Darf ich mal ihren Ausweis sehen?

DARF ICH MAL IHREN AUSWEIS SEHEN?

Warum wir über einen Befähigungsnachweis Soziale Hilfe sprechen müssen

Nein, wir möchten jetzt nicht anfangen, obdachlose Menschen nach ihrem Ausweis zu fragen.

Wir meinen den Menschen, der ihnen helfen möchte.

Denn wer angeln möchte, muss – abhängig von den Regelungen des jeweiligen Bundeslandes – bestimmte Voraussetzungen erfüllen, Kenntnisse nachweisen und teilweise eine Fischereiprüfung ablegen.

Wer bestimmte Arbeiten mit einer Motorsäge ausführen möchte, braucht entsprechende Kenntnisse und Befähigung.

Wer beim THW in den Einsatz möchte, wird vorher ausgebildet und geprüft.

Wer im Rettungswesen Verantwortung für Menschen übernimmt, benötigt selbstverständlich eine entsprechende Ausbildung.

Und auch im Ehrenamt haben wir längst verstanden, dass guter Wille allein manchmal nicht reicht.

Wer verantwortlich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist, kennt beispielsweise die Juleica. Dahinter steht eine bundesweit etablierte Qualifizierung mit mindestens 30 Zeitstunden sowie einem Erste-Hilfe-Nachweis. Vermittelt werden unter anderem pädagogische und psychologische Grundlagen, rechtliche Fragen, Gefährdungslagen, Rollenverständnis, Grenzen und Prävention.

Selbst wenn Ehrenamtliche ältere Menschen darüber informieren sollen, wie sie sich beispielsweise vor dem Enkeltrick, falschen Polizeibeamten, Internetkriminalität oder anderen Betrugsformen schützen können, gibt es Programme, in denen diese Menschen zuvor von Polizei und Kommunen entsprechend ausgebildet werden.

Und das finden wir richtig.

Denn dahinter steckt ein ziemlich einfacher Gedanke:

Wer Verantwortung übernimmt, sollte wissen, was er tut.

Und irgendwann haben wir uns eine eigentlich ebenso einfache Frage gestellt:

WARUM FRAGEN WIR BEI SO VIELEN DINGEN DANACH, OB JEMAND WEISS, WAS ER TUT – ABER AUSGERECHNET BEIM UMGANG MIT MENSCHEN IN SCHWERSTEN LEBENSSITUATIONEN SO SELTEN?

Ein Mensch meldet sich bei einem Verein.

Er möchte sich ehrenamtlich engagieren.

Eine großartige Sache.

Vielleicht bekommt er irgendwann eine Jacke mit Vereinslogo, Lebensmittel, Schlafsäcke und Hygieneartikel ins Auto.

Und dann fährt er los.

Zu einem obdachlosen Menschen.

Zu einem Menschen mit einer Suchterkrankung.

Zu einem schwer depressiven Menschen.

Zu jemandem mit traumatischen Erfahrungen.

Zu einem Menschen, der Gewalt erlebt hat.

Zu jemandem, der vielleicht seit Jahren auf der Straße lebt.

Und möglicherweise steht dieser Ehrenamtliche plötzlich einem Menschen gegenüber, der sagt:

„Ich kann nicht mehr.“

Was jetzt?

Reicht ein gutes Herz?

Wir glauben:

Nein.


EIN GUTES HERZ IST KEINE FACHKENNTNIS

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir aus Ehrenamtlichen Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte oder Suchtberater machen wollen.

Ganz im Gegenteil.

Ein wesentlicher Bestandteil einer solchen Ausbildung müsste Ehrenamtlichen etwas vermitteln, das in der Hilfe unglaublich wichtig ist:

Du bist es nicht.

Auch viele Jahre ehrenamtliche Obdachlosenhilfe machen aus einem Menschen keinen Sozialarbeiter.

Sie können ihm einen gewaltigen Erfahrungsschatz geben.

Aber Erfahrung und Berufsausbildung sind zwei unterschiedliche Dinge.

Und genau deshalb gehört es zur Verantwortung, die eigenen Grenzen zu kennen.

Ein Ehrenamtlicher muss nicht jeden Antrag ausfüllen können.

Er muss nicht das Sozialrecht beherrschen.

Er muss keine Wohnung vermitteln.

Er muss keine Suchtberatung durchführen.

Er muss keine psychische Erkrankung diagnostizieren.

Er muss keine Therapie ersetzen.

Aber er sollte wissen:

Wer kann das?

Wo befindet sich die zuständige Fachstelle?

Welche kommunalen Angebote gibt es?

Wo gibt es professionelle Sozialarbeit?

Wo gibt es Suchthilfe?

Wo gibt es psychiatrische Hilfe?

Wann ist der Rettungsdienst notwendig?

Wann muss die Polizei eingeschaltet werden?

Welche Anlaufstelle kann einen Menschen tatsächlich weiterbringen?

Denn verantwortungsvolle Hilfe bedeutet nicht:

Ich mache alles selbst.

Verantwortungsvolle Hilfe kann genauso bedeuten:

Hier endet meine Kompetenz. Aber ich weiß, wer jetzt übernehmen kann.

Das ist keine Schwäche.

Das ist Kompetenz.


OBDACHLOSEN-HILFE MUSS MAN VERSTEHEN

Wer regelmäßig mit obdachlosen Menschen arbeitet, sollte wissen, was Obdachlosigkeit überhaupt bedeutet.

Nicht nur die Definition.

Sondern die Lebensrealität dahinter.

Was macht es mit einem Menschen, wenn er keinen geschützten Rückzugsort besitzt?

Was bedeutet jahrelange Unsicherheit?

Was bedeutet es, ständig beobachtet zu werden?

Was können Gewalt, Ablehnung, Schlafmangel, Krankheit, Einsamkeit, Sucht oder psychische Erkrankungen mit einem Menschen machen?

Warum lehnen manche Menschen Hilfe ab?

Warum verschwinden Menschen plötzlich?

Warum werden Termine nicht eingehalten?

Warum reagiert jemand vielleicht aggressiv auf etwas, das der Helfende vollkommen harmlos findet?

Und warum ist eine warme Mahlzeit manchmal genau die richtige Hilfe – aber eben nicht die Lösung für Obdachlosigkeit?

Wer Obdachlosenhilfe betreibt, sollte das Hilfesystem kennen.

Anlaufstellen.

Notunterkünfte.

Kommunale Zuständigkeiten.

Sozialarbeit.

Suchthilfe.

Psychiatrische Hilfen.

Medizinische Angebote.

Beratungsstellen.

Und vor allem:

WAS IST HILFE – UND WAS IST KEINE HILFE?

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Fragen überhaupt.


GUT GEMEINT KANN TROTZDEM FALSCH SEIN

Nehmen wir einen Menschen mit einer schweren Depression.

Dieser Mensch benötigt Lebensmittel.

Jemand hört davon, kauft Lebensmittel ein, fährt unangekündigt zu seiner Wohnung, klingelt und steht plötzlich vor der Tür.

Der Helfende denkt möglicherweise:

„Ich tue etwas Gutes.“

Aber wie empfindet der andere Mensch diese Situation?

Kann er gerade Besuch ertragen?

Hat er überhaupt die Kraft, die Tür zu öffnen?

Möchte er jemanden in seiner Wohnung haben?

Empfindet er den unangekündigten Besuch als Hilfe oder als zusätzlichen Druck?

Vielleicht hätte eine kurze vorherige Absprache gereicht.

Vielleicht hätte man die Lebensmittel vor die Tür stellen können.

Vielleicht wäre morgen der bessere Tag gewesen.

Es geht ausdrücklich nicht darum zu behaupten, dass ein unangekündigter Besuch einen Suizid verursacht.

Eine solche einfache Kausalität wäre fachlich nicht haltbar.

Aber bei einem Menschen in einer schweren psychischen Krise können Grenzüberschreitungen, zusätzlicher Stress, Kontrollverlust oder zerstörtes Vertrauen eine ohnehin schwierige Situation weiter belasten.

Und dann sagt dieser Mensch plötzlich:

„Eigentlich möchte ich sowieso nicht mehr leben.“

Was macht der Ehrenamtliche jetzt?

Darauf sollte die Antwort nicht lauten:

„Keine Ahnung. Ich wollte doch eigentlich nur Lebensmittel bringen.“

Denn genau in diesem Moment trägt er Verantwortung.


AUCH EINE SEELE KANN VERLETZT WERDEN

Wenn jemand im Rettungsdienst arbeitet, verlangen wir Ausbildung.

Warum?

Weil ein Fehler einem Menschen körperlichen Schaden zufügen kann.

Das versteht jeder.

Wenn jemand mit gefährlichen Geräten arbeitet, verlangen wir Kenntnisse und Befähigung.

Warum?

Weil Fehler schwere Folgen haben können.

Auch das versteht jeder.

Aber ein Mensch kann nicht nur körperlich verletzt werden.

Eine Seele kann ebenfalls verletzt werden.

Vertrauen kann zerstört werden.

Hoffnung kann zerstört werden.

Ein Mensch kann bevormundet werden.

Abhängigkeiten können entstehen.

Grenzen können überschritten werden.

Falsche Versprechen können gegeben werden.

Und gerade Menschen, die in ihrem Leben bereits unzählige Enttäuschungen erlebt haben, brauchen keine weitere.

Deshalb sollte ein Ehrenamtlicher niemals leichtfertig sagen:

„Ich kümmere mich darum.“

Denn für den Helfenden sind das vielleicht fünf dahingesagte Worte.

Für einen Menschen auf der Straße können diese fünf Worte bedeuten:

Endlich. Endlich macht jemand etwas.

Und wenn anschließend nichts passiert, war das keine Hilfe.

Dann haben wir möglicherweise genau das beschädigt, was wir eigentlich aufbauen wollten:

Vertrauen.


WAS DARF ICH? WAS KANN ICH? UND WAS LASSE ICH BESSER?

Genau dafür braucht es Fachkenntnis.

Ehrenamtliche sollten keine professionelle Beratung vortäuschen, für die ihnen die Qualifikation fehlt.

Sie sollten keine Diagnosen stellen.

Keine Therapie spielen.

Keine Ergebnisse versprechen, über die sie überhaupt nicht entscheiden können.

Keine rechtlichen oder sozialrechtlichen Vorgänge übernehmen, deren Konsequenzen sie selbst nicht beurteilen können.

Keine Abhängigkeiten schaffen.

Nicht ungefragt über das Leben anderer Menschen bestimmen.

Nicht Grenzen überschreiten, nur weil etwas vermeintlich gut gemeint ist.

Und niemals vergessen:

Der Mensch, dem ich helfe, gehört mir nicht.

Er bleibt ein selbstbestimmter Mensch.

Auch wenn er obdachlos ist.

Auch wenn er suchtkrank ist.

Auch wenn er psychisch erkrankt ist.

Auch wenn ich seine Entscheidung persönlich für falsch halte.


DESHALB UNSERE IDEE:

DER BEFÄHIGUNGSNACHWEIS SOZIALE HILFE

Kein „Führerschein für Menschlichkeit“.

Keine Plastikkarte nach einem zweistündigen Seminar.

Und ganz sicher kein neuer Titel, mit dem sich anschließend jemand schmücken kann.

Wir sprechen von einer ernsthaften, mehrwöchigen Grundqualifikation für Menschen, die im Auftrag einer Organisation regelmäßig eigenständig mit besonders vulnerablen Menschen arbeiten.

Mit Fachleuten.

Mit Theorie.

Mit praktischen Übungen.

Mit echten Fallbeispielen.

Mit schriftlicher Prüfung.

Und mit mündlicher Prüfung.

Eine Ausbildung, die man auch nicht bestehen können muss.

Denn ansonsten können wir uns die Prüfung sparen.


DIE GRUND-QUALIFIKATION

Es gibt Dinge, die jeder wissen sollte, der in diesem Bereich unmittelbar mit Menschen arbeitet.

Dazu gehören aus unserer Sicht:

Grundlagen psychischer Erkrankungen.

Depression und Suizidalität.

Sucht und Abhängigkeit.

Trauma.

Armut und soziale Ausgrenzung.

Kommunikation.

Nähe und Distanz.

Selbstbestimmung.

Datenschutz und Verschwiegenheit.

Gewalt und Deeskalation.

Eigenschutz.

Erste Hilfe.

Das bestehende Hilfesystem.

Grenzen ehrenamtlicher Tätigkeit.

Und immer wieder die entscheidenden Fragen:

Was darf ich tun?

Was kann ich tun?

Was sollte ich tun?

Was sollte ich besser nicht tun?

Wo endet meine Kompetenz?

Wann muss eine Fachkraft übernehmen?

Und:

Wann besteht verantwortungsvolles Helfen gerade darin, nicht selbst weiterzumachen?


UND DANN KOMMEN DIE FACHMODULE

Denn nicht jeder Ehrenamtliche arbeitet mit denselben Menschen.

Warum sollte deshalb jeder exakt dieselbe Spezialausbildung absolvieren?

Neben einer verpflichtenden Grundqualifikation könnte es zusätzliche Fachmodule geben.

Zum Beispiel:

Obdachlosigkeit & Wohnungslosigkeit

Lebensrealitäten, Ursachen, Hilfesystem, Notunterbringung, kommunale Zuständigkeiten, Grenzen klassischer Straßenhilfe und Zusammenarbeit mit professioneller Sozialarbeit.

Depression & Suizidalität

Warnsignale, Kommunikation, Krisensituationen, Handlungswege und professionelle Ansprechpartner.

Sucht & Abhängigkeit

Grundlagen verschiedener Abhängigkeitserkrankungen, Intoxikation, Kommunikation, Suchthilfe und Grenzen ehrenamtlicher Intervention.

Trauma & psychische Krisen

Traumasensibler Umgang, mögliche Trigger, Kontrollverlust und angemessene Kommunikation.

Seniorinnen und Senioren

Einsamkeit, Hilfebedarf, Betrugsprävention, mögliche kognitive Einschränkungen und entsprechende Hilfesysteme.

Kinder & Jugendliche

Kinderschutz, Kommunikation, Grenzen, Gefährdungslagen und Weitervermittlung.

Gewalt & Deeskalation

Konflikte erkennen, Eskalationen vermeiden, Eigenschutz und Einschalten professioneller Stellen.

Nähe, Distanz & Manipulation

Abhängigkeiten erkennen, Machtgefälle verstehen, manipulative Kommunikation erkennen und verhindern.

Datenschutz & Persönlichkeitsrechte

Umgang mit persönlichen Informationen, Fotos, Geschichten, Dokumentationen und Weitergabe von Daten.

Hilfesystem & Weitervermittlung

Wer macht eigentlich was? Kommunen, Wohlfahrt, Sozialarbeit, Suchthilfe, psychiatrische Hilfen, Rettungsdienst, Polizei und andere Fachstellen.

Und weitere Module könnten hinzukommen.


UND GENAU DAS KÖNNTE AUF DEM NACHWEIS SICHTBAR SEIN

Vorne:

BEFÄHIGUNGSNACHWEIS SOZIALE HILFE

Name.

Foto.

Registriernummer.

Ausstellungsdatum.

Gültigkeit.

Nachweis über die bestandene Grundqualifikation.

Und auf der Rückseite:

ZUSÄTZLICH ABSOLVIERTE FACHMODULE

☐ Obdachlosigkeit & Wohnungslosigkeit
☐ Depression & Suizidalität
☐ Sucht & Abhängigkeit
☐ Trauma & psychische Krisen
☐ Senioren & Einsamkeit
☐ Kinder & Jugendliche
☐ Gewalt & Deeskalation
☐ Nähe, Distanz & Manipulation
☐ Datenschutz & Persönlichkeitsrechte
☐ Hilfesystem & Weitervermittlung
☐ weitere Fachqualifikation

Dazu:

Letzte Auffrischung

und

Nächste Auffrischung spätestens

Damit behauptet niemand nach einer einzigen Schulung:

„Ich kann jetzt alles.“

Der Nachweis zeigt vielmehr transparent:

Das ist meine Grundqualifikation. Und in diesen Bereichen habe ich zusätzliche Kenntnisse erworben.


ABER FACHWISSEN ALLEIN REICHT NICHT

Denn wir können einem Menschen zwanzig Anlaufstellen auswendig beibringen und trotzdem kann er für diese Aufgabe vollkommen ungeeignet sein.

Deshalb gehört ein zweiter großer Bereich zwingend dazu:

HALTUNG.

Menschlichkeit.

Respekt.

Ehrlichkeit.

Verlässlichkeit.

Loyalität.

Nähe und Distanz.

Selbstreflexion.

Teamfähigkeit.

Umgang mit Kritik.

Umgang mit Macht.

Abhängigkeiten.

Manipulation.

Grenzüberschreitungen.

Selbstdarstellung.

Konflikte.

Und die eigene Motivation.

Die Frage:

Warum möchte ich eigentlich helfen?

Weil ich einen anderen Menschen unterstützen möchte?

Oder weil ich selbst gebraucht werden möchte?

Suche ich Anerkennung?

Brauche ich Dankbarkeit?

Gefällt es mir, Entscheidungen für andere zu treffen?

Möchte ich anschließend zeigen, was für ein großartiger Mensch ich bin?

Das sind unangenehme Fragen.

Aber vielleicht sind gerade das die Fragen, die wir im Ehrenamt viel häufiger stellen sollten.


HALTUNG BEGINNT NICHT ERST AUF DER STRASSE

Sie beginnt innerhalb der eigenen Organisation.

Wie behandelt ein Mensch seine Kolleginnen und Kollegen?

Kann er andere Meinungen akzeptieren?

Kann er Kritik annehmen?

Kann er einen Fehler eingestehen?

Hält er Vereinbarungen ein?

Respektiert er Grenzen?

Versucht er, Menschen gegeneinander auszuspielen?

Manipuliert er?

Braucht er ständig Anerkennung?

Hält er sich aufgrund seines Ehrenamtes plötzlich für etwas Besonderes?

Denn dann muss eine Organisation auch eine unbequeme Frage stellen:

Wenn jemand bereits mit den Menschen im eigenen Verein respektlos, manipulativ oder herablassend umgeht – warum sollten wir selbstverständlich davon ausgehen, dass er mit einem Menschen auf der Straße verantwortungsvoller umgeht?

Loyalität bedeutet dabei ausdrücklich keinen blinden Gehorsam gegenüber einem Vorstand oder einzelnen Personen.

Ein guter Ehrenamtlicher muss widersprechen dürfen.

Er muss Missstände ansprechen dürfen.

Er muss sagen dürfen:

„Das, was wir gerade tun, ist nicht richtig.“

Loyalität bedeutet Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Auftrag, den Menschen, dem Team und den vereinbarten Regeln.


MANIPULATION MUSS EIN EIGENES THEMA SEIN

Denn soziale Hilfe schafft schnell ein Machtgefälle.

Der eine benötigt etwas.

Der andere kann es geben.

Allein dadurch entsteht Verantwortung.

Ein Helfer darf diese Position niemals dafür benutzen, Anerkennung, Dankbarkeit, Nähe oder Loyalität einzufordern.

Kein:

„Nach allem, was ich für dich getan habe …“

Kein:

„Du kannst nur mir vertrauen.“

Kein:

„Die anderen verstehen dich sowieso nicht.“

Kein Aufbau persönlicher Abhängigkeiten.

Keine Instrumentalisierung eines hilfesuchenden Menschen für persönliche Konflikte.

Keine Veröffentlichung seiner Geschichte zur eigenen Selbstdarstellung.

Keine Hilfe, die davon abhängig gemacht wird, dass ein Mensch sich so verhält, wie der Helfende es erwartet.

Hilfe darf niemals Besitzansprüche erzeugen.

Hilfe muss Menschen stärken – nicht vom Helfenden abhängig machen.


UND DANN KOMMT DIE PRÜFUNG

Eine schriftliche Prüfung kann Fachwissen überprüfen.

Multiple Choice.

Grundlagen.

Recht.

Datenschutz.

Hilfesystem.

Krisensituationen.

Aber anschließend gehört für uns eine mündliche Fallprüfung dazu.

Ein obdachloser Mensch sagt:

„Wenn du jetzt gehst, bringe ich mich um.“

Was tun Sie?

Ein Mensch möchte plötzlich ausschließlich von Ihnen Hilfe annehmen.

Was tun Sie?

Ein Hilfesuchender möchte, dass Sie einen Antrag für ihn ausfüllen, dessen rechtliche Folgen Sie selbst nicht sicher beurteilen können.

Was tun Sie?

Ein schwer depressiver Mensch öffnet bei einem unangekündigten Besuch nicht.

Was tun Sie?

Ein Helfer fotografiert einen obdachlosen Menschen bei einer Übergabe und möchte das Foto veröffentlichen.

Was tun Sie?

Ein Vereinsmitglied versucht, andere Mitglieder gegen einen Kollegen aufzubringen.

Was tun Sie?

Ein Mensch lehnt Ihre Hilfe ab, obwohl Sie persönlich überzeugt sind, genau zu wissen, was für ihn richtig wäre.

Was tun Sie?

Hier zeigt sich irgendwann, ob jemand lediglich Antworten gelernt hat.

Oder ob jemand verstanden hat:

Es geht nicht um mich.


UND NACH EIN PAAR JAHREN?

Wird aufgefrischt.

Nicht wieder die komplette Ausbildung.

Aber verpflichtende Fortbildung.

Neue fachliche Erkenntnisse.

Neue gesetzliche Regelungen.

Neue Hilfsangebote.

Veränderte Anlaufstellen.

Neue gesellschaftliche Entwicklungen.

Und erneut Fallarbeit.

Denn auch Menschen, die seit zwanzig Jahren helfen, können anfangen, Dinge für selbstverständlich zu halten, die hinterfragt werden sollten.

Erfahrung ist wertvoll.

Aber Erfahrung darf niemals bedeuten, dass man nichts mehr lernen muss.


WIR WOLLEN EHRENAMT NICHT ERSCHWEREN

Ganz im Gegenteil.

Wir möchten es schützen.

Wir möchten Menschen besser darauf vorbereiten.

Wir möchten Organisationen Sicherheit geben.

Wir möchten Ehrenamtliche davor schützen, plötzlich in Situationen zu geraten, mit denen sie vollkommen überfordert sind.

Und vor allem möchten wir diejenigen schützen, um die es eigentlich geht:

die Menschen, denen geholfen werden soll.

Deshalb geht es ausdrücklich nicht darum, dass künftig jemand eine mehrwöchige Ausbildung benötigt, weil er beim Sommerfest Kuchen verkauft, im Lager Kisten sortiert oder bei einer Veranstaltung Tische aufstellt.

Es geht um Tätigkeiten, bei denen Menschen im Namen einer Organisation eigenständig direkten Kontakt zu besonders vulnerablen Menschen haben und dadurch besondere Verantwortung übernehmen.

Da beginnt für uns eine andere Ebene des Ehrenamtes.


WARUM SOLLTE DAS ZU VIEL VERLANGT SEIN?

Wir verlangen in anderen Bereichen selbstverständlich Qualifikation.

Beim THW gibt es Ausbildung und Prüfung.

Im Rettungsbereich gibt es Ausbildung.

In der Kinder- und Jugendarbeit gibt es Qualifizierungsstandards.

Für bestimmte technische Tätigkeiten gibt es Befähigungen und Unterweisungen.

Ehrenamtliche Sicherheitsberaterinnen und Sicherheitsberater werden in entsprechenden Programmen von Polizei und Kommunen ausgebildet, bevor sie älteren Menschen erklären, wie sie sich beispielsweise vor Enkeltrick und anderen Betrugsmaschen schützen können.

Und sogar beim Angeln haben wir akzeptiert, dass Wissen über den richtigen Umgang, Rechtsvorschriften und Verantwortung nicht vollkommen unwichtig ist.

Und dann steht irgendwann ein ehrenamtlicher Helfer nachts vor einem Menschen, der seit Jahren auf der Straße lebt, traumatisiert ist, unter einer Suchterkrankung leidet und möglicherweise gerade jeden Lebensmut verloren hat.

Und dort soll als Qualifikation ausreichen:

„Ich möchte gerne helfen.“

Nein.

Der Wunsch zu helfen ist der Anfang.

Er darf nicht das Ende der Qualifikation sein.


AUCH RESPEKT VOR DER ARBEIT ANDERER GEHÖRT DAZU

Und noch etwas gehört für uns zu einer solchen Ausbildung:

Respekt gegenüber anderen Menschen, Organisationen und Mitstreitern.

Wer nach diesem Beitrag gerade denkt:

„Das ist eine verdammt gute Idee. Daraus könnte man etwas machen.“

Dem sagen wir:

Bitte.

Tragt diesen Gedanken weiter.

Sprecht darüber.

Diskutiert darüber.

Entwickelt ihn weiter.

Denn genau darum geht es uns.

Wir wollen, dass darüber gesprochen wird.

Wir wollen, dass sich etwas verändert.

Wir wollen keinen Gedanken in einer Schublade einschließen und anschließend stolz darauf sein, dass er uns gehört.

Aber Respekt bedeutet eben auch, sich daran zu erinnern, wo ein Gedanke seinen Anfang genommen hat.

Eine bloße Idee kann man nicht einfach mit einem Copyright-Stempel versehen.

Darum geht es uns überhaupt nicht.

Aber dieses Konzept, seine konkrete Ausarbeitung und die Gedanken dahinter sind bei UNSICHTBAR e.V. entstanden und werden von uns öffentlich zur Diskussion gestellt.

Und wenn dieser Gedanke irgendwann auf einer großen Bühne vorgestellt wird, in einem Verband diskutiert, von einer Kommune aufgegriffen oder vielleicht sogar auf politischer Ebene weiterentwickelt wird, wünschen wir uns etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:

Denkt daran, wer diesen Gedanken ursprünglich öffentlich angestoßen und ein Konzept dazu entwickelt hat.

UNSICHTBAR e.V.

Nicht weil wir dafür einen Pokal brauchen.

Nicht weil unser Name anschließend möglichst groß auf irgendeiner Bühne stehen soll.

Und ganz sicher nicht, weil wir uns damit profilieren wollen.

Sondern aus einem einzigen Grund:

Respekt.

Denn auch das gehört zu verantwortungsvollem Ehrenamt.

Die Arbeit anderer anzuerkennen.

Ideen nicht einfach als die eigenen auszugeben.

Mitstreiter nicht als Konkurrenz zu betrachten.

Nicht ständig darüber nachzudenken, wer am Ende für etwas gefeiert wird.

Sondern miteinander daran zu arbeiten, dass etwas besser wird.

Vielleicht ist sogar das ein weiteres Unterrichtsthema unseres Befähigungsnachweises:

Respekt endet nicht beim Menschen, dem wir helfen.

Er gilt genauso gegenüber Kolleginnen und Kollegen, anderen Vereinen, Initiativen, Wohlfahrtsverbänden, Fachkräften und allen anderen Menschen, die sich Gedanken machen und Verantwortung übernehmen.

Man muss sich nicht mögen.

Man muss nicht immer einer Meinung sein.

Man darf widersprechen.

Man darf kritisieren.

Man darf Dinge vollkommen anders machen.

Aber man sollte fair bleiben.

Und wenn jemand anderes eine gute Idee hatte, verliert man nichts, wenn man sagt:

„Die Idee stammt von dort. Wir finden sie gut. Lasst sie uns gemeinsam weiterentwickeln.“

Auch das ist Haltung.


VERANTWORTUNG IN DER SOZIALEN HILFE IST VON HÖCHSTER WICHTIGKEIT

Denn hier bedienen wir keine Maschine.

Wir reparieren keinen Gegenstand.

Wir arbeiten nicht einfach eine Checkliste ab.

Wir begegnen Menschen.

Manchmal bekommen wir Zugang zu ihren schwächsten Momenten.

Zu ihren Geschichten.

Zu ihren Wohnungen.

Zu ihren Krankheiten.

Zu ihren Ängsten.

Zu ihren persönlichen Daten.

Zu ihren Familien.

Zu ihrer Scham.

Zu ihrem Vertrauen.

Und manchmal zu ihrer letzten Hoffnung.

Das ist ein Privileg.

Und daraus entsteht Verantwortung.


DAS KONZEPT LIEGT BEI UNS AUF DEM TISCH

UNSICHTBAR e.V. möchte diese Diskussion nicht nur anstoßen.

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie ein Befähigungsnachweis Soziale Hilfe aussehen könnte.

Über eine verpflichtende Grundqualifikation.

Über zusätzliche Fachmodule.

Über Ausbildungsinhalte.

Über Ausbildungsdauer.

Über geeignete Fachdozentinnen und Fachdozenten.

Über Theorie und Praxis.

Über schriftliche Prüfungen.

Über mündliche Fallprüfungen.

Über Haltung und Selbstreflexion.

Über Respekt und den Umgang miteinander.

Über Manipulation und Macht.

Über Obdachlosenhilfe.

Über psychische Erkrankungen und Krisen.

Über Grenzen ehrenamtlicher Tätigkeit.

Über das bestehende Hilfesystem.

Über regelmäßige Auffrischungen.

Und sogar darüber, wie ein solcher Nachweis transparent dokumentieren könnte, für welche Bereiche ein Mensch tatsächlich qualifiziert wurde.

Dieses Konzept, unsere Ideen und unsere Mitarbeit stellen wir gerne zur Verfügung.

Ministerien, die dieses Thema genauso ernst nehmen wie wir.

Kommunen, die gemeinsam mit uns darüber nachdenken möchten.

Wohlfahrtsverbänden.

Fachverbänden.

Hilfsorganisationen.

Und anderen Verantwortlichen, die bereit sind, darüber zu sprechen, wie wir soziale Hilfe im Ehrenamt sicherer, fachlich besser und verantwortungsvoller gestalten können.

Wir behaupten nicht, dass wir auf jede Frage bereits die perfekte Antwort haben.

Das wäre genau die Überheblichkeit, die wir mit diesem Konzept verhindern wollen.

Aber wir bringen Erfahrung aus der praktischen Hilfe mit.

Wir sind bereit zuzuhören.

Wir sind bereit, unser Wissen einzubringen.

Wir sind bereit, von Fachleuten zu lernen.

Und wir sind bereit, gemeinsam etwas daraus zu entwickeln, das weit über UNSICHTBAR e.V. hinausgehen kann.

Auch für Fragen, Interviews und Gespräche mit Medien und Presse stehen wir gerne zur Verfügung.

Denn auch das ist UNSICHTBAR e.V.

Wir helfen nicht nur.

Wir fragen uns auch:

Was ist eigentlich Hilfe?

Wann beginnt sie?

Wo endet sie?

Wann ist sie richtig?

Wann ist sie nur gut gemeint?

Und wann kann gut gemeinte Hilfe sogar Schaden anrichten?

Wir beobachten.

Wir hinterfragen.

Wir lernen.

Wir machen uns Gedanken.

Wir suchen nach Lösungen.

Und wir denken dabei nicht nur an diejenigen, denen geholfen wird.

Wir denken genauso an diejenigen, die helfen wollen.

Denn Ehrenamt braucht Menschen mit Herz.

Aber wer Verantwortung für andere Menschen übernimmt, braucht mehr als ein gutes Herz.

Er braucht Wissen.

Er braucht Haltung.

Er braucht Respekt.

Er muss seine Grenzen kennen.

Er muss Verantwortung verstehen.

Und manchmal muss er auch wissen, dass die verantwortungsvollste Form der Hilfe darin besteht, nicht selbst weiterzumachen, sondern einen Menschen an jemanden zu übergeben, der es besser kann.

Ein gutes Herz ist eine wunderbare Voraussetzung.

Aber ein gutes Herz allein ist keine Qualifikation.

HELFEN BRAUCHT KOMPETENZ.