Blaue Schuhe
Gestern Abend ging es für Andreas und mich (Nicole), bei beinahe frühlingshaften Temperaturen, wieder raus. Unsere mittlerweile „übliche“ Route: Schwelm, Wuppertal und Hagen.
Die ersten angefahrenen Stationen waren erneut unbelebt, aber dann, in Wuppertal Mitte, bekamen wir alle Hände voll zu tun. Zuerst ein bekanntes Gesicht, ich entlockte ihm seinen Vornamen und wir führten ein kurzes und nettes Gespräch. Etwas zögerlich kam die schüchterne Dame von vorletzter Woche, sie äußerte kaum ihre Bedürfnisse. Sehr schüchtern und bescheiden fragte sie nach Schuhen, die sie auch dringend benötigte – ein Blick auf die Schuhe an ihren Füßen genügte.
Im Auto fand ich die passende Größe, aber die Schuhe waren hellblau. Die Dame war zögerlich, sie lehnte die Schuhe ab, weil sie die Farbe als zu empfindlich empfand.
Innerlich musste ich schmunzeln, ich vermutete, dass ihr die Schuhe nicht gefielen. Jetzt könnte man argumentieren, dann kann die Not nicht so groß sein, aber ich dachte anders und fand eine andere Lösung, die sie sehr dankbar annahm. Der Andrang wuchs und wir hatten alle Hände voll zu tun.
Wir stiegen ein und kamen nur 50 Meter weit, weil uns weitere bedürftige Menschen zuwinkten. Wir hielten erneut an und es entstand ein buntes, fast geselliges Treiben am Auto. Ein Mann fiel mir durch seine Art der Kommunikation auf. Nach der „Erstversorgung“ war spürbar, er wollte reden, und wir kamen ins Gespräch. Dieser höfliche Mensch erzählte, er habe zwei Ausbildungen absolviert und Bauingenieurwesen studiert.
Glücklicherweise redete er weiter, denn ich war im ersten Moment sprachlos. Seine ganze Geschichte sprudelte förmlich aus ihm heraus. Innerlich schüttelte ich den Kopf und war fassungslos, wie schnell man tatsächlich in die Obdachlosigkeit geraten kann.
Nachdem alle versorgt waren, ging es weiter und wir waren beide beeindruckt von dem Andrang an diesem Abend. Wir sprachen auch kurz über die Dame und die blauen Schuhe und sind uns einig: Auch in dieser Situation hat eine gewisse Eitelkeit mit dem Erhalt von Würde zu tun.
Weiter ging es nach Hagen, auch hier hatten wir alle Hände voll zu tun. Die hellblauen Schuhe fanden eine glückliche Abnehmerin. Eine Woge der Dankbarkeit erreichte uns und endete mit dem Satz: „Ich küsse dein Herz.“
Es war eine bewegte Nacht, sie wirkt auch noch nach, vor allem weil wir dieses Mal viele Gespräche geführt haben. Ob sich alles immer tatsächlich genauso zugetragen hat, steht auf einem anderen Blatt.
Fazit: Die Versorgung dieser Menschen ist wichtig, aber es ist auch eine Herausforderung, in der Situation die tatsächlich notwendige Bedürftigkeit zu identifizieren und richtig zu entscheiden. Aber zuzuhören und diese Menschen wirklich zu sehen, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe. Und seit letzter Nacht weiß ich, was Holger in seiner Rede in der Johanniskirche wirklich gemeint hat.