In der Nacht
In der Nacht von Freitag auf Samstag bin ich losgefahren. Spontan. Draußen war es kalt. Richtig kalt. Und manchmal hilft Bewegung, wenn Gedanken keinen Platz mehr finden.
Durch die Gegend zu fahren klingt harmlos. Ist es nicht. Im Winter schon gar nicht. Schnee, glatte Straßen, schlechte Sicht.
Die Augen sind ständig unterwegs: Verkehr, Spiegel, Gehwege, Hauseingänge, dunkle Ecken. Unter den Reifen liegt stellenweise nur eine dünne Schicht, die keinen Fehler verzeiht.
Man fährt angespannt. Wach. Der Kopf arbeitet ununterbrochen.
Und er wird nicht leerer.
Da sind Dinge, die lange getragen haben. Die klar waren. Die funktioniert haben. Und plötzlich werden sie kommentiert, verschoben, neu sortiert. Nicht, weil etwas nicht stimmt, sondern weil Unruhe entsteht. Weil viel gesprochen wird. Oft ohne Richtung. Worte, die gut klingen, aber nichts verändern. Das zieht Kraft. Es macht müde. Und manchmal nimmt es einem die Luft, weil Energie in Dinge fließt, die eigentlich keine bräuchten.
Dabei könnte es einfach sein.
Und dann kippt etwas.
Irgendwo im Ennepe-Ruhr-Kreis sehe ich sie. Eine ältere Frau auf einer Parkbank. Zusammengesunken. Zitternd. Allein. Ich fahre vorbei, habe sie im Augenwinkel. Dann halte ich an. Blinker. Wenden. Aussteigen.
Sie sagt, sie wohne zwei Hauseingänge weiter. Eigentlich habe sie noch ein Brot kaufen wollen. Aber in einem der Läden in ihrer Nähe dürfe sie nicht mehr einkaufen.
Warum nicht?
Ein Brot. Ein Hausverbot. Dann noch der Satz, dass Familie in der Nähe sei. Danach ist es still.
Solche Begegnungen verschieben etwas. Gedanken treten zurück. Dinge verlieren an Gewicht. Übrig bleiben Kälte. Nähe. Würde. Und die Erkenntnis, wie schnell ein Mensch an einen Punkt geraten kann, an dem ein Brot zu viel ist.
Schreiben fällt mir nicht schwer. Es fordert nur dann, wenn Dinge in Bewegung geraten, die eigentlich Ruhe brauchen.
Mehr ist es nicht.