Wenn wegsehen tödlich wird

Wenn wegsehen tödlich wird
 
Stell dir einen Menschen vor, der durch die Gegend taumelt.
– Sieht aus wie betrunken.
– Unendlich traurig.
– Stolpert hin und her,
– spricht mit sich selbst,
– weint,
– wirkt desorientiert.
 
Nicht wirklich ansprechbar.
Neben der Spur.
Als wäre ihm alles egal.
 
Ein Mensch, bei dem man denkt: Alkohol. Drogen.
Selbst schuld.
Man schaut kurz hin – und dann wieder weg.
 
Eine Sekunde später steht diese Person an einem Geländer.
Darunter: Tiefe. Abgrund. Schienen.
Der Zugverkehr, der den Aufprall bremsen wird.
 
Menschen gehen weiter.
 
Denn jetzt kotzt sich diese Person die Seele aus dem Leib.
„Kein Wunder bei dem Konsum“, denkt man.
Gedacht – gefragt hat immer noch niemand.
 
Niemand sieht, dass diese Person in diesem Moment keinen Funken Hoffnung mehr hat. Nicht einmal die Menschen um sie herum sehen sie.
 
Die Kälte kriecht von den Füßen langsam nach oben,
dringt unaufdringlich in einen ausgezehrten Körper
und droht, sie innerlich erfrieren zu lassen, wenn sie das nicht schon vorher ist aber das interessiert auch niemanden.
 
Dann passiert es.
Irgendein Typ packt sie am Arm.
Will sie wegziehen.
 
Niemand unternimmt was, jeder ist sich selbst der Nächste – gaffen und verurteilen, mehr können sie nicht.
 
Plötzlich wird ihr warm.
Zu warm.
Panik.
Sie klettert auf das Gerüst.
Und springt.
 
Niemand hätte ahnen können,
dass diese Frau einem Tyrannen entkommen war.
 
Einem Menschen, der sie eingesperrt hatte.
Der sie für sich beanspruchte.
 
Niemand hätte gewusst,
dass sie an diesem Tag fliehen konnte –
ohne Schuhe.
Ohne Plan.
Nur weg.
 
Niemand hätte gedacht,
dass es nicht Alkohol war.
Nicht Drogen.
Sondern ein geschwächter Körper im Fluchtmodus,
der selbst bei Schnee barfuß einfach nur überleben wollte.
 
Niemand hätte geahnt,
dass der Typ, der sie vom Geländer ziehen wollte,
vielleicht genau der war,
vor dem sie lieber alles beendete,
als noch einmal zurückzugehen.
 
Niemand.
 
Und doch hätten so viele mehr wissen können.
– Wenn sie nicht geurteilt hätten.
– Wenn sie gefragt hätten.
– Wenn sie hingeschaut hätten, statt wegzusehen.
– Wenn jemand nicht einfach nichts getan hätte –
sondern Hilfe gerufen.
 
Hätte.
 
Hätte.
 
Fahrradkette.
 
Dieses Ende war nicht zwingend.
Aber Gleichgültigkeit macht es möglich.
 
Das hier ist kein Roman.
Kein Krimi.
Kein erfundener Plot.
Das hier stammt aus Gedanken.
Aus Erfahrung.
Aus Erzähltem.
Aus Gelebtem.
Ja – zugespitzt.
Ja – hart.
Aber möglich.
Und genau deshalb gefährlich real.
Und dann gibt es die, die sagen:
„Zu kitschig.“
„An den Haaren herbeigezogen.“
„Das darf man doch nicht schreiben.“
 
Doch.
 
Genau das darf man.
Genau das muss man.
Denn hier treffen sich Erfahrung, Erzählung und Realität.
Hier wird bewusst tief gebohrt.
So tief, dass vielleicht eine von 5.000 Personen versteht,
worum es wirklich geht.
Eine Person, die beim nächsten Mal nicht wegsieht.
Die fragt.
Die hingeht.
Die hilft.
Vielleicht verstehen Menschen irgendwann,
warum es so wichtig ist, so zu schreiben, dass es berührt –
auch wenn es unbequem ist.
Vielleicht braucht es Texte, die fast bis an ein Stephen-King-Niveau gehen,
damit Themen nicht vergessen werden.
Damit sie sich einbrennen.
Damit jemand sich erinnert,
wenn genau diese Situation eintritt.
 
Und versteht:
Nicht jeder, der taumelt, ist betrunken.
Nicht jeder, der liegt, hat Drogen genommen.
Nicht jeder ungepflegte Mensch ist obdachlos.
 
Solange wir nicht sensibilisieren,
werden Menschen weiter verurteilt.
Nicht gesehen.
Und sterben –
 
weil es niemanden interessiert hat.
 
Genau dafür schreiben wir.
Gefällt dir das nicht?
Dann lies es nicht.
Aber sprich uns nicht ab,
warum wir es tun.
 
Nachtrag:
Beiträge wie dieser sind wichtig.
Nicht für Likes. Nicht für Reichweite um der Reichweite willen.
Sondern, weil sie Wissen schaffen, wo sonst Urteile stehen.
Weil sie zeigen, wie man handeln sollte, wenn man nicht wegsehen will.
Siehe der Beitrag von gestern: „Obdachlos bei Kälte?“
Verstehen lernt man nicht durch Annahmen.
Verstehen lernt man, wenn man begreift, was in einem Körper passiert, an dem man vorbeigeht.
Den man ignoriert.
Oder schon vorher verurteilt – und sich selbst überlässt.