Entscheidungen

Bevor wir in diesen Text einsteigen, ist uns eines wichtig klarzustellen:
UNSICHTBAR e. V. arbeitet politisch neutral. Wir sind keiner Partei zugehörig, wir verfolgen keine parteipolitischen Interessen und wir bewerten keine Entscheidungen entlang politischer Lager.

Unsere Arbeit richtet sich nicht nach Ideologien, sondern nach Menschen.

Gleichzeitig arbeiten wir transparent. Und zu Transparenz gehört auch, Gedanken, Sorgen und Beobachtungen offen zu benennen – gerade dann, wenn Entscheidungen getroffen werden, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben – und manchmal auch auf das von Tieren.

Die folgenden Überlegungen sind daher keine politische Positionierung, sondern Ausdruck von Verantwortung, Erfahrung und der Pflicht, hinzusehen.

Manchmal merkt man erst sehr spät, wie unterschiedlich sich Entscheidungen anfühlen können. Solange man sie aus sicherer Entfernung trifft, bleiben sie nüchtern, sachlich, fast leicht. Zahlen, Konzepte, Maßnahmen. Erst wenn man selbst betroffen ist, verändert sich ihr Gewicht.

Entscheidungen fühlen sich anders an, wenn man sie selbst ausbaden muss.

In den letzten Tagen habe ich wieder gelesen, was alles beschlossen werden soll.

Was nun als notwendig gilt. Was unbedingt entschieden werden muss, weil es angeblich sonst keine anderen Möglichkeiten dafür gibt.

Vieles davon klingt schlüssig, durchdacht, richtig. Auf dem Papier. In der Theorie. In einer Welt, in der Konsequenzen berechenbar erscheinen.

Was dabei fast immer fehlt, sind die Stimmen derer, über die entschieden wird.
– Niemand fragt sie.
– Niemand setzt sich zu ihnen.
– Niemand versucht ernsthaft, ihre Lebensrealität nachzuvollziehen.

Und genau hier beginnt das Problem. Vielleicht ist es sogar schon das Ende.
Denn es ist einfach, Lösungen zu finden, wenn man nicht betroffen ist.

Es ist leicht, Regeln zu formulieren, wenn man sie nicht selbst einhalten muss.

Es ist bequem, Veränderungen zu beschließen, wenn man nicht derjenige ist, der die Folgen trägt.

Entscheidungen bleiben dann abstrakt, weil sie immer das Leben anderer betreffen – nicht das eigene.

Man kann kein Leben verstehen, das man nur aus der Distanz betrachtet.

Man kann keine Not bewerten, die man selbst nie erlebt hat.

Und man kann keine Zukunft gestalten, wenn man die Gegenwart anderer ausblendet.

Unverständlich ist dabei vor allem eines:

Wir haben in diesem Land unzählige soziale Stellen, Einrichtungen, Träger und Fachkräfte, die sich tagtäglich mit genau diesen Themen beschäftigen. Menschen, die nah dran sind. Die sehen, was funktioniert – und was nicht. Die spüren, wo etwas kippt, lange bevor es sichtbar wird.
Und trotzdem werden sie bei manchen Entscheidungen nicht einbezogen.

Warum eigentlich nicht?
Warum holt man sich nicht diese Perspektiven dazu?
Warum fragt man nicht die Menschen, die seit Jahren an den sogenannten Brückenpfeilern stehen und versuchen, sie zu stützen, bevor sie Risse bekommen?
Warum nutzt man dieses Wissen nicht, bevor etwas zusammenbricht?

Es wäre möglich.
Es wäre da.
Eine zweite Meinung.
Eine dritte.
Eine vierte.
Erfahrungen aus der Praxis. Einschätzungen aus dem Alltag.
Warnungen, die nicht theoretisch sind, sondern erlebt.

Und doch wird oft entschieden, ohne diesen Blick mitzunehmen.
Ohne innezuhalten.
Ohne zu fragen, ob es vielleicht noch andere Wege gäbe.
Warum entscheidet man so oft einfach drauflos?

Bevor du über meinen Weg urteilst, geh ihn erst einmal selbst.

Dieser Satz ist kein Vorwurf. Er ist eine Einladung.
Eine Einladung zum Perspektivwechsel.

Zum Innehalten.
Zur ehrlichen Frage, ob man wirklich verstanden hat, worüber man entscheidet – oder ob man es nur glaubt.
Genau darum geht es auch bei dem Bild, das diesen Text begleitet.

Wir sehen zwei Paar Schuhe, von hinten, in Bewegung. Beide gehen denselben Weg – und doch aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten heraus.
Der eine Schuh ist gepflegt, hochwertig, sicher. Er gehört zu einem Leben, in dem Entscheidungen aus Stabilität heraus getroffen werden können.

Der andere ist abgenutzt, geflickt, verschmutzt, blutig.

Er erzählt von einem Weg, der wehtut.
Von Improvisation.
Vom Überleben.
Beide bewegen sich vorwärts.
Aber sie tragen nicht dasselbe Gewicht.

Und genau hier liegt der Kern:

Die, die entscheiden, müssen nicht mit den Entscheidungen leben.
Die, über die entschieden wird, schon.

Was, wieso, weshalb entschieden wurde, spielt dann oft keine Rolle mehr.

Denn entschieden ist entschieden.

Die Konsequenzen bleiben bei denen, die ohnehin schon wenig tragen können.
Nicht jede Entscheidung ist falsch – aber viele sind gedankenlos.

Gedankenlos nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Entfernung. Aus dem fehlenden Bezug zum echten Leben der Betroffenen. Aus dem Irrglauben, man könne über Lebensrealitäten entscheiden, ohne sie zu kennen.

Ich persönlich sehe – und damit bin ich nicht allein –, dass wir uns mit manchen aktuellen Entscheidungen auf eine Entwicklung zubewegen, die wir noch unterschätzen.

Wenn weiterhin über Menschen entschieden wird, statt mit ihnen, dann wird sich Obdachlosigkeit in den kommenden zwei bis drei Jahren deutlich verschärfen. Eine Verdopplung, vielleicht sogar eine Verdreifachung ist aus unserer Sicht keine unrealistische Annahme.

Nicht, weil Menschen plötzlich anders werden.
Sondern weil Rahmenbedingungen verändert werden, ohne die Realität mitzudenken.
Weil Sicherheit dort abgebaut wird, wo ohnehin kaum noch welche existiert.
Weil man glaubt, Ordnung schaffen zu können, indem man Symptome verwaltet.

Und vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle noch einmal ganz ruhig innezuhalten.

Da wird darüber beschlossen, dass ein Wolf abgeschossen werden darf – so habe ich es zumindest verstanden.

Aber niemand fragt den Wolf. Niemand fragt, warum er zurückgekehrt ist.
Niemand fragt, wie unverständlich es für ein Tier sein muss, plötzlich wieder keinen Platz mehr in seiner eigenen Natur haben zu dürfen.

Und ganz ehrlich, Hand aufs Herz:

Gibt es nicht Themen, die wirklich, wirklich dringend wären?

Themen, bei denen es um Menschen geht, die jetzt schon keinen sicheren Ort haben.
Um Existenzen, die gerade jetzt wegbrechen.
Um Brücken, die nicht irgendwann, sondern heute zu kippen beginnen.
Diese Gedanken sind keine Anklage. Sie sind eine Beobachtung. Eine Sorge. Und der Versuch, frühzeitig darauf hinzuweisen, dass Entscheidungen Folgen haben – auch dann, wenn sie gut gemeint sind.

Vielleicht müssten wir langsamer werden.
Vielleicht müssten wir mehr zuhören, bevor wir festlegen.
Vielleicht müssten wir Menschen – und auch andere Lebewesen – stärker mitdenken, bevor wir über ihr Leben entscheiden.

Denn am Ende bleibt eine einfache Wahrheit:

Man kann kein Leben lenken, das man nie gelebt hat.
Und man kann keine nachhaltige Veränderung schaffen, solange Entscheidungen aus sicherer Entfernung getroffen werden.
Transparenz bedeutet, genau das auszusprechen. Nicht, um zu polarisieren. Sondern um Verantwortung ernst zu nehmen.