„Eisblumen“

 
 
„Eisblumen“
‚Ja, Schau nur blöd. Ich sitz hier zum Spaß und weiß mit meiner Zeit nichts anzufangen.‘ …und mit mir.
Das Fragezeichen in deinen Augen kann ich ganz deutlich sehen…und wie du nach Schubladen suchst. Es ist kalt!
 
Minus 4 Grad zeigt das Thermometer.
Langsam wird es ungemütlich.
Es ist keine schöne Jahreszeit, um auf dem Boden zu sitzen.
Die Ohren zwicken.
 
Gott-sei-Dank pfeift hier im Durchgang der Einkaufspassage der Wind nicht durch.
Wobei – er könnte dann all die kritischen und wertenden Blicke mit fortnehmen.
 
Sie haften mir an wie Fliegen einer Leimfalle. Widerlich. Egal wie herum man es betrachtet. Keiner sollte hier sitzen müssen. Keiner sollte so dämlich schauen.
 
Ohne zu fragen…jedenfalls. Ich wurde nicht gefragt…nie.
 
Ein gut erzogener Rebell war ich, im Sterntalerkostüm und blühte an Mauern auf.
In dieser Saukälte hier blühen nur Eisblumen.
 
Wundervolle Kunstwerke. Sehr klar und strukturiert. Beneidenswert.
Langsam wird es ruhig. Nur vereinzelt ziehen Menschen vorüber.
Hastig verschwimmen sie im hereingebrochenen Dunkel.
Das geschäftige Licht der Straße ist der winterlichen Stille gewichen.
Nur der Schein der alten Laternen gewährt einzelnen Schneeflocken einen zarten Schimmer.
 
Minus 10 Grad. Stunden sitze ich hier, zusammengekauert, verzweifelt auf Wunder gehofft.
 
Es fühlt sich seltsam an.
Die Ohren taub, Gefühl nur noch bis handbreit überm Knöchel.
Darunter ist nur stumpfer Schmerz und Füße, die versagen.
Die Finger steif, verweigern jeden Griff.
Die Kopfhaut brennt…so auch Nacken, Schultern, Arme, Hände.
 
Ich muss aufstehen. Mal wieder. Wenn ich leben will.
Von dieser sinnsuchenden Frage getrieben, aufs Neue, rappel ich mich irgendwie auf und ich schaffe sogar ein paar Meter, bis zur Bushaltestelle, auf die Bank.
Irgendwann rüttelt jemand an mir. Meine Augenlider sind tränenverfroren.
 
Ich frage nicht. Ich bin müde…
 
 
Anmerkung zum Text:
Dieser Text stammt von einer Person, die selbst einige Zeit obdachlos
war und uns diese Zeilen per Email geschickt hat aber anonym bleiben möchte.
 
Vielen Dank das für diesen EIN[BLICK] in die Welt hinter dem Vorhang der Gesellschaft veröffentlichen dürfen.