Mach’s gut, mein Freund.
Es gibt Berichte, die schreibt man einfach.
Man setzt sich an den Rechner, tippt los und irgendwann drückt man auf „Veröffentlichen“.
Und dann gibt es diesen einen Bericht.
Seit Stunden sitze ich vor einem leeren Bildschirm und lösche mehr Sätze, als ich schreibe. Vorhin bin ich, nachdem ich von einer Meldung zurückkam, sogar noch einmal an den Orten vorbeigefahren, an denen wir uns im Laufe der Jahre immer wieder begegnet sind.
Nicht, weil ich geglaubt habe, dich dort noch anzutreffen.
Sondern weil ich gehofft habe, dort vielleicht die richtigen Worte zu finden.
Gefunden habe ich sie nicht.
Vielleicht hört sich das jetzt für manche Menschen merkwürdig an. Aber vielleicht hatte ich auch einfach die Hoffnung, dass du noch einmal neben mir sitzt. So wie früher. Dass du mich angrinst, mir auf die Schulter haust und sagst: „Nun schreib doch endlich. Du weißt doch genug über mich.“
Und weißt du was?
Ich glaube sogar, dass du genau das gesagt hättest.
Du hättest wahrscheinlich nichts dagegen gehabt, wenn ich alles erzählen würde. Wirklich alles. Die guten Zeiten. Die schlechten. Die Momente, in denen wir gelacht haben. Die Momente, in denen ich mir Sorgen um dich gemacht habe. Die Dinge, die du mir anvertraut hast. Die Dinge, über die du nie sprechen wolltest.
Aber genau das werde ich nicht tun.
Bevor ich diese Zeilen geschrieben habe, habe ich die Erlaubnis eines dir nahen Familienangehörigen eingeholt. Ich glaube sogar, dass dies der erste und vermutlich auch der einzige Bericht sein wird, für den ich das jemals getan habe. Nicht, weil ich es hätte tun müssen. Sondern weil es sich für mich richtig angefühlt hat.
Und weil ich finde, dass manche Geschichten einem Menschen gehören. Auch dann noch, wenn er nicht mehr da ist.
Ich habe gerne mit dir geredet.
Manchmal fünf Minuten.
Manchmal eine Stunde.
Manchmal über Dinge, die völlig unwichtig waren. Und manchmal über das Leben.
Dass ich diesen Text jetzt so schreibe, hat einen einfachen Grund.
Ich kann mich nicht mehr mit dir unterhalten.
Also ist das hier wohl unser letztes Gespräch.
Weißt du, ich habe mich oft gefragt, wann das eigentlich alles angefangen hat. Irgendwann muss dein Leben aus den Fugen geraten sein. Irgendwann muss da ein Tag gewesen sein, an dem plötzlich nichts mehr so war wie vorher.
Ich weiß bis heute nicht, warum.
Und irgendwann habe ich aufgehört zu fragen.
Nicht, weil es mich nicht interessiert hat.
Sondern weil ich gemerkt habe, dass es Wunden gibt, die man nicht aufreißen muss.
Als ich dich kennenlernte, warst du längst abgestürzt.
Viele haben nur den Mann gesehen, der irgendwo saß.
Viele haben nur die Flasche gesehen.
Viele haben sich ihre eigene Geschichte über dich ausgedacht.
Ich durfte den Menschen kennenlernen.
Einen Menschen, der an Orten geschlafen hat, an denen sich die meisten von uns nicht einmal hinsetzen würden. Umgeben von Schmutz, Kälte und allem, was krabbelt und kriecht.
Und trotzdem warst du einer der großzügigsten Menschen, die ich kennenlernen durfte.
Du hattest manchmal weniger als nichts.
Und trotzdem hast du gegeben.
Wenn jemand Hilfe brauchte und du konntest helfen, dann hast du geholfen.
Nicht, weil du viel hattest.
Sondern weil du ein Herz hattest.
Das haben viele nie gesehen.
Mit den Jahren wurde alles schwerer.
Man konnte zusehen, wie dein Körper immer mehr nachgab.
Manchmal hast du mich nicht erkannt.
Manchmal habe ich dich erst auf den zweiten Blick erkannt.
Und jedes Mal tat mir das weh.
Nicht, weil ich dich bemitleidet habe.
Sondern weil ich gesehen habe, wie ein Mensch Stück für Stück verschwindet, obwohl er noch da ist.
Weißt du, ich glaube nicht, dass du sterben wolltest.
Dafür hattest du viel zu große Angst vor dem Tod.
Das hast du mir so sehr oft gesagt, selbst noch an diesem letzten Tag, bevor du ins Krankenhaus gekommen bist, sagtest du mir das du nicht sterben willst.
Aber ich glaube, dein Körper konnte irgendwann einfach nicht mehr.
Er hat über viele Jahre Dinge ausgehalten, die kein Körper auf Dauer aushält.
Irgendwann war keine Kraft mehr da, irgendwann war dieser Kampf einfach zuviel.
Und irgendwann hat dein Herz aufgehört zu schlagen.
Nicht, weil du aufgegeben hast.
Sondern weil dein Körper nicht mehr konnte.
…
Genug geredet.
So hätten wir wahrscheinlich noch stundenlang zusammengesessen.
Du hättest irgendwann einen Spruch gemacht, wärst aufgestanden und weitergezogen.
Aber dieses Mal bleibst du sitzen.
Zumindest in meinen Gedanken.
Und deshalb möchte ich jetzt den Menschen von dir erzählen, den ich kennenlernen durfte.
Nicht über diesen Typen, über den manche geurteilt haben.
Nicht über den Mann, den viele nur flüchtig kannten.
Sondern den Menschen, der mich gelehrt hat, dass Großzügigkeit nichts mit Geld zu tun hat. Dass Würde nicht davon abhängt, wo ein Mensch schläft. Und dass man einen Menschen niemals auf den schlimmsten Abschnitt seines Lebens reduzieren darf.
Ich weiß nicht, wo dein Grab sein wird.
Vielleicht kennt es kaum jemand.
Vielleicht wird irgendwann niemand mehr dort stehen und vielleicht ist das auch gut so, weil du oftmals einfach nur mit deinen Gedanken alleine sein wolltest.
Aber solange ich mich an unsere Gespräche erinnere, solange ich weiß, wie oft wir gelacht haben und wie viel Menschlichkeit trotz allem in dir steckte, bist du nicht vergessen.
Mach’s gut, mein Freund.
Ich hoffe, dass du dort, wo du jetzt bist, endlich den Frieden gefunden hast, den du hier so oft gesucht hast.