Ostern nicht immer voll normal

Ostern nicht immer voll normal

Selbstversuche, was das Leben auf der Straße angeht, sind oft problematisch.
Weil — wer legt sich schon freiwillig tagelang auf einen Vorplatz? Tag und Nacht. Wartet darauf, was passiert. Wartet auf Kälte, auf Schmerzen, auf Schlaflosigkeit.

Wohl niemand.

Kaum jemand wartet auf einen Schicksalsschlag, um dann mit einem Lächeln zu sagen:
„Jetzt mache ich mal einen Selbstversuch und schaue, wie sich das so anfühlt.“

Mein „Selbstversuch“ — wenn man das überhaupt so nennen möchte — ist keiner.
Es ist wahrhaftig kein Selbstversuch.

Es sind Schicksalsschläge gewesen, die mich hart getroffen haben.
Die mir zeigen, wie krass es sein muss, auf der Straße zu leben.
Mit all den Problemen.
Mit Schlafstörungen.
Mit Verspannungen.
Mit Schmerzen, die nicht einfach verschwinden, wenn man morgens aufsteht — weil es dieses „morgens aufstehen aus einem richtigen Bett“ manchmal gar nicht gibt.

Das hier ist kein Spaß.
Das hier entspricht Tatsachen.

Und wer es sich herausnehmen sollte zu kommentieren, warum ich das öffentlich mache oder ob ich keine Freunde für so ein sensibles Thema habe, wird blockiert.
Nicht aus Trotz.
Sondern weil das Thema dann schlicht nicht verstanden wurde.

Es geht hier nicht darum, euch zu erzählen, dass ich vor sechs Monaten einem Feuer zum Opfer gefallen bin.
Dass ich daraufhin alles verloren habe.
Und dass keine fünf Monate später meine Mutter verstorben ist.
Und dass ich daraus jetzt einen Social-Media-Hit machen möchte.

Darum geht es nicht.

Es geht darum, hier darüber zu schreiben, dass ich inzwischen weiß, wie es sich anfühlen muss, morgens aufzustehen — oder besser gesagt: sich hochzuquälen — und nicht zu wissen, wo die eigene Rückenmuskulatur eigentlich hängt.

Weil die Bettlieferung wieder verschoben wurde.
Und wieder.
Und wieder.

Und meine Nervenbahnen und meine Wirbelsäule nach nun zwei Monaten auf einer Luftmatratze nicht nur anatomisch komisch wirken — sondern schlicht schmerzen.
Endlos schmerzen.

So sehr, dass ich zeitweise mehr Schmerztabletten nehme, als Brötchen zum Frühstück zu essen.
Nicht, weil ich das will.
Sondern weil der Körper irgendwann laut wird.

Eine Luftmatratze auf kaltem Boden ist kein Bett.
Sie ist ein Stück Kunststoff mit Luft darin — und diese Luft bleibt kalt.
Sie zieht Wärme aus dem Körper.
Nacht für Nacht.

Man legt sich hin und versucht zu schlafen.
Zieht vielleicht eine Wärmflasche an den Bauch.
Wickelt ein Handtuch um den Rücken.
Versucht irgendwie, die Kälte zu überlisten.

Aber der Körper merkt sich alles.

Jede Nacht.
Jede falsche Bewegung.
Jeden Muskel, der nicht zur Ruhe kommt.

Einladungen meiner mittlerweile sehr klein gewordenen Familie musste ich aufgrund meiner Schmerzen, die durch diese Verspannungen entstehen, absagen.
Und dabei bleibt es ja nicht.

Es bleibt nicht beim Absagen eines Termins.
Nicht bei einer Nachricht, die man schreibt und in der man erklärt, dass es heute einfach nicht geht.

Hinzu kommt die Psyche.

Die Psyche, die sich auf liebe Menschen gefreut hat.
Auf Gespräche.
Auf ein bisschen Normalität.
Auf dieses Gefühl, nicht allein zu sein.

Und stattdessen bleibt man wieder in der Bude sitzen.
Wieder allein.
Wieder still.

Es ist diese ewige Ruhe, die dann entsteht.
Diese Stille, die nicht beruhigt — sondern laut wird.

Der Körper liegt da und versucht, irgendwie zur Ruhe zu kommen, während der Kopf anfängt zu arbeiten.
Zu denken.
Nachzudenken.

Darüber nachzudenken, warum jetzt plötzlich alles so leise geworden ist.
Warum Dinge, die früher selbstverständlich waren, plötzlich zu Hürden werden.

Und dann kommt noch etwas dazu, was viele nicht sehen:

Man fragt irgendwann nicht mehr nach.

Nicht, weil es einem egal ist.
Nicht, weil man niemanden sehen möchte.
Sondern weil man weiß, dass alle anderen auch ihre Probleme haben.

Weil man niemandem zur Last fallen möchte.
Weil man nicht der sein will, der ständig erklärt, warum wieder etwas nicht geht.

Ich habe das damals nach dem Brand erlebt.

Zu dem Zeitpunkt wurde Hilfe angeboten.
Viel Hilfe.
Ehrliche Hilfe.

Aber zu diesem Zeitpunkt konnte keine angenommen werden.
Nicht, weil ich nicht wollte — sondern weil es einfach nicht ging.

Und was danach passiert ist, tut auf eine ganz andere Weise weh:

Viele von denen, die Hilfe angeboten hatten, waren irgendwann sauer.
Weil ich zu diesem Zeitpunkt keine Hilfe angenommen hatte.

Und dann verzogen sich viele wieder.
Still.
Leise.
Ohne große Worte.

Heute gibt es noch ein paar Menschen.
Zwei, drei vielleicht.
Menschen, mit denen ich reden kann.
Menschen, die mir schreiben.
Menschen, die einfach „piep“ sagen.

Und genau diese kleinen Zeichen sind manchmal mehr wert als große Worte.

Bei Menschen auf der Straße sieht das oft noch anders aus.

Da wirst du irgendwann komplett vergessen.
Nicht, weil du nichts wert bist —
sondern weil du aus dem Blickfeld verschwindest.

Und was das angeht, möchte ich bitte, bitte keinen weiteren Schicksalsschlag erleben, um hier noch mehr vergleichen zu können.

Was Einsamkeit bedeutet — damit habe ich bereits meine Erfahrungen gemacht.
Und ich wünsche mir ehrlich, dass ich auf diesem Gebiet keine weiteren machen muss.

Und genau an dieser Stelle kommt der Vergleich, den viele nicht hören wollen — der aber notwendig ist:

Was ich hier gerade erlebe, ist ein Hauch dessen, was obdachlose Menschen täglich erleben müssen.

Nicht für zwei Monate.
Nicht mit der Hoffnung auf ein Bett, das irgendwann geliefert wird.
Sondern ohne Aussicht darauf.

Auf Beton.
Auf kalten Bänken.
Auf Untergründen, die nicht nachgeben.
Die keine Rücksicht nehmen.

Mit Rückenmuskeln, die irgendwann nur noch aus Spannung bestehen.
Mit Bauchschmerzen, die entstehen, weil Verspannungen nach vorne ziehen.
Mit Schlafstörungen, die nicht aus Gedanken entstehen — sondern aus Schmerzen.

Und dann beginnt ein Kreislauf:

Zu wenig Schlaf.
Zu viel Kälte.
Zu viel Spannung im Körper.
Zu wenig Erholung.

Eine Wärmflasche wird dann nicht zum Luxus.
Sie wird zum Überlebenswerkzeug.

Ein trockenes Stück Stoff wird nicht zur Kleinigkeit.
Es wird zu Schutz.

Und ein echtes Bett ist kein Möbelstück.
Es ist Würde.

Und dann kommen solche Tage wie Ostern.

Tage, an denen viele Menschen zusammen sitzen.
An denen gegessen wird.
Gelacht wird.
An denen Familien zusammenkommen.

Mit einer Portion Ironie wünsche ich euch allen, dass ihr hoffentlich ein schönes Osteressen bei eurer Familie und bei euren Freunden hattet.

Bei mir gab es Salat von gestern aus der Bude.
Bei vielen anderen Menschen in der heutigen Zeit gab es bestimmt nichts.
Und bei vielen obdachlosen Menschen wahrscheinlich auch gar nichts.

Das ist kein Vorwurf.

Es ist einfach nur ein Vergleich.
Ein kleiner Fingerzeig, um mal darüber nachzudenken, wenn sich viele beschweren —
dass es überall Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als einem selbst.

Und zum Schluss habe ich eine Frage:

Wer ist auf die Idee gekommen, zu Ostern die lebensältere Nachbarin oder den Nachbarn, Tante, Onkel, Freund oder Freundin oder sonst wen einfach mal zum Essen einzuladen oder mitzunehmen — einfach mal so?

Ohne darüber nachzudenken, was es für sich selbst bringen würde.

Wer beantwortet mir die Frage mit einem klaren:

Ja — das habe ich.

Und bitte — es geht hier schon lange nicht mehr um mich.
Sondern um die, die wir da draußen sehen, fühlen und wissen.