Das geht auf gar keinen Fall….
Der folgende Text ist lang.
Man darf ihn trotzdem gerne bis zum Ende lesen.
Depressionen sind schließlich auch nicht kurz.
Und vielleicht braucht ein Thema, bei dem wir über Menschen, Vertrauen und Verantwortung sprechen, manchmal ein paar Worte mehr.
EIN VOLLER EINKAUFSWAGEN IST NOCH KEINE HILFE.
Der Satz klingt vielleicht erst einmal bescheuert.
Da steht ein Einkaufswagen voller Lebensmittel. Jemand hat bezahlt. Jemand hat sich ins Auto gesetzt. Jemand bringt alles zu einem Menschen, der Hilfe braucht.
Natürlich ist das Hilfe.
Oder?
Vielleicht sollten wir vorher eine ziemlich einfache Frage stellen:
Was braucht dieser Mensch eigentlich?
Und noch einfacher:
Was mag er überhaupt?
Kann er kochen?
Hat er einen Herd?
Schafft er es aufgrund seiner derzeitigen Situation überhaupt, sich eine Mahlzeit zuzubereiten?
Gibt es Unverträglichkeiten?
Gibt es Lebensmittel, die er überhaupt nicht isst?
Was ist mit Mengen, Haltbarkeit und Lagerung?
Ein voller Einkaufswagen sieht nach viel Hilfe aus.
Aber wenn die Hälfte darin für den Menschen nicht passt, wenn niemand gefragt hat, was er braucht oder was er überhaupt gebrauchen kann, dann haben wir vielleicht einen Einkaufswagen gefüllt.
Ob wir damit wirklich geholfen haben, ist eine andere Frage.
Und wenn dieser Mensch psychisch erkrankt ist, wird aus dieser Frage noch viel mehr.
Denn dann geht es nicht mehr nur darum, was wir bringen.
Es geht auch darum, wie wir diesem Menschen begegnen.
Depression ist nicht einfach Traurigkeit oder ein schlechter Tag.
Eine Depression kann einem Menschen die Kraft nehmen für Dinge, über die andere überhaupt nicht nachdenken müssen.
Aufstehen.
Duschen.
Sich anziehen.
Kochen.
Die Wohnung verlassen.
Die Tür öffnen.
Eine Nachricht schreiben.
Oder überhaupt jemanden anzurufen.
Deshalb kann ich bei einem Menschen in einer schweren depressiven Phase nicht selbstverständlich unangekündigt vor der Wohnung stehen, klingeln und sagen:
„Ich bin da. Komm runter.“
Vielleicht kann dieser Mensch gerade nicht runter.
Nicht weil er faul ist.
Nicht weil er undankbar ist.
Nicht weil er keine Lust hat.
Sondern weil er krank ist.
Und genau an dieser Stelle kommt etwas hinzu, das bei jeder Hilfe unglaublich wichtig ist:
Vertrauen.
„Wenn etwas ist, ruf mich an.“
Ein schnell gesagter Satz.
Aber Vertrauen beginnt genau in dem Augenblick, in dem ich diesen Satz sage.
Denn vielleicht braucht ein depressiver Mensch Stunden oder sogar Tage, bis er tatsächlich den Mut und die Kraft findet, diese Nummer anzurufen.
Vielleicht nimmt er das Telefon zehnmal in die Hand und legt es wieder weg.
Und irgendwann schafft er es.
Er ruft an.
Niemand geht dran.
Das kann passieren.
Niemand muss rund um die Uhr erreichbar sein. Schon gar nicht im Ehrenamt.
Aber vielleicht schreibt dieser Mensch anschließend noch:
„Du hast gesagt, ich soll mich melden. Bitte ruf mich zurück.“
Dann darf ich nicht vergessen, was ich vorher selbst angeboten habe.
Denn für mich ist es vielleicht eine WhatsApp, die im Alltag untergegangen ist.
Für den Menschen auf der anderen Seite war es möglicherweise eine enorme Überwindung.
Und vielleicht kämpft dieser Mensch aufgrund seiner Erkrankung ohnehin mit Gedanken wie:
Ich störe.
Ich bin eine Belastung.
Niemand interessiert sich für mich.
Warum sollte ich überhaupt jemanden um Hilfe bitten?
Dann können wir nicht wissen, was unser Schweigen bei diesem Menschen auslöst.
Vertrauen ist keine Zugabe zur Hilfe.
Gerade bei psychisch erkrankten Menschen kann Vertrauen überhaupt erst die Voraussetzung dafür sein, dass Hilfe angenommen wird.
Und deshalb reicht es nicht, einen Verein oder irgendeinen Ehrenamtlichen loszuschicken und zu sagen:
„Bring da mal Lebensmittel hin.“
Wer einen Menschen zu einem psychisch erkrankten oder besonders belasteten Menschen schickt, trägt ebenfalls Verantwortung.
Dann muss vorher gefragt werden:
Kennt ihr euch damit aus?
Habt ihr zumindest grundlegendes Wissen darüber, was eine Depression, eine Angststörung oder eine andere psychische Erkrankung für einen Menschen bedeuten kann?
Wisst ihr, wie ihr euch verhalten solltet?
Wisst ihr, dass ein unangekündigter Besuch problematisch sein kann?
Wisst ihr, dass ihr mit euren Worten Erwartungen und Vertrauen schaffen könnt?
Kennt ihr eure eigenen Grenzen?
Und wisst ihr, wann professionelle Hilfe notwendig ist?
Niemand muss Psychologe, Therapeut oder Sozialarbeiter sein, um einem Menschen Lebensmittel zu bringen.
Aber „keine Ahnung“ darf keine Qualifikation sein.
Und selbstverständlich gilt das nicht nur für andere.
Das gilt genauso für uns bei UNSICHTBAR e.V.
Wenn wir etwas nicht können, sagen wir das – ja wir stehen dazu – wir sind ja schließlich nicht allmächtig.
Wenn uns Wissen fehlt, müssen wir uns damit beschäftigen.
Und wenn eine Situation unsere Möglichkeiten oder Kompetenzen überschreitet, müssen wir Menschen hinzuziehen, die dafür ausgebildet sind.
Denn wir liefern keine Ware aus.
Wir begegnen Menschen.
Und vielleicht müssen wir deshalb in der Hilfe manchmal aufhören, zuerst zu fragen:
„Was können wir alles bringen?“
Vielleicht muss die erste Frage viel häufiger lauten:
„Was brauchst du eigentlich – und wie können wir dir helfen, ohne dir dabei zusätzlich das Leben schwerzumachen?“
Und wie machen wir das eigentlich selbst?
Darüber können wir ein anderes Mal ausführlicher sprechen.
Aber vielleicht ein kleines Beispiel von heute.
Bevor ich zu einem Menschen gefahren bin, um ihm einen Lebensmittelgutschein zu bringen, habe ich ihn angerufen.
Ich habe mich vorgestellt, gesagt, von welchem Verein ich komme, warum ich mich melde und dass ich gerne vorbeikommen würde.
Und dann kam die eigentlich wichtigste Frage:
„Passt das gerade für dich?“
Man könnte natürlich sagen:
Der Mensch braucht Hilfe. Dann muss er eben nehmen, was er bekommen kann.
Nein.
Muss er nicht.
Bedürftigkeit nimmt einem Menschen nicht seine Selbstbestimmung.
Und eine psychische Erkrankung schon gar nicht.
Wenn dieser Mensch gerade nicht kann, dann kann er nicht.
Wenn er gerade keinen Besuch möchte, dann möchte er keinen Besuch.
Und wenn er es heute nicht bis vor die Haustür schafft, dann macht ihn das nicht undankbar.
Dann finden wir einen anderen Weg oder einen anderen Zeitpunkt.
Kurz bevor ich dort war, habe ich noch einmal angerufen.
„Ich bin jetzt unterwegs. Ungefähr acht Minuten noch.“
Und ich habe ihm gesagt:
Wenn du in zwölf Minuten unten bist, reicht das.
Wenn es eine Viertelstunde dauert, ist es auch egal.
Und wenn du eine halbe Stunde brauchst, dann warte ich eben.
Kein Druck.
Kein „Ich stehe jetzt hier“.
Kein „Du musst“.
Du hast die Zeit, die du brauchst.
Wir haben uns getroffen.
Wir konnten den Lebensmittelgutschein übergeben.
Und aus einer Sache, die vielleicht fünf Minuten hätte dauern können, wurden am Ende ungefähr drei Stunden.
Nicht weil wir drei Stunden lang besonders viel „Hilfe geleistet“ hätten.
Wir haben vor allem etwas gemacht, das manchmal viel wichtiger ist:
Wir haben ehrlich und aufmerksam zugehört.
Und wenn wir diesem Menschen sagen, dass er uns anrufen darf, dann wissen wir auch, was wir mit diesem Satz versprechen.
Wir können nicht jedes Problem lösen.
Wir können nicht immer sofort kommen.
Wir sind keine Therapeuten.
Und selbstverständlich sind auch wir nicht rund um die Uhr verfügbar.
Aber ein „Ruf an“ darf nicht einfach eine freundliche Floskel sein.
Wenn wir nicht ans Telefon gehen können, gehört für mich dazu, dass wir uns zurückmelden.
Denn Vertrauen beginnt mit solchen Kleinigkeiten.
Und Vertrauen kann bei einem Menschen, dem es psychisch gerade sehr schlecht geht, etwas unglaublich Großes sein.
Ein voller Einkaufswagen macht ein schönes Bild.
Aber wenn wir menschlich danebenliegen, macht der volle Einkaufswagen die Hilfe nicht automatisch gut.
Bedürftigkeit verpflichtet niemanden dazu, schlechte Hilfe dankbar anzunehmen.
Gut gemeint reicht nicht.
Wir begegnen keinem Hilfsfall.
Wir begegnen einem Menschen.
Und dieser Mensch darf auch dann bestimmen, wann seine Tür aufgeht, wenn er auf unsere Hilfe angewiesen ist.
Lebensmittel kann man ersetzen.
Verlorenes Vertrauen nicht so einfach.