Eine Reaktion des Ministers des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul

Vor ein paar Tagen habe ich eine Antwort bekommen, die mich wirklich bewegt hat.

Eine Reaktion des Ministers des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, auf ein Schreiben, das ich ihm im Januar persönlich übergeben hatte.

Bei einem Neujahrsempfang, auf dem er als Vortragssprecher eingeladen war, hatte ich die Möglichkeit, ihm diesen Brief zu überreichen. Darin ging es um ein Thema, das mich seit vielen Jahren begleitet: Würde wahren.

Konkret um den Umgang mit obdachlosen Menschen im öffentlichen und digitalen Raum.

▫️Um ungefragtes Fotografieren und Filmen. ▫️Um Reichweite auf Kosten von Menschen.

Oder klar gesagt:
Obdachlose Menschen sind kein Motiv. Elend ist kein Content.

In seiner Antwort greift er diesen Gedanken sehr deutlich auf. Er macht klar, dass Armut und Obdachlosigkeit kein „Content“ sein dürfen und dass die Würde des Menschen unantastbar ist – unabhängig von Lebenssituation, Herkunft oder sozialem Status.

Gerade besonders verletzliche Menschen brauchen Schutz, Zurückhaltung und Respekt.

Ich greife aus diesem Schreiben bewusst nur einzelne Gedanken auf, weil sie uns alle betreffen. Denn dieses Thema kann jeden treffen.

Wer das nicht sofort versteht, dem hilft vielleicht ein einfaches Beispiel:

▫️Stell dir vor, du bist unterwegs, bekommst plötzlich starke Bauchschmerzen, findest keine Toilette und setzt dich notgedrungen ins Gebüsch. In diesem Moment kommt jemand vorbei, macht ein Foto von dir und stellt es ins Internet.
Das ist eine Straftat.

🔹️Warum?

🔸️Weil niemand das Recht hat, in deinen höchstpersönlichen Lebensbereich einzudringen und Bilder von dir zu machen oder zu verbreiten.
Das Recht am eigenen Bild schützt genau davor. Solche Aufnahmen – und insbesondere deren Veröffentlichung – stehen unter Strafe, weil sie Würde und Persönlichkeit verletzen.

🔸️Ein weiteres Beispiel:

Ein schwerer Verkehrsunfall auf der Autobahn. Verletzte Menschen. Wer hier fotografiert oder filmt und diese Aufnahmen verbreitet, macht sich ebenfalls strafbar. Auch hier geht es nicht um Sensationslust, sondern um den Schutz des Menschen in einer extremen Ausnahmesituation.

🔸️Und jetzt kommt der Punkt, den wir uns ehrlich stellen müssen:

▫️Warum gilt dieser Schutz nicht in gleicher Konsequenz für obdachlose Menschen?

Auch sie werden häufig in Situationen gezeigt, in denen sie besonders verletzlich sind:
▫️schlafend, ▫️zusammengebrochen, ▫️krank,
▫️verzweifelt.

Ihre Würde wird verletzt, sie werden bloßgestellt und manchmal sogar in reale Gefahr gebracht – nur weil jemand ein Bild will.

▫️Für Likes.
▫️Für Klicks.
▫️Für Reichweite.

❗️Hinzu kommt ein weiterer, oft ausgeblendeter Aspekt:
Fotos und Videos müssen grundsätzlich genauso behandelt werden wie jedes andere Bild eines Menschen.

Das bedeutet:
Ohne eine ausdrückliche, nachvollziehbare Einverständniserklärung darf kein Bild und kein Film entstehen oder veröffentlicht werden.
Und eine solche Einverständniserklärung kann nur dann wirksam sein, wenn sie freiwillig, informiert und im nüchternen Zustand erfolgt. Gerade im Straßenkontext ist das häufig fraglich und wirft erhebliche rechtliche und ethische Fragen auf.

Wenn Einverständnis, dann richtig:
für jedes einzelne Bild oder Video, klar zugeordnet,
datiert, nummeriert,
und eindeutig nachvollziehbar, welches Material zu welcher Person gehört.

Alles andere ist kein Respekt – sondern Ausnutzen.

🔸️Auch darauf wird in der Antwort hingewiesen:
Würde zu wahren ist keine rein moralische Frage.

Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum führen zu Eskalationen, zu unnötigen Einsätzen von Polizei und Rettungskräften und zu realen Belastungen für alle Beteiligten. Respektlosigkeit bleibt nicht folgenlos.

Wichtig ist dabei: Diese Gedanken bleiben nicht auf einer Ebene stehen.

In seiner Antwort kündigt der Minister an, die angesprochenen Inhalte an zuständige Stellen weiterzuleiten – darunter
– das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen,
– das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen,
– die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen,
– die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen,
sowie auf Bundesebene
– das Bundesministerium für Arbeit und Soziales
und
– das Bundesministerium der Justiz.

Wir sind gespannt auf weitere Reaktionen.

Auf Gedanken, Impulse, vielleicht auch Vorträge und Gespräche, die daraus entstehen dürfen – und die wir weitergeben können, damit dieses so wichtige Thema seinen Weg in die Gesellschaft findet.

Denn jeder geteilte Gedanke, jeder weitergetragene Brief, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Würde zur Nebensache wird.

Nicht heute.
Nicht morgen.
Nicht im Namen von Reichweite.

Würde ist kein Content.