Racing Mind
Immer „auf Strom“ – Leben im Dauer-Gedankenmodus
Ich kenne das: permanent auf Strom stehen.
Nicht im Sinne von körperlicher Übererregung, sondern im Kopf.
Der denkt, denkt, denkt. Immerzu. Unaufhörlich.
Wie ein Motor, der nicht ausgestellt werden kann, selbst dann nicht, wenn alle anderen Lichter längst ausgegangen sind.
Es gibt dafür vielleicht keinen geläufigen Namen im Alltag.
Vielleicht würde man es medizinisch oder psychologisch als innere Überaktivität bezeichnen, als gedankliche Ruhelosigkeit, als einen Racing Mind.
Gedanken, die rasen, kreisen, drängen, schreien, sich selbst überholen.
Und obwohl ich körperlich anwesend bin, fühlt sich mein Verstand an, als wäre er längst auf einer anderen Spur unterwegs. Fortlaufend. Unermüdlich.
Es ist, als dürfte mein Kopf niemals zur Ruhe kommen.
Nicht für einen Moment.
Nicht für eine Sekunde.
Ein Gedanke jagt den nächsten wie ein unaufhörlicher Strom, der nicht gedrosselt werden kann.
Manchmal fühlt sich das an wie: wahnsinnig werden.
Oder vielleicht schon wahnsinnig sein.
Heute war so ein Tag.
Oder besser: so eine Nacht.
Eine dieser Nächte, in denen der Kopf schneller denkt als ich atme.
Ein Anruf reißt mich aus dem Schlaf.
„Heute geht’s mal über die Grenzen unserer Grenzen hinaus“, denke ich – und ich handle.
Wie so oft.
Ich fahre los.
Helfe hier.
Halte dort an.
Kurz einem Pärchen geholfen.
Dann zwei Menschen durch die Nacht begleitet.
Etwas Warmes gebracht.
Einfach da gewesen.
Zwischendurch wieder auf dem Weg nach Hause – zumindest körperlich.
Im Kopf keine Spur davon.
Der denkt weiter.
An die abgebrannte Wohnung.
An das, was fehlt.
An das, was nie wieder so wird wie vorher.
Das macht mich kirre.
Dann schiebt sich das nächste dazwischen.
Das Schicksal in der Familie.
Hoffnung, die irgendwo zwischen Angst und Durchhalten hängt.
Und dieses Wiedererkanntwerden.
Dieses „Ach, du bist doch der…“
Manchmal trägt es.
Manchmal liegt es schwer auf den Schultern.
Irgendwann fahre ich ein Stück Wald.
Irgendwo da draußen, wo ich mich nicht auskenne.
Dunkel. Still.
Und plötzlich steht man da – mit einem Hauch von Angst.
Wildschweine, die im Dickicht grunzen.
Rehe, die einen mit großen Augen beobachten.
Hasen, die über den Weg hoppeln.
Vielleicht noch anderes Getier. Keine Ahnung.
Und inmitten dieser Nacht ist es schön zu helfen.
Wirklich schön.
Es erfüllt mich.
Und gleichzeitig fühlt es sich an, als würde ich damit versuchen, den unruhigen Kopf für einen Moment zu entlasten.
Aber das klappt nur kurz.
Denn was nicht schön ist:
Der Körper denkt einfach weiter.
Ohne zu fragen.
Jetzt.
Gleich auch.
Später wieder.
Und dann… und dann… und dann.
Eine Seite meines Kopfes steht gedanklich im Möbelhaus.
Plant. Rechnet. Funktioniert.
Die andere Seite trägt schwere Klamotten durch die Nacht.
Steht draußen.
Hält aus.
Weil niemand darüber nachdenkt,
dass angebotene Hilfe auch geleistet werden muss.
Nicht nur gut klingen darf.
Nicht nur erzählt werden darf.
Nicht reden.
Nicht erklären.
Einfach machen.
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Und irgendwann fragt man sich:
Werde ich deshalb wahnsinnig?
Oder ist das einfach das, was passiert,
wenn man zu viel fühlt,
zu viel denkt,
zu wenig Stille hat
und zu selten echte Ruhe findet?
Vielleicht hat es einen Namen.
Gedankenraserei.
Racing Mind.
Gedankliche Überaktivität.
Oder vielleicht ist es einfach menschlich.
Zu viel Leben.
Zu viel Verantwortung.
Zu viele Eindrücke.
Zu wenig Abschalten.
Und dann schreibe ich darüber.
Weil Worte helfen.
Weil Schreiben manchmal der einzige Moment ist, in dem der Strom im Kopf für einen Augenblick langsamer wird.
Weil es erleichtert zu wissen,
dass man nicht ja vielleicht auch nicht allein ist in diesem dauernden Denken, in diesem Drang zu handeln, zu helfen, weiterzugehen.
Vielleicht.