Ein Wohnwagen und so…

Nachts ist es still.

Nachts, naja, nachts triffst du den Tankwart. Einen Taxifahrer. Die Polizei, die Feuerwehr. Den Security-Mann, der schaut, ob bei den Geschäften alles in Ordnung ist.

Hin und wieder auch jemanden, der UNSICHTBAR e.V.  und gerade einen Freund vom Flughafen abgeholt hat.

Und natürlich die Menschen, zu denen wir fahren, wenn wir eine Meldung bekommen.

Sonst siehst du niemanden.

Nachts ist dann, wenn alle anderen schlafen.

Auch die, die immer fragen:
„Was macht ihr eigentlich? Man sieht euch ja gar nicht.“
Die Frage kennen wir. Wir beantworten sie trotzdem.

Ja. Was machen wir denn so?

Wir sind nicht rund um die Uhr unterwegs. Das wäre gelogen. Das kann auch niemand.

Einige von uns helfen nachts. Andere helfen tagsüber. Jeder so, wie er kann.

Und tagsüber steht unser Auto auch schon mal in irgendeiner Nebenstraße. Und wir sind dann halt nicht zu sehen.

Das hat seine Gründe.

Wer hat schon gerne das kunterbunte Obdachlosenmobil vor seiner Tür stehen? Dann kann man sich ja gleich einen Zettel auf den Kopf tackern: Ich bin arm. Ich brauche Hilfe.

Das geht nicht.

Also parken wir um die Ecke. Und gehen das letzte Stück zu Fuß.

Wir bringen einen Lebensmittelgutschein. Wir telefonieren. Wir hören zu.

So wie neulich.

Eine Frau rief an. Sie wollte wissen, wo ihr Bruder beerdigt ist.

Ich konnte es ihr nicht sagen.

Ihr Bruder hat eine Sozialbestattung bekommen. Ein Armutsbegräbnis. Und sie weiß bis heute nicht, wo er liegt.

Wir haben, glaube ich, eine halbe Stunde gesprochen.

Beraten habe ich sie nicht. Das dürfen wir nicht. Das dürfen nur Profis.

Wir sind keine Streetworker. Keine Betreuer. Keine Berater. Das wollen wir auch gar nicht sein.

Wir sind Ehrenamtliche. Menschen, die sich in all den Jahren jeder für sich ihr Wissen angeeignet haben. Und das ist nicht wenig. Das ist einiges.

Aber beraten tun wir trotzdem nicht. Nö.

Zuhören, das können wir. Da sein. Vielleicht ein bisschen Trost geben.

Und wir können Informationen weiterreichen. Wir können sagen, wo Menschen sich Hilfe holen können.

Ganz egal, ob jemand auf der Straße lebt oder noch ein Dach über dem Kopf hat.

Auch das ist wichtig. Auch das gehört zu unserer Arbeit.

Der Frau am Telefon habe ich aus meinem Leben erzählt. Von meiner Oma. Von meiner Mutter. Davon, dass auch ich nicht immer dort sein kann, wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Und davon, dass es nicht immer darauf ankommt, an einem Grab zu stehen.

Wer einen Menschen liebt, trägt ihn im Herzen. Auch wenn er schon gegangen ist.

Dann habe ich sie gefragt, was ihr Bruder gern gemacht hat.

„Er liebte Wohnwagen“, sagte sie.

Dann setzen Sie sich mit Ihrer Tochter an den Tisch, habe ich gesagt. Basteln Sie vielleicht einen Wohnwagen. Aus Streichhölzern, aus Holz, aus irgendetwas. Und an irgendeinem Tag holen Sie ihn hervor, stellen eine Kerze daneben und denken zu zweit an Ihren Bruder, so als kleines Ritual und sie sagen was über ihn und ihre Tochter fragt sie vielleicht was über ihn.

Und das auch wenn Sie sowieso an ihn denken. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.

Irgendwann musste ich auflegen. Ein Termin wartete. Ich habe mich entschuldigt.

Sie hat sich bedankt. Dafür, dass ich mir die Zeit genommen habe.

Auch das ist Hilfe.

Hilfe, bei der uns niemand sieht.

Und dann war ich auch heute wieder bei einer Meldung bei einem obdachlosen Menschen.

Das hat auch keiner gesehen.

Und ich schreibe nicht jedes Mal darüber. Früher haben wir das gemacht. Heute nicht mehr immer.

Solche Nächte sind anstrengend. Intensiv. Sie gehen einem nach. Und irgendwann freut man sich einfach nur noch auf sein Bett.

Und ehrlich: Wir fahren nicht raus, damit wir etwas zu erzählen haben. Wir fahren raus, weil jemand uns braucht.

Armut ist kein Content.

Wer uns nur glaubt, wenn wir darüber schreiben, den überzeugen wir auch mit hundert Berichten nicht. Und wer uns vertraut, der weiß: Wir sind da. Auch dann, wenn nichts im Blog steht.

UNSICHTBAR e.V. heißt nicht, dass es uns nicht gibt. Wir sind nur nicht immer dann zu sehen, wenn gerade jemand hinschaut.

Vielleicht steht am Sonntag irgendwo ein kleiner Wohnwagen aus Streichhölzern auf einem Tisch. Daneben brennt eine Kerze.

Den sieht dann auch niemand.

Aber es ist trotzdem da.