Ist ja auch wurscht…
Ein ganz normaler Abend – na ja, fast!
Mein Tag beginnt.
Oder begann.
Oder hat begonnen.
Ach, keine Ahnung. Ist ja auch wurscht.
Jedenfalls habe ich heute mal richtig lange geschlafen. Muss ich zugeben. War aber auch bitter nötig. Die letzten drei Tage und Nächte hatten es in sich.
Immer mal raus.
Immer mal gucken.
Immer mal helfen.
Und irgendwann merkste, dass auch der Körper mal Feierabend haben möchte.
Dazu kommt, dass ich regelmäßig vergesse, etwas zu essen. Ja, ich weiß. Jetzt kommen wieder die guten Ratschläge: „Du musst doch vernünftig essen!“
Ja. Müsste ich wohl.
Wobei ich jetzt auch nicht unbedingt so aussehe, als würde ich am Hungertuch nagen.
Aber das ist eine andere Geschichte.
—
Heute stand dann noch ein besonderer Termin an.
Wir haben Jan-Christoph Schaberick getroffen, den Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises.
Und ich muss sagen: Das waren richtig interessante Gespräche.
Kein steifes Händeschütteln.
Kein Fototermin mit gequältem Lächeln.
Sondern ein echter Austausch.
Zuhören. Nachfragen. Verstehen wollen.
So etwas wünsche ich mir öfter. Denn gute Hilfe funktioniert nur, wenn alle miteinander reden. Die auf der Straße und die in den Rathäusern und Kreishäusern.
Danke dafür.
—
Heute Abend saß ich dann am Schreibtisch und habe an etwas gebastelt, das wir demnächst ausprobieren möchten. Ein Entwurf, der noch in die Druckerei muss.
Was genau das wird?
Verrate ich natürlich noch nicht.
Und dann klingelte das Telefon.
Am anderen Ende eine Person, deren Wohnung geräumt werden soll.
Morgen.
Ja, morgen!
Und da wird’s schwierig. Denn wer morgen geräumt wird, dem kannste gestern nicht mehr helfen.
Natürlich kann ich erklären, an welche Stellen man sich wenden kann und welche Möglichkeiten vielleicht noch bestehen.
Aber zaubern?
Nee, Leute. Können wir nicht.
Einmal mit dem Zauberstab wedeln, „Hokuspokus, Räumungsklage weg!“ und alles ist wieder gut?
Schön wär’s.
Natürlich sind die Menschen dann enttäuscht. Kann ich sogar verstehen.
Was ich nicht verstehe: wenn einfach aufgelegt wird, während ich noch versuche herauszufinden, ob vielleicht Angehörige helfen könnten.
Da sitze ich dann mit dem Telefon in der Hand und habe erstmal eine Maulsperre.
Ja, schönen Dank auch.
Wobei ich weiß, dass hinter so einer Reaktion oft riesengroße Verzweiflung steckt. Vielleicht ist das einfach der Moment, in dem jemand nicht mehr hören kann, dass auch wir manchmal nicht helfen können.
Denn auch das gibt es.
Wir können nicht alles.
—
Also zurück an den Schreibtisch.
Und dann klingelte das Telefon schon wieder.
Diesmal war es jemand, dem ich vor ungefähr fünf Jahren auf der Straße geholfen hatte. Er hätte da jemanden, der Unterstützung braucht. Ob ich kommen könne?
Na klar!
Also wieder raus, ins Auto und los.
Vor Ort habe ich zuerst den Mann versorgt, um den es ging.
Und dann kam der andere auf mich zu.
„Kennst du mich nicht mehr?“
Ähm …
„Vor fünf Jahren hast du mir geholfen!“
Tja. Bei all den Gesichtern der letzten Jahre konnte ich mich beim besten Willen nicht mehr an ihn erinnern.
Aber er hat mir erzählt, wie es ihm heute geht.
Er hat eine Freundin.
Eine Wohnung.
Er macht Sport.
Und er ist weg von den Drogen.
Na, das hört man doch gerne!
Vor fünf Jahren brauchte er Hilfe.
Heute hilft er selbst.
So einfach kann eine gute Nachricht aussehen.
—
Danach ging es weiter durch die Stadt. Hier noch jemand, dort noch jemand. Und natürlich wurde wieder ordentlich gequatscht und gelacht.
Was mich immer freut: Die Menschen kommen offenbar ganz gut damit klar, dass ich nicht mit einem Stock im Arsch durch die Gegend laufe.
Ich mache gerne mal einen blöden Spruch und lache mit den Leuten.
Denn mal ganz ehrlich:
**Dass es den Menschen beschissen geht, wissen die doch selber!**
Da muss ich nicht mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter danebenstehen und ihnen erklären, wie schlimm alles ist.
Das wissen die schon.
Dafür brauchen die mich nicht.
Man darf auch mal miteinander lachen.
Gerade dann, wenn das Leben alles andere als lustig ist.
Was hinterher hinter meinem Rücken erzählt wird, weiß ich natürlich nicht.
Vorne freundlich lächeln, hinten das Messer wetzen. Kenne ich.
Davon stecken mittlerweile genug in meinem Rücken.
Und nein, damit meine ich nicht die Menschen auf der Straße.
Das sind nur so Gedanken, die einem nachts durch den Kopf gehen.
Alles ein bisschen wurstiwursti.
—
Irgendwann traf ich noch die Polizei.
Wir haben uns ein paar Minuten unterhalten. Über dies und das. Solche Gespräche mag ich. Einfach reden, Erfahrungen austauschen, hören, wie andere die Dinge sehen.
Und zum Abschluss sagte einer der Beamten einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist:
**„Wichtig ist, Mensch zu bleiben.“**
Ja.
Da hat er verdammt recht.
Egal, ob du eine Uniform trägst, ein Amt hast, nachts durch die Stadt fährst, um zu helfen, oder selbst gerade auf Hilfe angewiesen bist.
Wir sind alle Menschen.
Mit unseren Macken.
Mit unseren Sorgen.
Mit unseren guten und unseren beschissenen Tagen.
Und manchmal reicht es schon, einander einfach vernünftig zu begegnen.
Ohne Theater.
Ohne sich wichtiger zu machen, als man ist.
Von Mensch zu Mensch.
—
Auf dem Heimweg denke ich über diesen Tag nach.
Ein Landrat, der zuhört.
Ein Mensch, der seine Wohnung verliert und auflegt.
Ein Mensch, der es von der Straße geschafft hat und jetzt selbst hilft.
Und ein Polizist, der mir sagt, worauf es ankommt.
Irgendwie passt das alles zusammen.
Denn helfen heißt nicht, dass hinterher alle glücklich sind.
Manchmal kriegste kein Danke.
Manchmal kriegste den Hörer aufgelegt.
Und manchmal erfährst du nach fünf Jahren, dass jemand den Weg zurück geschafft hat.
**Und genau deshalb fahre ich immer wieder raus.**
Nicht, weil ich die Welt retten kann.
Nicht, weil ich irgendein Wunderheiler bin.
Sondern weil manchmal schon ein bisschen Menschlichkeit reicht, damit jemand wieder einen Schritt nach vorne macht.
**Ich kann nicht jedem helfen. Aber das ist noch lange kein Grund, es nicht wenigstens zu versuchen.**
Mensch bleiben.
Dafür braucht man keine Uniform, kein Amt und keinen Titel.
Man muss es einfach nur machen.
Auch dann, wenn keiner zuguckt.
—
So.
Jetzt ist aber wirklich Feierabend.
Vielleicht komme ich ja noch zu ein paar Stunden Schlaf.
Es sei denn, das Telefon klingelt wieder.
Passt auf euch auf.
**Gute Nacht!**
—
**P.S.: Eine kleine Entschuldigung.**
Liebe Leserinnen und Leser,
wir möchten uns in aller Form für unser Beitragsbild entschuldigen.
Darauf ist kein obdachloser Mensch zu sehen.
Kein Schlafplatz.
Kein Pappbecher.
Keine Hände mit dollen Tattoos.
Kein trauriger Blick in die Kamera, schön in Schwarz-Weiß, damit es auch richtig wehtut.
Wir wissen. Das ist enttäuschend.
Wir wissen auch, dass uns das den einen oder anderen Fernsehbericht kostet.
Und so manches Like von Menschen, die beim Frühstückskaffee gerne mal ein bisschen Elend durchscrollen.
Tut uns wirklich leid.
Also …
nein.
Eigentlich nicht.
Wir lassen uns gerne kopieren.
Wirklich. Nur zu.
Aber wir kopieren andere nicht.
Und solche Bilder schon mal gar nicht.
Denn ein Foto kann mehr anrichten, als viele denken.
Ein erkennbarer Schlafplatz.
Ein Gesicht, das plötzlich jeder kennt.
Und schon wissen auch die, die nachts nichts Gutes im Schilde führen, wo sie suchen müssen.
Menschen für ein paar Likes in Gefahr bringen?
Das ist nicht unser Ding.
Und wird es auch nie sein.
Belehren möchten wir übrigens niemanden.
Wer so etwas liked und gut findet, dem ist mit Erklärungen ohnehin nicht mehr zu helfen.
Beratungsresistent nennt man das, glaube ich.
Deshalb:
Vielen herzlichen Dank an alle, die das verstehen.
Und allen anderen:
Viel Spaß beim Fotografieren.
**ARMUT IST KEIN CONTENT.**