Wie ein Blatt im Wind
Wie ein Blatt im Wind
Würde wahren bedeutet für uns gerade vor allem eines: zurückzugehen.
Nicht nach vorne zu schauen, nicht neue Inhalte zu produzieren, sondern stehenzubleiben.
Hinzusehen.
In unsere eigene Geschichte.
Aktuell gehen wir sämtliche Beiträge durch, die wir in den letzten elf Jahren veröffentlicht haben.
Tausende.
Sehr viele Tausend.
Ob es am Ende 12.000 sind oder mehr, ist nicht entscheidend.
Entscheidend ist, was wir dort finden – und was wir daraus machen.
Überall dort, wo uns Bilder auffallen, auf denen obdachlose Menschen erkennbar sind oder ihre Schlafplätze, ihre Rückzugsorte, ihre Verletzlichkeit sichtbar werden, löschen wir diese Bilder.
Teilweise ersetzen wir sie durch neutrale Motive. Teilweise verschwinden sie vollständig.
Nicht, weil wir etwas verstecken wollen.
Nicht, weil wir unsere Vergangenheit ausradieren möchten.
Sondern weil wir verstanden haben.
Würde wahren ist nicht aus einer Idee am Schreibtisch entstanden. Nicht aus einem Trend. Nicht aus Marketing. Sondern aus einer schmerzhaften Erkenntnis: wie erschreckend hoch die Dunkelziffer von Überfällen auf obdachlose Menschen ist – und wie sehr Sichtbarkeit dabei eine Rolle spielen kann.
Uns war lange nicht bewusst, was Bilder und Filmmaterial tatsächlich anrichten können.
Auch wir haben früher Fotos gemacht, um aufmerksam zu machen. Um zu zeigen, wie schlimm die Situation ist. Die Absicht war ehrlich. Aber gute Absichten schützen nicht vor gefährlichen Folgen.
Denn ein Bild ist nie nur ein Bild.
Vielleicht hilft ein gedankliches Beispiel.
Stell dir vor, ein Foto wird hochgeladen.
Ein Klick.
Ein kurzer Moment. Vielleicht gut gemeint.
Dieses Bild liegt dann nicht einfach nur auf einer Facebook-Seite.
Es wird gesehen.
Es wird geteilt.
Es wird gespeichert.
Jemand schickt es weiter.
Jemand macht einen Screenshot.
Jemand lädt es neu hoch – mit einem anderen Text, in einem anderen Zusammenhang.
Ein Algorithmus greift es auf.
Es landet in Zwischenspeichern, auf Servern, in automatischen Backups.
Vielleicht auf Seiten, von denen wir niemals erfahren werden.
Und irgendwann löschen wir dieses Bild.
Auf unserer Seite.
In unserem Profil.
Für uns ist es weg.
Aber für das Internet ist es das nicht.
Dieses Bild ist längst unterwegs.
Wie ein Blatt im Wind.
Man weiß nicht mehr, wo es landet.
Wer es sieht.
Oder wofür es benutzt wird.
Und genau darin liegt die Gefahr.
Denn ein Bild, das einmal öffentlich war, verliert seinen Schutz.
Es verliert seinen Kontext.
Es verliert jede Kontrolle.
Am Ende kann ein Mensch seine Sicherheit verlieren –
weil ein Schlafplatz wiedererkannt wird.
Weil jemand identifizierbar ist.
Weil ein Ort plötzlich kein Schutzraum mehr ist.
Das passiert nicht laut.
Nicht sofort.
Nicht sichtbar.
Aber es passiert.
Genau deshalb reicht es nicht zu sagen: Wir löschen das Bild.
Denn löschen heißt im Internet oft nur:
Wir sehen es nicht mehr – aber es ist noch da.
Diese Erkenntnis hat Würde wahren entstehen lassen.
Und deshalb ist uns heute eines besonders wichtig:
Wenn wir aktuell Bilder verwenden, dann sind es keine echten, lebenden oder existierenden Menschen.
Es handelt sich um KI-generierte, fotorealistische Darstellungen, die bewusst keine realen Personen zeigen.
Diese Bilder stehen stellvertretend für Situationen – nicht für Menschen.
Wir kennzeichnen diese Inhalte klar und transparent.
Nicht, um etwas zu verschleiern, sondern um deutlich zu machen:
Hier wird niemand gezeigt.
Hier wird niemand exponiert.
Hier wird niemand gefährdet.
Denn Würde wahren heißt für uns auch, neue Wege zu gehen, um sichtbar zu machen, ohne preiszugeben.
Und wir gehen noch einen Schritt weiter.
Wir wollen mit diesem Weg selbst Teil dessen werden, wofür Würde wahren steht.
Nicht nur darüber sprechen – sondern es vorleben.
Als Vorbild unserer eigenen Kampagne.
Und vielleicht auch als Impuls für andere.
Für Vereine, Initiativen, Medien, Privatpersonen.
Für alle, die in Zukunft bewusst darauf verzichten, Bilder von obdachlosen Menschen oder ihren Schlafplätzen zu posten.
Und stattdessen andere Wege wählen: KI-Bilder, Illustrationen, Texte, Symbole – oder gar keine Bilder.
Nicht, weil man nichts zeigen darf.
Sondern weil man Verantwortung trägt.
Und ja: Auch wir müssen uns eingestehen, dass wir früher anders gearbeitet haben. Dass wir Dinge getan haben, die wir heute nicht mehr tun würden. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Unwissen.
Verantwortung beginnt nicht dort, wo alles perfekt war. Sie beginnt dort, wo man bereit ist, etwas zu verändern.
Nicht alles lässt sich rückgängig machen.
Was einmal im Netz war, verschwindet nie vollständig.
Das wissen wir.
Aber wir können Verantwortung für das übernehmen, was in unserer Hand liegt.
Wir können Bilder auf unserer Facebook-Seite löschen.
Auf Instagram. (Sobald das Homeoffice wieder funktioniert)
Auf unserer Webseite.
Das tun wir.
Schritt für Schritt.
Beitrag für Beitrag.
Und wir bitten euch um Unterstützung.
Wenn ihr durch unsere alten Beiträge geht und irgendwo ein Bild entdeckt, bei dem ihr denkt: Das fühlt sich nicht richtig an – dann sagt uns bitte Bescheid.
Nicht öffentlich.
Nicht anklagend.
Sondern damit wir hinschauen und handeln können.
Was wir nicht können:
Bilder löschen, die bei Google oder auf fremden Seiten auftauchen.
Darauf haben wir keinen Zugriff. Aber auf unsere eigenen Kanäle schon.
Dieser Weg ist unbequem.
Er kostet Zeit.
Er kostet Kraft.
Und er erfordert Mut.
Denn nicht jeder ist bereit zu sagen:
Wir haben dazugelernt.
Wir machen Dinge heute anders als früher.
Und wir stehen dazu.
Würde wahren heißt für uns genau das.
Nicht fehlerfrei zu sein.
Sondern Verantwortung zu übernehmen – auch rückwirkend.
Nicht, um uns besser darzustellen.
Sondern um Menschen zu schützen, deren Würde niemals Content sein darf.
Deshalb gehen wir diesen Weg.