Für dich, Mutti
Viele sprechen über Einsamkeit,
weil es vielleicht gerade in ist.
Leider werden solche Themen viel zu schnell vergessen –
genauso schnell, wie die vergessen werden,
die sich irgendwann selbst vergessen.
Viele sprechen über Einsamkeit.
Weil es gerade passt.
Weil es ein Wort ist, das sich gut benutzen lässt,
solange man es nicht fühlen muss.
Solange Einsamkeit etwas ist, das andere betrifft.
Solange sie theoretisch bleibt.
Doch Einsamkeit ist kein Trend.
Und sie ist kein Thema, das wieder verschwindet,
nur weil man aufhört, darüber zu reden.
Einsamkeit ist leise.
Und sie bleibt.
Wenn das Leben einem über Jahre hinweg jede kleine Nuance an Erfahrung schenkt, verändert sich der Blick.
Man lernt, genauer hinzusehen.
Man lernt, wie Menschen verschwinden, obwohl sie noch da sind.
Auf der Straße.
In Wohnungen.
In Pflegezimmern.
In sich selbst.
Man lernt, dass Verlust nicht immer laut ist.
Dass er nicht immer einen klaren Moment hat, in dem etwas endet.
Manchmal kommt er schleichend.
Und manchmal heißt er Demenz.
Demenz ist kein einfaches Vergessen.
Sie ist ein fortschreitender Prozess,
der sich Zeit nimmt.
Der nicht fragt.
Der nichts erklärt.
Sie nimmt nicht alles auf einmal.
Sie nimmt Stücke.
Unauffällig.
Unfair.
Ein Wort wird nicht mehr gefunden.
Ein Gedanke geht verloren.
Eine Handlung, die früher selbstverständlich war,
wird plötzlich fremd.
Und irgendwann ist da dieser Blick, der kurz fragt:
Wo bin ich gerade?
Obwohl der Körper noch im selben Raum sitzt wie immer.
Und trotzdem lebt der Mensch weiter –
gefangen im eigenen Körper,
in einer Wirklichkeit,
die für andere nicht mehr sichtbar ist.
Manche sehen Menschen,
die niemand sonst sieht.
Manche hören Musik,
die niemand sonst hört.
Nicht als Einbildung.
Nicht als Spiel.
Sondern als Realität.
Für sie ist das da.
Für sie ist das wahr.
Alle um sie herum sagen dann: Da ist nichts.
Aber das hilft nicht.
Denn wer allein hört,
allein sieht, allein fühlt,
ist allein – auch wenn Menschen im Raum stehen.
Wie muss es sich anfühlen,
zu merken, dass die Welt immer kleiner wird?
Dass Nähe nicht mehr greifbar ist?
Dass etwas nicht stimmt,
ohne noch zu wissen, was?
Demenz ist kein Vergessen.
Demenz ist ein langsames Alleinwerden.
Und dann sind da die,
die einsam sind.
Die wirklich einsam sind.
Die, bei denen niemand langsamer spricht,
wenn Worte verloren gehen.
Die, bei denen niemand merkt, dass sich etwas verändert.
Die, bei denen niemand mit ihnen stirbt, wenn es immer schlimmer wird.
Wie unerträglich muss das sein.
Wenn Verwirrung kommt –
und Stille antwortet.
Wenn Angst da ist –
und niemand bleibt.
Wenn sich die eigene Wahrnehmung auflöst –
und keiner da ist, der sagt:
Du bist nicht allein.
Alleinsein ist schon gesund kaum auszuhalten.
Aber krank?
Verloren im eigenen Kopf?
Sich selbst fremd werdend?
Das ist keine Einsamkeit mehr.
Das ist Verlassenheit.
Und hier macht das Leben keinen Unterschied.
Nicht zwischen reich oder arm.
Nicht zwischen Wohnung oder Straße.
Nicht zwischen einem vollen Kalender
und leeren Tagen.
Am Ende stirbt man im eigenen Körper.
Während von außen oft noch gesagt wird, es sei halt das Alter.
Während innen jeden Tag etwas zerbricht:
Erinnerungen.
Orientierung.
Sprache.
Nähe.
Sicherheit.
Demenz macht etwas mit dir,
das sich kaum beschreiben lässt.
Sie lässt dich nicht nur vergessen, was dir wichtig war.
Sie zerlegt dich.
Langsam.
Ohne Rücksicht darauf,
wer du einmal warst.
Und sie zerstört nicht nur die,
die erkranken.
Sie zermürbt auch die,
die bleiben.
Die zusehen.
Die festhalten wollen.
Die merken,
dass sie ins Leere greifen.
Denn es gibt Abschiede ohne Abschied.
Menschen gehen,
ohne zu gehen.
Und andere bleiben zurück
mit einer Trauer,
für die es keinen Namen gibt.
Gestern hat sich meine Mutter bei mir entschuldigt.
Für etwas, das ewig zurückliegt.
Für etwas, das damals wehgetan hat.
Und in diesem Moment war nicht die Entschuldigung das Schwerste.
Es war der Blick danach.
Diese Angst in den Augen.
Die Angst, dass selbst dieser Satz gleich wieder verloren geht.
Vielleicht war es kein Zurückblicken.
Vielleicht war es ein letzter klarer Moment.
Ein Versuch, etwas richtig zu machen, bevor es dem eigenen Kopf wieder entgleitet.
Und während dort Gespräche geführt werden
mit Menschen, die niemand sonst sieht, sitze ich hier
und führe meines.
Mit jemandem,
der vor mir sitzt
und mir trotzdem fehlt.
„Manchmal erkennt man erst, wie sehr man geliebt wurde, wenn die, die einen liebte, beginnt zu verschwinden.“
Dieser Text ist für all jene,
die wir lieben.
Für all jene,
die uns geprägt haben.
Und für das, was bleibt,
wenn Erinnerungen gehen
und Liebe trotzdem nicht verschwindet.