Es gibt Tage, da kann man einfach nicht helfen.
Es gibt Tage, da kann man einfach nicht helfen.
Oder besser gesagt:
Heute ist genau so ein Tag.
Am frühen Abend bin ich zu einer Person gefahren, die ich schon sehr lange kenne.
Ich glaube, dass dieser Mensch seinen Kampf diesmal verlieren wird.
Ich wünsche mir von Herzen, dass ich mich irre.
Wirklich.
Aber mein Bauchgefühl sagt mir etwas anderes.
Und ihr wisst, dass ich auf mein Bauchgefühl höre.
Nicht, weil es immer Recht hat.
Sondern weil es mich nur sehr selten täuscht.
Dieser Mensch befindet sich in einem wirklich sehr schlechten Zustand.
Sehr desolat.
Es sieht überhaupt nicht gut aus.
Das Schlimmste daran ist aber etwas anderes.
Es liegt nicht daran, dass niemand helfen möchte.
Ganz im Gegenteil.
Schon bevor ich dort war, war ein Rettungswagen vor Ort.
Die Hilfe wurde abgelehnt.
Auch die Polizei war bereits dort.
Die Hilfe wurde ebenfalls abgelehnt.
Dann war ich dort.
Und auch ich konnte nichts tun.
Nicht, weil ich nicht wollte.
Sondern weil dieser Mensch sich nicht helfen lassen will.
Das muss man manchmal aushalten.
Auch wenn es weh tut.
Und obwohl ich diesen Menschen schon sehr lange kenne, wurde ich heute nicht einmal mehr erkannt.
Spätestens in diesem Moment wusste ich, dass es diesmal wirklich schlimm ist.
Kurz nach Mitternacht bin ich noch einmal hingefahren.
Und gleich, um drei Uhr, fahre ich wieder.
Nicht, weil ich dann plötzlich helfen kann.
Sondern weil ich wissen möchte, ob dieser Mensch noch lebt.
Genau hier zeigt sich übrigens auch wieder die enge Zusammenarbeit mit der Polizei.
Wir geben nach jedem Besuch eine Rückmeldung.
Damit die Beamtinnen und Beamten bei ihrer nächsten Streifenfahrt wissen, was sie erwartet und wie die Situation zuletzt war.
Danach brauche ich, glaube ich, Schlaf.
Ich bin wirklich müde.
Aber ich kann solche Situationen nicht einfach ausblenden.
Ich kann nicht ständig dort sein.
Das geht nicht.
Wir können die Welt nicht retten.
Auch wenn Berge voller Arbeit vor uns liegen.
Auch wenn das Privatleben wieder einmal viel zu kurz kommt.
Auch wenn meine Wohnung immer noch renoviert werden möchte.
Auch wenn meine Couch mich wahrscheinlich schon vermisst.
Und auch wenn ich bis heute noch nicht die Zeit gefunden habe, richtig tief zu trauern.
Helfen geht vor.
Aber wir können die Welt nicht retten.
Und genau das macht mich traurig.
Wenn ich aus dem Fenster schaue und sehe, wie die Zahl obdachloser Menschen immer weiter steigt, wie es immer mehr werden und wie Hilfe manchmal einfach falsch geleistet wird, dann frage ich mich manchmal, wo das alles noch hinführen soll.
Die einen wollen keine Hilfe annehmen.
Und es geht ihnen immer schlechter.
Andere wollen helfen.
Helfen aber falsch.
Und wieder andere schaffen den Weg einfach nicht mehr zurück.
Nur ganz wenige finden den Weg in eine Unterkunft, lassen sich beraten und schaffen es vielleicht irgendwann wieder, Schritt für Schritt zurück ins Leben.
Wenn ich sage, dass UNSICHTBAR e.V. einzigartig ist, dann meine ich damit nicht, dass wir besser sind als andere.
Ich meine damit, dass wir unseren eigenen Weg gehen.
So, wie wir Situationen angehen.
So, wie wir mitdenken.
So, wie wir dokumentieren.
So, wie wir darüber berichten.
Und so, wie wir auch dann nicht wegschauen, wenn wir wissen, dass wir wahrscheinlich nichts mehr verändern können.
In diesem Sinne hoffe ich einfach nur, dass dieser Mensch diese Nacht überlebt.
Und die nächste.
Und die nächste.
Und vielleicht auch noch die danach …