Und dann…
Im Moment merke ich, dass ich eine Schreibblockade habe.
Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe.
Ganz im Gegenteil.
Allein in der letzten Woche hätte ich über so viele Meldungen schreiben können, wie schon lange nicht mehr. Über Begegnungen, über Situationen, über Dinge, die mich ohnehin schon an meine Grenzen bringen — und das in einer Verfassung, in der jeder einzelne Gedanke gerade schwerer wiegt als sonst.
Ich setze mich hin, lese Nachrichten, sehe, was draußen passiert, höre von Menschen, die Hilfe brauchen — und fahre raus, helfe wo Hilfe gebraucht wird, selbst dann, wenn ich zur Zeit manchmal einfach gar nicht mehr kann.
Vielleicht, weil ich im Moment kaum einen Gedanken zu Ende bringen kann, ohne dass meine Mutter darin auftaucht.
Und genau deshalb lasse ich es manchmal lieber ganz.
Nicht, weil mir nichts einfällt.
Sondern weil ich keine Kraft habe, mir zusätzlich noch Kommentare von irgendwelchen Fakeprofilen reinziehen zu müssen. Menschen, die ihren Daumen noch tiefer in eine Wunde drücken, die ohnehin schon offen ist.
Die fragen, ob man keine Freunde hätte.
Oder die meinen, es wäre empathielos, über sich selbst zu schreiben.
Menschen die einfach nur asozial sind und sonst so tun als wären sie ach so sozial.
Dabei geht es nicht um Aufmerksamkeit.
Es geht um Ehrlichkeit.
Erst der Brand.
Dann der Verlust meiner Mutter.
Zwei Dinge, die für Außenstehende vielleicht wie einzelne Ereignisse wirken.
Für mich sind es keine Ereignisse.
Es sind Spuren, die bleiben.
Nach dem Brand sollte hier langsam wieder etwas entstehen. Ein Ort, der irgendwann wieder nach Zuhause aussieht. Nicht perfekt. Nicht geschniegelt. Aber ein Ort, an dem man ankommen kann.
Und während ich hier sitze und versuche, Schritt für Schritt wieder Ordnung in das zu bringen, was vorher einmal selbstverständlich war, merke ich, wie oft meine Gedanken abschweifen.
Nicht zu Möbeln.
Nicht zu Wänden.
Sondern zu Erinnerungen.
Zu Dingen, die gesagt wurden.
Zu Momenten, die plötzlich viel schwerer wiegen als früher.
Zu dem Wissen, dass manches einfach nicht mehr nachgeholt werden kann.
Und während ich versuche, meinen eigenen Alltag irgendwie wieder zusammenzusetzen, denke ich gleichzeitig an die Menschen da draußen.
An die, die keine Wohnung haben.
Die keinen Ort haben, an dem sie sich zurückziehen können.
Die keinen Tisch haben, an dem sie sitzen können.
Die keinen Raum haben, in dem Erinnerungen einen Platz finden dürfen.
Raquel und ich sind in der letzten Woche unterwegs gewesen. Quer durch den Ennepe-Ruhr-Kreis, danach noch nach Hagen.
Und wir mussten nicht lange suchen.
Wir haben sie gefunden.
Menschen, die mittlerweile keinen Platz mehr in Eingängen von Ladenlokalen finden.
Menschen, die auf Verkehrsinseln schlafen, weil die Zahl der Obdachlosigkeit so stark angestiegen ist.
Und während ich das sehe, merke ich, wie sich alles miteinander vermischt.
Der eigene Schmerz.
Die eigene Müdigkeit.
Und das, was draußen immer mehr sichtbar wird.
Manchmal schaue ich aus dem Fenster und habe das Gefühl, dass diese Welt immer unruhiger wird.
Dass wir uns gegenseitig immer weniger zuhören.
Dass wir schneller urteilen, schneller verurteilen und immer weniger bereit sind, wirklich hinzusehen.
Vielleicht leben wir längst in einem Krieg — nicht mit Waffen, sondern mit uns selbst.
Ein Krieg aus Missachtung, aus Neid, aus Hass.
Ein Krieg, in dem wir verlernen, zuzuhören.
Ein Krieg, in dem wir verlernen, zu fühlen.
Und während all das passiert, sitze ich hier und merke, dass mir die Worte fehlen.
Nicht, weil nichts passiert.
Sondern weil gerade zu viel passiert.
Vielleicht ist das die ehrlichste Erklärung dafür, warum es in den letzten Tagen ruhiger geworden ist hier.
Nicht, weil es nichts zu berichten gibt.
Sondern weil die Kraft fehlt, alles in Worte zu fassen.
Und vielleicht gehört auch das zur Wahrheit dazu:
Dass selbst Menschen, die sonst immer etwas zu sagen haben, manchmal sprachlos werden.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern weil das Leben manchmal schneller zuschlägt, als Worte entstehen können.
Passt auf euch auf.
Bleibt gesund.
Ruft eure Verwandten und Freunde an. Fahrt zu ihnen hin. Nehmt sie in den Arm. Sagt ihnen, dass ihr sie liebt.
Wartet nicht auf den Tag, an dem es zu spät ist.
Man denkt immer, es wäre noch Zeit.
Noch ein Morgen. Noch ein Wochenende. Noch ein nächstes Mal.
Man verschiebt Gespräche, Umarmungen, Besuche — nicht aus bösem Willen, sondern weil das Leben laut ist, hektisch ist und man glaubt, die Zeit würde schon auf einen warten.
Aber sie wartet nicht.
Legt Streitigkeiten nieder, solange ihr euch noch in die Augen schauen könnt.
Lebt in Frieden miteinander, solange ihr noch die Möglichkeit habt, euch die Hand zu reichen.
Lasst anderen das, was sie besitzen, und seid zufrieden mit dem, was ihr selbst habt. Nicht, weil man sich mit wenig zufriedengeben soll — sondern weil Neid und Missgunst am Ende nur eines tun: Sie nehmen euch die Zeit, die ihr eigentlich miteinander verbringen könntet.
Ehrt eure Partner und Partnerinnen.
Schätzt sie.
Steht zu ihnen.
Nicht nur an guten Tagen, sondern gerade dann, wenn das Leben schwer wird.
Denn nichts ist selbstverständlich. Kein Mensch. Kein gemeinsamer Tag. Kein gemeinsames Lachen.
Es gibt diese Momente im Leben, die man erst versteht, wenn sie vorbei sind.
Wenn ein Stuhl plötzlich leer bleibt.
Wenn ein Telefon still bleibt.
Wenn man merkt, dass all die Worte, die man noch sagen wollte, nun schwer wie Steine im Herzen liegen.
Dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als noch einmal die Zeit zurückdrehen zu können.
Noch einmal anrufen zu dürfen.
Noch einmal sagen zu dürfen:
„Ich hab dich lieb.“
Nicht irgendwann.
Nicht später.
Sondern jetzt.
Liebe ist nichts Großes, Lautes oder Spektakuläres.
Liebe ist oft leise.
Eine Umarmung.
Ein kurzer Besuch.
Ein Satz, der sagt: „Ich bin da.“
Und vielleicht ist genau das das Schwerste an all dem:
Zu erkennen, wie wertvoll die einfachen Dinge sind —
erst dann, wenn sie nicht mehr da sind.
Darum wartet nicht auf einen besseren Moment.
Wartet nicht auf einen ruhigeren Tag.
Wartet nicht auf morgen.
Denn manchmal kommt ein Morgen,
an dem es kein Zurück mehr gibt.