Nachts ist die Stadt eine andere.
Nachts ist die Stadt eine andere.
Ich war wieder draußen.
Und auch wenn ich das inzwischen schon viele Jahre mache, muss ich feststellen: Die Nacht hat sich verändert.
Ich meine damit nicht unbedingt, dass sie unfreundlicher geworden ist. Sie ist einfach anders geworden.
Manche Situationen wirken angespannter. Manchmal sogar aggressiver. Und erstaunlicherweise kommt dieses Gefühl nicht unbedingt von den Menschen, die nachts draußen leben.
Manchmal kommt es eher von denen, die dort einfach nur entlanggehen.
In dieser Nacht bekamen wir eine Meldung über einen Mann, der draußen lag.
Ich fand ihn schließlich auf einem Lüftungsgitter an einem Haus. Aus diesem Gitter kam warme Luft. Wahrscheinlich hatte er genau deshalb diesen kleinen Platz gewählt.
Er lag dort und zitterte.
Um ihn herum liefen Menschen.
Viele Menschen sogar. Für diesen Wochentag und diese Uhrzeit nichts Ungewöhnliches.
Sie gingen an ihm vorbei. Manche nur wenige Schritte von ihm entfernt. Die meisten schauten nicht einmal hin.
Nur eine Person hatte nicht einfach weitergeschaut.
Sie hatte uns angerufen.
Und genau dafür möchte ich auch einmal Danke sagen.
Denn Hilfe beginnt nicht immer damit, dass man selbst alles lösen kann. Manchmal beginnt sie einfach damit, dass jemand stehenbleibt, hinsieht und sich fragt:
Kann hier vielleicht jemand helfen?
Ich bat den Mann, kurz aufzustehen.
Was sich leichter schreibt, als es in diesem Moment war. Wenn ein Mensch vollkommen durchgefroren ist, steht man eben nicht mal eben auf.
Auf diese kleine warme Stelle legte ich ihm eine Isomatte.
Darauf kam der Schlafsack, den ich vorher ausgepackt hatte.
Ein bisschen wie sein ganz persönlicher „Zimmer“-Service.
Nur eben ohne Zimmer.
Ich glaube, er hat sich trotzdem darüber gefreut.
Wir sprachen nicht dieselbe Sprache.
Eigentlich sprachen wir sprachlich betrachtet ziemlich konsequent aneinander vorbei.
Aber mit Händen, ein paar Worten, Zeigen und vermutlich einer ordentlichen Portion Improvisation haben wir es trotzdem geschafft.
Ich konnte ihm erklären, wohin er gehen kann, um weitere Hilfe zu bekommen.
Und ich zeigte ihm auch, wo sich die Männerunterkunft der Stadt Hagen befindet.
Und genau an dieser Stelle möchte ich etwas sagen, weil über diese Unterkunft leider immer wieder Dinge erzählt werden, die schlicht nicht stimmen.
Die Männerunterkunft der Stadt Hagen schließt nicht morgens ihre Türen und öffnet sie erst am Abend wieder.
Ich würde sogar so weit gehen und sagen:
Diese Unterkunft ist ein echtes Vorzeigeprojekt der Stadt Hagen.
Menschen können dort in Würde unterkommen.
Sie können duschen.
Sie können ihre Wäsche waschen.
Sie bekommen morgens ein Frühstück und am Abend etwas zu essen.
Und vor allem begegnet man ihnen dort als Menschen.
Eigentlich sollte das selbstverständlich sein.
Ist es aber leider nicht überall.
Und deshalb finde ich es wirklich sehr schade – und ehrlich gesagt auch ziemlich unhöflich –, wenn etwas schlechtgeredet wird, das ganz offensichtlich Potenzial hat und vor allem Menschen hilft, nur weil man irgendetwas vermutet, gehört haben will oder sich eine eigene Geschichte zusammenbaut.
Kritik ist vollkommen in Ordnung.
Auch soziale Einrichtungen dürfen und sollen kritisch betrachtet werden.
Aber dann bitte auf Grundlage von Fakten.
Dann sollte man sich vorher informieren.
Mit den Menschen sprechen, die dort arbeiten.
Sich anschauen, wie die Einrichtung tatsächlich funktioniert.
Und nicht erst öffentlich etwas behaupten und irgendwann hinterher feststellen, dass es vielleicht doch ganz anders ist.
Denn damit redet man nicht nur eine Einrichtung schlecht.
Man redet auch die Arbeit der Menschen schlecht, die dort jeden Tag dafür sorgen, dass andere Menschen ein Dach über dem Kopf haben, duschen können, saubere Kleidung bekommen und etwas essen können.
Und das haben diese Menschen nicht verdient.
Deshalb darf man an dieser Stelle auch einfach einmal sagen:
Danke.
Danke an diejenigen, die solche Angebote überhaupt möglich machen.
Danke an die Menschen, die dort arbeiten.
Und Danke an diejenigen, die nicht nur darüber reden, was angeblich alles nicht funktioniert, sondern jeden Tag versuchen, etwas funktionieren zu lassen.
Denn gute soziale Arbeit ist keine Selbstverständlichkeit.
Sie entsteht durch Menschen, die hinschauen, Verantwortung übernehmen und Dinge möglich machen.
Vielleicht ist genau das etwas, was uns miteinander verbindet.
Nicht laut sein.
Nicht groß erzählen.
Sondern machen.
In dieser Nacht war es eine Meldung.
Eine Isomatte.
Ein Schlafsack.
Ein bisschen warme Luft aus einem Lüftungsgitter.
Und ein Mensch, der anschließend wenigstens nicht mehr direkt auf dem kalten Boden liegen musste.
Mehr war es nicht.
Aber manchmal ist genau dieses „nicht mehr“ für einen anderen Menschen ziemlich viel.
Danke an die Person, die nicht einfach vorbeigegangen ist.
Und:
Danke, dass ich in dieser Nacht helfen durfte.