2,28 EURO FÜR EINEN LITER BENZIN
2,28 EURO FÜR EINEN LITER BENZIN
Und irgendwann muss man fragen: Was ist eigentlich der Plan?
Warum wir das hier überhaupt schreiben:
Nicht, weil wir Benzinpreise besonders spannend finden. Sondern weil an so einer banalen Zahl wie 2,28 Euro plötzlich sichtbar wird, was im Kleinen wie im Großen falsch läuft: Ehrenamt wird in Sonntagsreden gefeiert und im Alltag ziemlich allein gelassen.
Als ich mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde, war damit für mich auch eine Aufforderung verbunden: über Ehrenamt zu sprechen, dafür zu werben und zu zeigen, was Menschen gemeinsam erreichen können.
Genau dazu gehört für mich aber auch, ehrlich darüber zu sprechen, was Ehrenamt heute schwer macht.
Denn wenn wir möchten, dass Ehrenamt weiterlebt und vielleicht irgendwann wieder stärker wird, reicht es nicht, nur darüber zu erzählen, wie schön und wichtig es ist. Dann müssen wir auch darüber sprechen, wo Menschen ausgebremst werden, wo Strukturen unnötig kompliziert sind und warum diejenigen, die ihre Zeit freiwillig für andere einsetzen, irgendwann die Lust daran verlieren könnten.
Genau deshalb schreiben wir diesen Artikel.
Nicht um zu jammern. Sondern weil Ehrenamt zu wichtig ist, um nur in Sonntagsreden darüber zu sprechen.
2,28 Euro für einen Liter Benzin.
Kann man sich drüber aufregen. Machen wir auch.
Denn unsere Fahrzeuge fahren nicht mit guten Absichten. Sie fahren mit Benzin. Zu Menschen, wenn Hilfe gebraucht wird. Und jeder Kilometer kostet – Geld, das dann woanders fehlt.
Aber je länger man hinschaut, desto kleiner wirken diese 2,28 Euro.
Das eigentliche Problem sitzt tiefer.
Deutschland sagt seit Jahren: Ehrenamt ist unverzichtbar, hält die Gesellschaft zusammen, muss gestärkt werden.
Alles richtig.
Nur behandelt man selten etwas gut, das man ständig „unverzichtbar“ nennt, aber nie ausstattet.
Stattdessen: Bürokratie, bei der man sich fragt, ob manche Formulare noch mit Federkiel entworfen wurden.
Regeln brauchen wir, keine Frage. Kontrolle, Nachweise, Datenschutz – gerne.
Aber irgendwann darf man fragen:
Dient die Bürokratie noch der Sache, oder beschäftigt die Sache inzwischen vor allem die Bürokratie?
Selbst der Bundestag hat das mittlerweile erkannt. Na immerhin.
Jetzt müsste nur noch etwas daraus folgen.
Denn erkennen und handeln sind bekanntlich zwei verschiedene Paar Schuhe.
Und dieses Muster zieht sich weiter.
Während einerseits betont wird, wie wichtig Ehrenamt ist, wird andererseits genau dort gekürzt, wo später wieder Ehrenamt einspringen soll.
Entschieden wird dabei selten von denen, die die Folgen kennen.
Und wenn wir schon bei Fachwissen sind:
Wenn ich Herzprobleme habe, gehe ich nicht zum Landschaftsarchitekten. Nicht einmal, wenn er ausgesprochen sympathisch lächelt.
Wenn mein Dach undicht ist, rufe ich keinen Literaturwissenschaftler an, nur weil er wunderbar erklären kann, warum ein Giebel architektonisch bemerkenswert ist.
Wenn mein Auto nicht anspringt, frage ich nicht den Konditor von nebenan – so gut sein Kuchen auch sein mag.
Und wenn meine Steuererklärung ansteht, wende ich mich nicht an den Fitnesstrainer, egal wie überzeugend seine Burpees sind.
Klingt albern?
Ist es auch.
Genau deshalb fällt es ja auf.
Und wenn ich wissen möchte, was Kürzungen in der Wohnungslosenhilfe, Jugendhilfe, Pflege oder Beratung tatsächlich bewirken, dann komme ich auf eine ähnlich verrückte Idee:
Ich würde die Fachleute fragen.
Wohlfahrtsverbände. Sozialarbeiter:innen. Pflegekräfte. Menschen, die die Folgen nicht aus Tabellen kennen, sondern am nächsten Morgen vor ihrer Tür erleben.
Und trotzdem wird seit 2023 vor allem an einer Stelle gespart: unten.
Ein paar Zahlen, kurz und schmerzlos:
- Kinder- und Jugendpolitik im Bundeshaushalt: von 746,79 Mio. Euro (2023) auf 527,92 Mio. Euro (2024), dann weiter auf 588,99 Mio. Euro (2025) – bei sinkender Tendenz im Vorjahresvergleich.
- Bundesfreiwilligendienst: von 207,2 Mio. Euro (2024) auf 184,2 Mio. Euro (2025).
- FSJ, FÖJ, Internationaler Jugendfreiwilligendienst: von 122,68 auf 105,68 Mio. Euro.
- „Stärkung der Zivilgesellschaft“: von 348,1 Mio. Euro (2024) auf rund 306 Mio. Euro (2025).
- Bildungs- und Forschungsetat 2024: rund 1,2 Mrd. Euro weniger als im Vorjahr. BAföG: von 2,71 Mrd. Euro (2023) auf 1,99 Mrd. Euro (2024).
- Fachverbände warnen 2026 vor möglichen Kürzungen bei der Eingliederungshilfe von mindestens 8,6 Mrd. Euro – noch ein Vorschlag, keine beschlossene Sache.
- Wohngeldreform: Bis 2029 könnten laut Modellrechnungen rund 238.000 Haushalte ihren Anspruch komplett verlieren.
- Gesundheitsetat 2027: deutlich weniger vorgesehen, auslaufende Corona-Darlehen inklusive.
Man könnte – ohne irgendwen angreifen zu wollen – fast meinen, dass so mancher, der für solche Veränderungen verantwortlich ist, von den tatsächlichen Folgen seiner Entscheidungen erstaunlich weit entfernt ist.
Denn die Sintflut, die dadurch möglicherweise in ein paar Jahren auf uns zukommt, interessiert heute offenbar nur am Rande.
Darum muss sich dann eben jemand anderes kümmern.
Und außerdem haben wir ja noch das Ehrenamt.
Und während all das passiert: 17,6 Millionen Menschen in Deutschland – 21,2 Prozent – sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
Mehr als jeder Fünfte.
Katastrophenschutz, mal praktisch betrachtet.
2021, Hochwasser.
Auch wir waren im Einsatz – bis uns buchstäblich das Wasser bis zum Hals stand.
Dann ging nichts mehr.
Nicht, weil wir nicht wollten. Sondern weil die Ausrüstung fehlte, die genau in so einem Moment über mehr entscheidet als nur trockene Füße.
August 2026, Hohes Venn: der größte bekannte Flächenbrand auf belgischem Boden seit 1911, über 3.000 Hektar Moor und Heide, Rauch bis ins Saarland und nach Baden-Württemberg, Evakuierungen im deutschen Monschau.
Wer hat gelöscht?
Feuerwehr, THW – und jede Menge Landwirte aus Belgien, Luxemburg und Deutschland, die mit eigenen Traktoren und Wassertanks anrückten.
Bislang größtenteils ohne jede Entschädigung. Erst danach forderten Politiker öffentlich, man müsse endlich klären, wie solche Helfer abgesichert und entschädigt werden.
Wasser mit dem Traktor ziehen funktioniert nicht mit Lust und Liebe.
Diesel kostet, auch bei Landwirten.
Wenn es diese Menschen 2021 im Ahrtal, in Hagen und anderswo nicht gegeben hätte – der Staat hätte ziemlich alt ausgesehen.
Und trotzdem:
Wer heute versucht, sich als Verein für den nächsten Ernstfall auszurüsten, wird komisch angeschaut.
Wofür braucht ihr das?
Ist das nicht übertrieben?
Bis zur nächsten Katastrophe.
Dann fragt plötzlich niemand mehr, warum man vorbereitet ist – sondern nur noch, warum nicht alle es waren.
Und dann ist da noch das Geld, das man eigentlich zurücklegen möchte.
Gemeinnützige Vereine müssen Spenden – von Ausnahmen abgesehen – innerhalb von zwei Jahren ausgeben. Zeitnahe Mittelverwendung nennt sich das.
Klingt vernünftig: Niemand soll Spendengelder horten.
Nur: Was, wenn das Geld nicht heute gebraucht wird, sondern übermorgen?
Oder dann, wenn eine Insolvenzwelle durch die Gesellschaft rollt und plötzlich weniger gespendet wird, weil das Geld woanders fehlt?
Und dabei ist es letztlich egal, ob ein Verein zwei Fahrzeuge hat oder acht.
Wenn er aufgrund seiner Erfahrung der Meinung ist, für die nächste Katastrophe vorbereitet sein zu müssen, wird er trotzdem merkwürdig angeschaut. Vom Finanzamt. Von außen.
Ganz nach dem Motto:
Wozu braucht ihr das denn schon wieder?
Ist doch gar keine Katastrophe in Sicht.
Nein.
Noch nicht.
Aber was, wenn doch?
Dann will es plötzlich niemand gewesen sein, der gesagt hat:
Das brauchen die doch gar nicht.
Zurücklegen könnte man das Geld ja auch für etwas anderes: ein Gebäude, das man dringend braucht.
Oder man versucht es über Fördermittel.
Nur: Ein Förderantrag setzt mittlerweile fast ein eigenes Studium voraus.
Ein Kommafehler, eine falsch interpretierte Zeile, eine Frist um einen Tag verpasst – und im schlimmsten Fall muss die gesamte Fördersumme zurückgezahlt werden. Nachdem man den Antrag, der sich stellenweise liest wie ein halbes Buch, überhaupt erst ausgefüllt hat.
Große Wohlfahrtsverbände haben dafür eigene Stellen. Menschen, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als sich durch genau diesen Dschungel zu arbeiten.
Und das ist auch gut so – wer sich da durchkämpft und am Ende eine Bewilligung bekommt, hat sie sich redlich verdient.
Auf der Strecke bleiben häufig die kleineren Vereine.
Die, die ehrenamtlich gerade noch mit Tanken, Einsätzen, Organisation, Buchhaltung und dem eigentlichen Vereinszweck beschäftigt sind und nebenbei Antragsverfahren bewältigen sollen, für die andere eigene Abteilungen haben.
Natürlich müssen öffentliche Gelder kontrolliert werden.
Natürlich braucht es Nachweise, Regeln und Transparenz.
Niemand fordert einen Blankoscheck für Vereine.
Aber Kontrolle und Bürokratie sind nicht dasselbe.
Ein Förderverfahren sollte sicherstellen, dass Geld dort eingesetzt wird, wofür es bewilligt wurde.
Es sollte aber nicht dazu führen, dass kleine ehrenamtliche Organisationen schon deshalb kaum eine Chance haben, weil ihnen die hauptamtliche Verwaltung fehlt, die andere dafür beschäftigen können.
Vielleicht wäre genau das einmal eine ziemlich einfache Frage:
Wie schaffen wir Kontrolle, ohne diejenigen mit Bürokratie zu erschlagen, deren Arbeit wir eigentlich fördern wollen?
Während Corona sah man das mit der Mittelverwendung übrigens plötzlich anders.
Fristen wurden verlängert, Rücklagen durften bestehen bleiben.
Ging also doch.
Aber seit Ende 2023 gilt wieder die alte Regel.
Ausnahmezustand vorbei, zurück zur Norm.
Vorausschauendes Wirtschaften und gesetzliche Vorgabe passen hier nicht ganz zusammen – das darf man auch mal sagen, ohne dass gleich jemand Böses dahinter vermuten muss.
Ein Lichtblick, damit hier nicht nur gemeckert wird:
Die Region Hannover bietet Menschen mit niedersächsischer Ehrenamtskarte das Deutschlandticket für 35,40 statt regulär 63 Euro an.
Keine Weltrevolution.
Aber ein Zeichen: Es geht, wenn man will.
Warum nicht öfter?
Warum nicht bei Mobilität, bei Förderverfahren, bei Entlastungen für Vereine mit Einsatzfahrzeugen?
Und vor allem:
Warum fragt man Vereine ständig: „Was könnt ihr noch übernehmen?“, statt einmal zu fragen: „Was können wir euch abnehmen?“
Und bevor jemand „Diäten!“ ruft:
2026 wäre die Abgeordnetenentschädigung automatisch um 4,2 Prozent gestiegen. Der Bundestag hat das im Juli 2026 einstimmig ausgesetzt.
Gehört zur Wahrheit dazu.
Gut so.
Aber warum nicht grundsätzlich weiterdenken – Dienstwagen, Reisekosten, doppelte Zuständigkeiten, Beraterverträge?
Nicht mit der Parole „die da oben sollen zahlen“, sondern mit der einfachen Frage:
Spart der Staat eigentlich zuerst bei sich selbst, bevor er bei Jugendhilfe und Wohngeld nachschaut?
Das sind keine populistischen Fragen.
Das sind Fragen nach Prioritäten.
Am Ende bleiben die 2,28 Euro.
2,28 Euro für einen Liter Benzin waren der Grund, warum dieser Artikel überhaupt entstanden ist.
Und nach all den Zahlen, Kürzungen, Förderanträgen, Vorschriften und politischen Entscheidungen wirken diese 2,28 Euro plötzlich fast wie das kleinste Problem.
Denn Ehrenamt braucht keine Sonderbehandlung.
Es braucht Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt noch Lust haben, ihre Freizeit, ihre Kraft, ihr Wissen und manchmal auch ihr eigenes Geld für andere einzusetzen.
Wir brauchen Kontrolle. Wir brauchen Regeln. Wir brauchen einen Sozialstaat, der darauf achtet, was mit seinem Geld passiert.
Aber wir brauchen genauso dringend Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wenn irgendwo etwas nicht funktioniert.
Und genau diese Menschen sollten wir nicht ständig fragen, was sie noch zusätzlich leisten können.
Vielleicht sollten wir sie endlich einmal fragen, was sie brauchen, damit sie ihre Arbeit auch morgen noch machen können.
Denn Ehrenamt ist nicht kostenlos.
Nur weil keine Rechnung über die geleisteten Stunden geschrieben wird, heißt das nicht, dass diese Stunden nichts wert sind.
Und vielleicht liegt genau darin der größte Denkfehler:
Wir reden über Ehrenamt, als wäre es eine unerschöpfliche Ressource.
Ist es nicht.
Es sind Menschen.
Menschen, die nach Feierabend losfahren.
Menschen, die ihre Wochenenden opfern.
Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Menschen, die dort stehen, wenn andere längst Feierabend haben.
Und wenn wir wirklich wollen, dass Ehrenamt weiterlebt, dann reicht es nicht, diesen Menschen einmal im Jahr Danke zu sagen.
Dann müssen wir dafür sorgen, dass aus „Danke für euren Einsatz“ irgendwann auch „Wie können wir euch den Einsatz erleichtern?“ wird.
Vielleicht wäre das ja mal ein Anfang.
Und dann reden wir auch gerne wieder über die 2,28 Euro.