Mutti
Ich bin deutlich angeschlagen, mehr als ich jemals gedacht hätte angeschlagen zu sein.
Der Tod meiner Mutter hat mich unglaublich aus der Spur gehauen, und ich bin manchmal kopfmäßig überall – nur nicht da, wo ich vielleicht doch sein sollte.
Wobei ich im Moment gar nicht weiß, wo dieses „da“ eigentlich ist.
Und ich bin so unglaublich müde.
So kraftlos und ausgelaugt.
So, als würde ich einen Berg hinunterrollen, den Abgrund sehen und mir denken:
Es ist ja noch ein wenig Zeit zum Bremsen.
Gestern habe ich etwas mit einem Familienmitglied unternommen, zu dem ich sehr lange keinen Kontakt hatte.
Und ohne um den heißen Brei herumzureden:
Es war schön. Wirklich schön.
Warum eigentlich nicht schon früher so?
Manchmal sitzt man nebeneinander, redet, lacht vielleicht sogar ein wenig – und plötzlich merkt man, dass da etwas ist, das all die Jahre nie ganz verschwunden war.
Vielleicht nennt man das Familie.
Vielleicht nennt man das einfach ein Band, das selbst die Zeit nicht vollständig zerreißen kann.
Auf der Fahrt nach Hause drückte ich im Auto ganz automatisch auf „Verbinden“.
Ich wollte meine Mutter anrufen.
Es war so selbstverständlich.
So gewohnt.
So normal.
Bis diese leise Stimme in meinem Kopf kam – eine Stimme, die ich inzwischen viel zu gut kenne – und mir sagte:
Da geht niemand mehr dran.
Da wirst du niemanden mehr erreichen.
In diesem Moment wird einem bewusst, wie endgültig der Tod eigentlich ist.
Also rief ich stattdessen meinen Neffen an und erzählte ihm von diesem Treffen.
Von dieser kleinen Erfahrung, die meine Mutter bestimmt gern gehört hätte.
Von diesem Moment, über den sie sich wahrscheinlich gefreut hätte.
Vielleicht hätte sie gelächelt.
Vielleicht hätte sie gesagt:
„Siehst du, Junge… Brüder bleiben eben Brüder.“
Und vielleicht hätte es ihr einfach nur gutgetan zu wissen, dass Dinge wieder zueinanderfinden können.
Dass Menschen, die einmal zusammengehört haben, sich manchmal wieder ein Stück näherkommen.
Irgendwann fuhr ich dann sehr müde nach Hause.
Ich war wirklich platt.
Leer.
Als hätte jemand irgendwo in mir den Stecker gezogen.
Und während ich so fuhr, waren da ihre letzten Wünsche.
Sei zu jedem Menschen freundlich. Immer. Überall.
Was für eine Aufgabe in dieser verrückten Welt.
Tue Gutes.
Aber vergiss dich selbst nicht.
Ich gebe mein Bestes, dachte ich mir.
Nur… im Augenblick fehlt mir die Kraft.
Weil ich eben so müde bin.
So leer.
Dann klingelte das Telefon.
Eine junge Frau war in einer Stadt gestrandet.
In einer Stadt, in der es nicht wirklich ungefährlich ist, als Frau nachts auf der Straße unterwegs zu sein.
Sie war völlig durch den Wind.
Und sie hatte gerade mehr mit sich selbst zu kämpfen, als ein Mensch eigentlich allein tragen sollte.
Was also tun?
In den letzten Zeilen ihres Briefes hatte meine Mutter mir geschrieben:
„Junge, wenn du mal nicht weiterweißt, dann mach doch einfach das, was deine Mutter vielleicht getan hätte.
Frag mich doch in Gedanken, was ich gemacht hätte.“
Und genau das tat ich.
Ich stellte mir diese Frage.
Und plötzlich war es, als wäre sie noch einmal kurz neben mir.
Ganz still.
Ganz ruhig.
Ich erzählte Bea von meiner Idee.
Und irgendwie entschieden wir dann zu dritt – meine Mutter in Gedanken, Bea und ich – dass dieses Mädchen bis Montag erst einmal in ein Hotel gehört.
Einfach raus aus der Nacht.
Raus aus der Unsicherheit.
Raus aus dieser Situation.
Die nächsten Tage werde ich sie wiedersehen.
Sie hat schließlich auch Hunger.
Und vielleicht meldet sie sich ja.
Was als Nächstes passiert, weiß ich nicht.
Was ich aber weiß ist:
Mutti und Bea haben mir im Grunde das Gleiche geraten.
Erstmal runterkommen.
Erstmal durchatmen.
Erstmal einchecken.
Vielleicht wird ja alles gut.
Vielleicht strahlt die Sonne bald wieder für sie.
Und vielleicht war das heute genau das, was meine Mutter meinte, als sie schrieb, dass ich weiterhin Gutes tun soll.
Ich glaube, ich habe für heute – und vielleicht sogar für die nächste Woche – einfach genug Gutes getan.
Jetzt brauche ich dringend Zeit.
Zeit für mein Herz.
Zeit für meine Gedanken.
Zeit für diese Müdigkeit, die sich gerade wie ein schwerer Mantel um meine Schultern gelegt hat.
Und vielleicht…
ganz vielleicht…
sitzt irgendwo dort oben eine Mutter, die ihren Jungen anschaut und leise sagt:
„Das hast du gut gemacht.“