Ich bin nicht arm…

„ICH BIN NICHT ARM. ICH MACHE DAS NUR AUS SPASS.“

Eigentlich war heute alles ein bisschen anders geplant.

Ein Termin, der schon lange feststand, wurde abgesagt. Alles gut, ich werde darüber informiert, was daraus geworden ist.

Also musste ich nur noch nach Wuppertal. Ein wichtiger Termin. Erledigt. Und danach war ich ehrlich gesagt ziemlich froh, wieder Richtung Heimat fahren zu können.

Mein Zahn und ich führen nämlich weiterhin eine Beziehung, die ich so nie haben wollte. Ich jammere noch ein bisschen leise vor mich hin und freue mich über jeden Meter, den ich näher an meine Couch komme.

Um 12 Uhr hatte ich allerdings immer noch nichts gegessen und nichts getrunken.

Also kurz an einer Tankstelle angehalten und irgendeine Kleinigkeit gekauft, die essenstechnisch wahrscheinlich vollkommen für den Arsch war.

Aber gut.

Man kann ja auch nicht jeden Tag ins Restaurant gehen. Kann ja keiner bezahlen.

Als ich wieder rauskam, sah ich einen älteren Herrn.

Er hatte so einen Einkaufswagen dabei, den man hinter sich herzieht, und ging von Mülleimer zu Mülleimer.

Deckel auf.

Reingeschaut.

Nichts.

Nächster.

Wieder nichts.

Also Fenster runter.

„Hallo.“

Und bevor ich eigentlich irgendetwas fragen konnte, kam sofort:

„Ich bin nicht arm. Ich mache das hier nur aus Spaß. Ich brauche das gar nicht. Mir ist einfach langweilig.“

Okay.

Ich hatte noch ein paar Leergutflaschen im Auto und gab sie ihm.

Er bedankte sich herzlich.

Und erklärte mir sofort wieder:

„Ich brauche das eigentlich gar nicht. Mir geht es wirklich gut. Ich muss nur ein bisschen gucken, dass ich meine Miete bezahlt bekomme.“

Da habe ich ihn gefragt, ob er schon einmal Grundsicherung beantragt hat.

Kannte er nicht.

Noch nie gehört.

Also erklärte ich ihm, dass Menschen im Rentenalter unter bestimmten Voraussetzungen Grundsicherung bekommen können, wenn ihre Rente nicht ausreicht. Und ich erklärte ihm auch, wohin er sich wenden kann.

Plötzlich reichte er mir die Hand.

Und wollte sich bedanken.

Für etwas, das eigentlich vollkommen selbstverständlich sein sollte.

Gerade als er weitergehen wollte, fiel mir ein:

Diese Woche fahre ich unseren Straßen-Kangoo.

Also im Prinzip das Auto, das hinten unser halbes Lager spazieren fährt.

Ich stieg noch einmal aus.

„Möchten Sie etwas trinken?“

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Oh. Was zu trinken wäre toll. Ich habe heute noch gar nichts getrunken.“

Aber dann kam sofort wieder:

„Nicht, dass Sie denken, mir geht es nicht gut. Mir geht es gut! Ich bin heute Morgen einfach raus und habe vergessen, etwas mitzunehmen.“

Kenn ich.

Ich bin heute Morgen auch raus.

Patsch.

Auch nichts getrunken.

Also holte ich eine große Flasche Wasser aus dem Auto.

1,5 Liter.

Er schaute mich an wie drei Tage Regenwetter.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst. Das kann ich nicht annehmen.“

Nun gut.

Wenn man eine Flasche nicht annehmen kann, muss man eben zwei annehmen.

Also gab es noch eine.

Am Ende waren es drei.

Und dieser Mann kam überhaupt nicht mehr aus dem Reden und Stocken heraus.

Immer wieder:

„Ich brauche das doch gar nicht. Ich habe genug. Ich mache das nur, weil mir langweilig ist. Und wegen der Miete.“

Und dann:

„Aber durch Ihren Tipp hat sich das vielleicht bald erledigt. Das mit der Grundsicherung kannte ich gar nicht. Das hat mir noch keiner erzählt.“

Dann bekam er noch eine kleine Thermoskanne.

„Kann die auch kalt halten?“

Natürlich.

Das Ding ist schließlich intelligent.

Kalt und warm.

Eine mördertolle Thermoskanne.

Wir haben diese kleinen Thermoskannen eigentlich für unsere Freunde auf der Straße dabei, damit gerade im Winter der Kaffee nicht nach ein paar Minuten kalt ist.

Und irgendetwas Süßes für unterwegs fand sich natürlich auch noch.

Danach hörte er gar nicht mehr auf, mir die Hand zu schütteln.

Danke.

Danke.

Und noch einmal Danke.

Irgendwann habe ich gesagt:

„Jetzt reicht’s aber mit dem Danke sagen. Passen Sie auf sich auf. Alles Gute. Und gehen Sie bitte dahin, wo ich Ihnen gesagt habe. Vielleicht wird die Situation dann ein bisschen leichter.“

Ich stieg ins Auto und fuhr los.

Und im Rückspiegel sah ich einen älteren Mann, der mir hinterherwinkte.

Ganz lange.

Mir hat schon lange niemand mehr hinterhergewunken.

Ach ja.

Zwischendurch kam auch noch eine Mitarbeiterin der Tankstelle auf uns zu.

Und mein erster Gedanke war tatsächlich:

Oh.

Jetzt gibt’s Ärger.

Weil solche Situationen eben nicht überall gerne gesehen werden.

Aber sie stellte sich neben mich und bedankte sich dafür, dass wir das machen.

Wir brauchen kein Lob für das, was wir tun.

Eigentlich brauchen wir überhaupt kein Lob.

Aber manchmal ist es trotzdem schön zu merken, dass Menschen sehen, was passiert.

Und ich habe mich gefreut.

Über die Mitarbeiterin.

Über diesen älteren Herrn.

Und darüber, dass ich heute wieder ein kleines bisschen helfen konnte.

Auch wenn der Mann natürlich überhaupt nicht arm war.

Hat er schließlich oft genug gesagt.

Er macht das nur aus Spaß.

Weil ihm langweilig ist.

Und wegen der Miete.

Jetzt liege ich auf meiner Couch.

Pflege meinen Zahn.

Und denke an einen älteren Mann, der mit drei Flaschen Wasser, einer Thermoskanne, etwas Süßem und vielleicht einer Information, die ihm tatsächlich weiterhelfen kann, über einen Tankstellenparkplatz gegangen ist.

Und irgendwie hoffe ich, dass er wirklich hingeht.

Denn manchmal besteht Hilfe nicht aus dem, was wir aus unserem Auto holen.

Manchmal besteht sie aus einem einzigen Satz:

„Wissen Sie eigentlich, dass es dafür Hilfe gibt?“