Eine Mission – ein Team

Gestern Abend, bei immer noch brütender Hitze um 21 Uhr, trafen Holger und ich (Nicole) uns wie gewohnt am Lager.

Die Luft stand. Aber Holger hatte mal wieder eine clevere Anschaffung gemacht – wie so oft. Eine etwas überdimensionierte, elektrisch regelbare Kühlbox zierte die Rückbank des vollgepackten Straßenwagens. Sie war bereits mit Kaltgetränken, Obst und Schokolade gefüllt.

Wir stimmten kurz unsere Route ab und machten uns dann auf den Weg. Zunächst ging es nach Hagen, um die Lage zu sondieren. Doch im ersten Schritt gab es nicht viel zu tun. Also fuhren wir weiter in unser neues „Terrain“ – nach Iserlohn. Dort war ebenfalls alles ruhig, sodass wir über Hohenlimburg zurück nach Hagen fuhren.

Mitten in der Fußgängerzone trafen wir auf zwei Bekannte. Ihr Zustand war besorgniserregend: Hitze, Alkohol und ein günstig erworbenes, verschreibungspflichtiges Medikament in deutlich zu hoher Dosierung hatten die beiden völlig hilflos zurückgelassen. Einer von ihnen saß im Rollstuhl und war nur eingeschränkt ansprechbar. Nach einem kurzen Gespräch beschlossen wir, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nach ihnen zu sehen.

Anschließend fuhren wir weiter zu unserem absoluten Brennpunkt. Auf dem Weg grüßten wir noch unsere Freunde und Helfer – und dann war plötzlich „Action“. Vor unserem Wagen bildete sich eine Schlange, und wir halfen, wo wir konnten. Vor allem bekannte Gesichter freuen sich immer über ein Wiedersehen. Es sind oft herzliche Begegnungen. Neuigkeiten werden ausgetauscht, wir weisen auf Hilfsangebote hin und manchmal wird sogar gemeinsam gelacht.

Als schließlich alle versorgt waren und unser Auto beinahe leer war, fuhren wir noch einmal in die Innenstadt zu unseren beiden „Partykandidaten“.

Bei unserer Ankunft bot sich nahezu das gleiche Bild. Einer der beiden – ihm fehlten das linke Bein und der rechte kleine Finger – war inzwischen wieder etwas zu sich gekommen. Der andere junge Mann hingegen war gedanklich noch immer nicht wirklich in dieser Welt.

Zufällig kam die Polizei vorbei. Nach einem kurzen Gespräch entschied Holger, einen Arzt zu rufen. Eine vernünftige Entscheidung, denn wir tragen Verantwortung – und der werden wir auch gerecht.

Während wir auf den Rettungsdienst warteten, kamen wir mit dem Mann ins Gespräch. Neben dem fehlenden Bein und dem kleinen Finger hatte das Leben es generell nicht gut mit ihm gemeint. Nach einer abgebrochenen Ausbildung war er auf die schiefe Bahn geraten und hatte von seinen 53 Lebensjahren insgesamt 21 Jahre im Gefängnis verbracht. Verschiedene Delikte hatten ihn immer wieder dorthin geführt; der längste Aufenthalt am Stück dauerte sieben Jahre.

Er erzählte, dass ihm das Bein seiner Meinung nach unnötig amputiert worden sei und er den kleinen Finger bei einem Saufgelage durch einen Hammerschlag verloren habe. Er berichtete erstaunlich offen, aber auch sehr reflektiert über sein Leben.

Als der Rettungswagen eintraf, hatte sich unser Kandidat inzwischen wieder aufgerappelt. Fast war es uns unangenehm, die beiden Rettungskräfte gerufen zu haben. So ist das manchmal. Nach einer kurzen Einschätzung konnten sie unverrichteter Dinge wieder weiterfahren. Ihr Dienst dauerte noch bis 7 Uhr morgens – wir beschlossen, unseren gegen 1:30 Uhr zu beenden.

Hot Nights – genau das macht dieses Ehrenamt so spannend. Man weiß nie, was einen erwartet, und erlebt immer wieder bewegende Situationen.

Auf der Rückfahrt tauschten Holger und ich noch unsere Eindrücke, Ideen und Gedanken aus. Die Nacht war für mich, wie so oft, bewegend. Aber auch die Gespräche mit Holger beeindrucken mich immer wieder. Jedes Mal spürt man, wie viel Herzblut, Ideen und Visionen in diesem Mann stecken.

Respekt.

Jeder gibt in diesem Team sein Bestes und das macht es die Zusammenarbeit so wertvoll. Eine Mission – ein Team