Hau ab

„HAU AB.“

Freitagabend war ich mit Nicole und ihrem so süßen Labbi unterwegs.

Mein Zahn und ich waren uns zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr ganz einig darüber, wie der Abend verlaufen sollte. Nach dem Zahnarztbesuch hatte meine Wange außerdem beschlossen, sich größenmäßig irgendwo zwischen Hamster und Basketball einzuordnen.

Kann man machen. Muss man aber nicht.

Dann kam eine Meldung.

An einem bestimmten Platz sollte sich ein Mann aufhalten. Jemand machte sich Sorgen und fragte, ob wir nach ihm schauen könnten.

Also sind wir hingefahren.

Dort angekommen, war aber niemand da.

Kann passieren.

Wir sind weitergefahren. Irgendwann gewann allerdings mein Zahn die Diskussion und ich habe die Tour abgebrochen.

Samstag sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus. Zumindest behauptete mein Zahn das eine Zeit lang.

Dann kam wieder eine Nachricht.

Wieder machte sich jemand Sorgen um einen Mann und fragte, ob wir nach ihm schauen könnten.

Also habe ich mich aufgerafft und bin losgefahren.

Diesmal lag tatsächlich jemand dort.

Ich ging zu ihm.

„Hallo.“

Er:

„Hau ab.“

Das Gespräch war damit zumindest schon einmal eröffnet.

„Nö, mach ich aber nich. Ich bin schließlich wegen dir hier. Es gibt Menschen, die sich Sorgen um dich machen. Außerdem habe ich einen dicken Zahn und wäre gerade auch lieber woanders. Also machen wir es uns beiden einfach.“

Er schaute mich eine Weile an.

„Hmmmm. Okay, dann bleib eben.“

„Ja nee, bleiben will ich auch nicht. Sag einfach, was du brauchst. Was ich davon dabeihabe, bekommst du. Dann brauche ich nicht so viel zu reden.“

Damit konnten wir beide offenbar leben.

Und dann erzählte er.

Warum er dort lag. Woher er kam. Ein bisschen von sich. Und irgendwann sagte er mir auch seinen Namen.

Nennen wir ihn hier Max Mustermann.

Das war übrigens – auch wenn sich jetzt viele wundern werden – tatsächlich nicht sein richtiger Name.

Was er mir sonst erzählt hat, bleibt zwischen ihm und mir. Nicht alles, was Menschen uns auf der Straße anvertrauen, gehört anschließend ins Internet.

Er sagte mir, was er brauchte.

Was ich davon dabeihatte, bekam er. Unter anderem eine Suppe.

Ich gebe zu: Nach inzwischen drei Tagen ohne vernünftiges Essen machte mich die Suppe für einen kurzen Moment schon ein bisschen neidisch.

Mit dem Rest seiner Situation hätte ich allerdings nicht tauschen wollen.

Dann trinke ich lieber weiter Wasser. Viel Wasser.

Das Gute daran: Ich musste tatsächlich nicht besonders viel reden.

Am Ende bedankte er sich dreimal.

Damit war aus einem ziemlich überzeugenden „Hau ab“ innerhalb kurzer Zeit ein dreifaches „Danke“ geworden.

Dann bin ich wieder gefahren.

Und kaum saß ich im Auto, meldete sich mein Zahn zurück. Offenbar war der der Meinung, dass er für einen Tag genug Ruhe gegeben hatte.

Selber schuld. War schließlich meine Idee, loszufahren.

Und an dieser Stelle eine kleine Bitte:

Bitte keine Gute-Besserungs-Wünsche.

Nicht, weil sie nicht nett gemeint wären, sondern weil es in diesem Text überhaupt nicht um meinen Zahn gehen soll.

Der Zahn, die dicke Wange und der abgebrochene Freitagabend sollen eigentlich nur wieder einmal etwas zeigen:

Bei UNSICHTBAR arbeiten Menschen.

Keine Maschinen. Keine Helden. Einfach Menschen.

Menschen sind müde. Menschen haben Schmerzen. Menschen haben gute Tage und beschissene Tage. Und manchmal müssen Menschen eben auch sagen: Heute geht es nicht.

Gesundheit geht vor. Ganz klar.

Wir können deshalb nicht versprechen, bei jeder Meldung loszufahren.

Aber wir haben versprochen, hinzusehen und – wenn es eben geht – hinzugehen.

Freitag ging es irgendwann nicht mehr.

Samstag ging es.

Also bin ich gefahren.

Mehr soll diese Geschichte eigentlich gar nicht erzählen.

Außer vielleicht, dass eine Begegnung mit einem ziemlich deutlichen

„Hau ab.“

begann

und mit dreimal

„Danke.“

endete.

UNSICHTBAR e.V.
HINSEHEN – HINGEHEN – HELFEN