Bleib doch noch, nur eine Weile
Bleib doch noch, bleib doch noch eine Weile, bleib doch noch, bleib doch noch – Worte, die mich wie ein Ohrwurm begleiten.
Worte eines Menschen, der auf einer Parkbank schläft. Ein Mensch, den vor ein paar Tagen einfach mal so ein paar Jugendliche zusammengetreten hatten, weil ihnen danach war.
Zur Polizei? Nee, die machen doch nichts. Doch, sagte ich. Das sind unsere Freunde. Und unsere Freunde sind auch deine Freunde. Sein Gesicht fängt ein bisschen an zu leuchten. Dann sagte er, wenn ich das sagen würde, dann glaubt er mir das. Dann geht er beim nächsten Mal zur Polizei.
Bleib doch noch, bleib doch noch eine Weile, bleib doch noch, bleib doch noch – immer und immer wieder sagte er mir diese Worte.
Und dann erzählte er mir von seiner Familie. Woher er kommt. Wie alt er ist. Ich soll doch mal schätzen, wie alt er ist. Und im Schätzen bin ich echt nicht gut. Aber diesmal war ich weit davon entfernt, wie alt er wirklich ist.
– Charmant kann ich. –
Bleib doch noch, bleib doch noch eine Weile, bleib doch noch, bleib doch noch.
Er zeigte mir, wie viel Wärme der Schlafsack ihm schenken würde, den ich ihm wenige Minuten vorher geschenkt hatte. Dann erklärte er mir, wie das mit der Terrine funktioniert. Und auch wenn das gefühlt die 180.000.000. Terrine war, die ich verteilte, bedankte ich mich für die genaue Erklärung.
Bleib doch noch, bleib doch noch eine Weile, bleib doch noch, bleib doch noch – und langsam kam ich hinter das Warum.
Er schaute mich an, aß seine Terrine und strahlte dabei. Währenddessen erzählte er mir, dass der Wodka, der neben ihm stand, ein Geschenk war. Vielleicht eine Wiedergutmachung von einem der Jugendlichen vom Tag davor. Vielleicht hatte jemand ein schlechtes Gewissen bekommen.
Er glaubte an das Gute im Menschen. Selbst wenn sie es gewesen sein sollten. Selbst wenn sie für so eine Tat eigentlich hinter Gitter gehörten. Er verurteilte nicht. Er war dankbar. Auch wenn ich nicht glaube, dass sie es waren, die ihm dieses Geschenk gemacht hatten.
Dann war die Suppe gegessen. Er segnete mich mit ein paar leisen Worten, die ich nicht mehr genau zusammenbekomme. Bedankte sich. Strahlte mich an. Und wünschte mir obendrauf noch eine gute Fahrt.
Manchmal ist es okay, einfach zu bleiben. Auch wenn man nicht versteht, warum. Um irgendwann zu begreifen, dass ein Mensch sich einfach darüber freut, nicht allein zu essen. Um dieser beschissenen Einsamkeit für einen Moment zu entfliehen.
Bleib doch noch, bleib doch noch eine Weile, bleib doch noch, bleib doch noch – diese Worte werden mich noch eine Weile begleiten. Ein bisschen. Weil es uns alle treffen kann. Weil wir keinen Freifahrtschein haben. Weder gegen Obdachlosigkeit noch gegen Einsamkeit.
Und wie oft haben wir selbst wohl schon gedacht, wenn wir ehrlich wären und wirklich hingehört hätten:
Bleib doch noch.
Bleib doch noch eine Weile.
Hätten wir zugehört?