Tod
Vor zwei Jahren klingelte mein Telefon.
Dortmund.
Nordstadt.
Ein Mensch sitzt irgendwo an einem Gebäude. Er friert.
Dieser Satz ist klein.
Unscheinbar.
Und trotzdem kann er dir das Herz zerreißen.
Wir machen viel.
Wir gehen weit.
Wir gehen oft über unsere Grenzen hinaus.
Aber es gibt Orte, da reicht Helfen allein nicht.
Da reicht guter Wille nicht.
Da bleibt etwas anderes stehen:
▫️Angst.
▫️Respekt.
▫️Realität.
Und man kann darüber lachen.
Ich nicht.
Es gibt Gegenden, da fährst du nicht einfach alleine hin.
Nicht nachts.
Nicht ungeschützt.
Nicht mit dem naiven Gedanken, dass schon alles gut gehen wird.
Alleine kann gut gehen.
Aber dieses „kann“ ist kein Versprechen.
Und mein Leben ist kein Einsatz, den ich leichtfertig bringe.
Meine Gesundheit auch nicht.
Ich bin nicht gefahren.
Zwei Tage später kam der nächste Anruf.
Wieder Dortmund.
Wieder eine Person, die friert.
Wieder diese Hoffnung, dass irgendjemand kommt.
Ich habe um drei Uhr Morgens versucht jemanden zu finden, der mich begleitet.
Ich habe telefoniert.
Organisiert.
Kontakte aktiviert.
Ich habe alles versucht, um jemanden zu finden, der nach diesem Menschen schaut.
Ich selbst bin wieder nicht „alleine“ gefahren.
Eine Nacht später war dieser Mensch tot.
Das ist kein Satz.
Das ist ein Schlag.
Mitten in die Fresse hinein.
Das arbeitet in dir.
Es breitet sich aus.
Es legt sich auf deine Brust, auf dein Herz, auf deine Seele.
Es bleibt.
Und es geht nicht wieder weg.
Du denkst nicht: Ich habe mein Bestes gegeben.
Du denkst: Hättest du es verhindern können?
Auch wenn dein Kopf weiß, dass du nicht überall sein kannst.
Auch wenn du weißt, warum du diese Entscheidung getroffen hast.
Schuld fragt nicht nach Vernunft.
Schuld schreit.
Nachts.
Leise.
Und manchmal sehr laut.
Jahre später.
Fast identisch dieselbe Geschichte.
Andere Stimmen.
Gleiche Kälte.
Und dann kommt wieder diese Nachricht.
Wieder ist jemand gestorben.
Wieder ein Mensch weniger.
Und du weißt: Zu diesem Zeitpunkt warst du nicht da.
Das ist kein Vorwurf von außen.
Das ist etwas, das von innen kommt.
Und es ist brutal.
Wir wissen, dass wir die Welt nicht retten können.
Das haben wir nie behauptet.
Aber wir versuchen, da zu sein.
So oft wie möglich.
So gut wie möglich.
So verantwortungsvoll wie möglich.
Und genau deshalb tut es so weh, wenn es nicht gereicht hat.
Wenn Zeit, Entfernung, Sicherheit oder Erschöpfung dazu geführt haben,
dass man an diesem einen Ort, zu diesem einen Zeitpunkt, nicht war.
Dann bleibt diese eine Frage, die sich nicht abstellen lässt:
Wenn du da gewesen wärst – hätte er noch gelebt?
Diese Gedanken machen müde.
Sie machen leise.
Und sie machen traurig.
Traurig nicht, weil man aufhören will.
Sondern weil man fühlt, was Verantwortung wirklich bedeutet.
Denn Helfen heißt nicht nur, Suppe auszugeben, Schlafsäcke zu verteilen oder Gespräche zu führen.
Helfen heißt auch, Verluste mit nach Hause zu nehmen.
Namen.
Gesichter.
Geschichten.
Und dieses Gefühl, dass man es nicht geschafft hat, obwohl man alles versucht hat.
Und dann liest du Sätze.
Hingeworfen wie Federn.
Leicht ausgesprochen.
Gedankenlos abgeschickt.
Da wird suggeriert, es gäbe volle Lager.
Bis unter die Decke.
Alles da.
Und trotzdem würde nicht geholfen.
Das ist keine Kritik.
Das ist eine Unterstellung.
Eine Unterstellung, die sagt:
Ihr habt genug.
Ihr gebt nichts raus.
Und deshalb sterben Menschen.
Solche Sätze wiegen schwerer als jede offene Beleidigung.
Weil sie sich als Mitgefühl tarnen.
Weil sie moralisch klingen.
Und weil sie aus sicherer Entfernung gesprochen werden.
Ein volles Lager heißt nicht passende Hilfe.
Ein volles Lager heißt nicht Winter.
Ein volles Lager heißt nicht Rettung.
Ein großer Teil dessen, was da liegt, sind Sommer- und Frühlingsschlafsäcke.
Und die gebe ich ganz sicher nicht bei Minusgraden aus.
Sommerschlafsäcke retten keine Leben im Winter.
Winterschlafsäcke fallen nicht vom Himmel.
Wir haben so viele, wie wir bekommen können.
Und im Winter kommen wir oft gerade so für unsere Region hin.
Manchmal gibt es Engpässe.
Das ist Realität.
Und trotzdem bleiben diese Worte.
Sie setzen sich fest.
Sie bohren sich rein.
Sie machen etwas mit dir.
Und dann gibt es da noch diese andere Wahrheit.
Dass es Menschen gibt, die diese nächste Nacht nicht überleben werden.
Ganz real.
Ganz still.
Ohne Kommentarspalte.
Ohne Empörung.
Ohne Likes.
Und gleichzeitig gibt es Menschen, die sehr laut sind.
Sehr sichtbar.
Sehr sicher.
Die reden.
Bewerten.
Urteilen.
Ohne je eine dieser Nächte getragen zu haben.
Vielleicht muss man das nicht bewerten.
Vielleicht reicht es, es auszuhalten.
Was ich weiß:
Ich bin damit nicht alleine.
Dieses Gefühl kennen Ehrenamtliche überall.
Deutschlandweit.
Viele sprechen nicht darüber.
Weil sie glauben, es interessiert niemanden.
Weil sie gelernt haben, stark zu sein.
Weil Helfen angeblich still funktionieren muss.
Aber irgendwann reicht diese Stille nicht mehr.
Letztendlich macht es mich fassungslos,
wie Menschen reden.
Wie leichtfertig Worte benutzt werden.
Wie schnell geurteilt wird.
Nicht über Situationen.
Nicht über Zusammenhänge.
Sondern über Menschen, die versuchen, andere am Leben zu halten.
Wie helfen dadurch schwer wird.
Nicht, weil die Not so groß ist.
Sondern weil das Klima vergiftet wird.
Weil Unterstellungen lauter sind als Realität.
Weil Moral oft wichtiger scheint als Verantwortung.
Und während diskutiert, kommentiert und bewertet wird,
während Worte fallen wie Schneeflocken auf warme Fensterbänke,
frieren draußen Menschen.
Und manche erleben die nächste Nacht nicht mehr.
Das ist der Punkt, an dem es nicht mehr um Meinungen geht.
Nicht mehr um Deutung.
Nicht mehr um Recht haben.
Das ist der Punkt, an dem Helfen weh tut.
An dem es müde macht.
An dem es leise zerstört.
Und wer dann noch glaubt,
Helfen sei nur eine Handlung
und keine Last,
keine Angst,
keine Verantwortung,
der hat nie wirklich geholfen.
Nicht einen Schritt.
Nicht eine Nacht.