Nicole auf Tour
Andreas und ich (Nicole) on tour. Der Wettergott war gnädig, denn wir hatten uns schon auf eine Schneefahrt eingestellt, aber dem war nicht so.
Wir haben uns kurz besprochen und uns auf die Tour vom letzten Mal geeinigt. Schwelm, Wuppertal, Hagen – und es ging los.
Bei den ersten angefahrenen Orten war gähnende Leere und wir waren etwas verwundert. Aber dann, am nächsten „Brennpunkt“, wurden wir regelrecht belagert.
Wir hatten alle Hände voll zu tun. Eine Person sprach nur Englisch, aber im Falle der Not braucht es keine Worte. Die dünnen Schuhe und die leichte, alte Jogginganzugjacke lassen einen beim Anblick dieser leichten Kleidung schon erzittern.
Wir haben Schuhe, Isomatten und Schlafsäcke herausgegeben.
Aber es ist nicht nur die Not, die mich persönlich immer noch erschüttert, sondern auch die ein oder andere Geschichte. Ich persönlich frage gerne mal nach, wenn es sich ergibt, natürlich mit der Maßgabe, Grenzen und Takt einzuhalten.
Ein verhältnismäßig gepflegter Mann, der früher beruflich erfolgreich war, lebt am Bahnhof und hat schon zwei Wohnungen wieder verloren, weil er es nicht hinbekommt.
Es geht hier nicht um Neugier, sondern um tiefes Mitgefühl und der Frage: „Wie kommt es dazu?“
Der andere hat eine echte Drogenkarriere hinter sich, kommt gerade aus dem Gefängnis, ist im Entzug und nun rückfällig. Er steht mit nichts da, aber ausgesprochen höflich und humorvoll, weil er meinte, die rote Mütze, die wir ihm gegeben haben, würde gut zu seinem Teint passen.
Wichtig sind für mich auch die nachgehenden Gespräche im Auto. Sie sind wichtig, um das ein oder andere Erlebte zu verarbeiten.
In Hagen ist nichts los.
Wir fahren durch die Fußgängerzone und treffen auf zwei Damen, die mit einer Zange in den Mülleimern nach etwas Brauchbarem suchen. Sie winken freundlich, wir halten an und fragen, ob es einen Bedarf gibt.
Die Antwort ist nein, sie dachten, Holger wäre im Auto. Ach ja, an dieser Stelle an Holger: „Schöne Grüße!“
Einen Tee möchten die beiden dann doch. Winkend fahren wir weiter, da hält ein Polizeiauto neben uns.
Erster Gedanke: Upps, haben wir etwas falsch gemacht?! Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Auch die Polizei hat ein Auge auf hilfsbedürftige Personen und wir tauschen uns aus. Ein netter Schnack, und dieser endet mit einem guten Gefühl.
Auch an der letzten Station herrscht gähnende Leere. Es ist aber für uns beruhigend, denn es lässt den Schluss zu, dass alle ein warmes Plätzchen für die Nacht gefunden haben.
Fazit: Dieses Ehrenamt lebt tatsächlich vom Geben, aber auch vom Nehmen. Denn die Dankbarkeit, die ich zurückbekomme, wiegt so viel auf und gibt mir die Gewissheit, etwas Sinnvolles zu tun.