben nicht alle wie die Made im Speck.
Einige liegen weich.
Andere liegen draußen.
Und wer das weiter in einen Satz packt,
sollte wenigstens den Mut haben,
ihn bis zum Ende zu denken.