Die kleine Sonnenblume

Die kleine Sonnenblume

Es fing eigentlich ganz harmlos an.

Ich habe vor ein paar Tagen ein kurzes Video gesehen. Darin ging es um ein grünes Band mit kleinen gelben Sonnenblumen darauf.

Ich hatte so ein Band vorher schon einmal gesehen. Irgendwo. Bei irgendwem. Aber ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, warum jemand dieses Band trägt.

Vielleicht ging es euch genauso.

Deshalb gleich am Anfang die Frage:

Wer von euch wusste vor diesem Text, was dieses grüne Band mit den Sonnenblumen bedeutet?

Ich wusste es nicht.

Und als ich es erfahren habe, musste ich länger darüber nachdenken.

Nicht über das Band.

Über uns.

Über die Menschen, die uns jeden Tag begegnen.

Und darüber, wie oft wir eigentlich nur das sehen, was direkt vor unserer Nase passiert.

Wenn jemand im Rollstuhl vor einer schweren Tür steht, verstehen wir ziemlich schnell, dass er vielleicht Hilfe braucht.

Wenn eine ältere Frau ihre Einkaufstasche kaum die Treppe hochbekommt, sehen wir das.

Wenn jemand mit einem Blindenstock an einer großen Kreuzung steht, wissen wir auch ungefähr, was los ist.

Man sieht es.

Und eigentlich wäre es ganz einfach.

Tür aufhalten.

Tasche tragen.

Fragen, ob man helfen kann.

Eigentlich.

Denn selbst bei Dingen, die wir sehen können, laufen wir oft genug vorbei.

Handy in der Hand.

Keine Zeit.

Muss noch schnell irgendwo hin.

Wird schon jemand anderes helfen.

Und genau da fängt das eigentliche Problem an.

Denn wenn wir schon bei Dingen vorbeilaufen, die wir sehen können, was ist dann mit den Dingen, die wir nicht sehen?

Da steht vielleicht morgens eine Frau neben dir an der Bushaltestelle.

Sie sieht ganz normal aus.

Haare gemacht. Jacke an. Vielleicht lächelt sie sogar.

Was du nicht weißt:

Vielleicht hat sie eine Stunde gebraucht, um überhaupt aus dem Bett zu kommen.

Vielleicht hat sie Depressionen.

Vielleicht war schon Duschen heute eine riesige Aufgabe.

Aber davon siehst du nichts.

Oder da sitzt ein Junge in einer vollen Bahn.

Er ist unruhig.

Er wackelt mit den Beinen.

Er schaut ständig irgendwo hin.

Vielleicht wird er sogar laut.

Und schon kommen die Blicke.

„Kann der nicht mal still sitzen?“

„Was ist denn mit dem los?“

Vielleicht hat dieser Junge ADHS.

Vielleicht kommen bei ihm gerade alle Geräusche gleichzeitig an.

Die Menschen.

Die Bahn.

Ein Handy klingelt.

Jemand redet.

Eine Tür piept.

Für dich sind das normale Geräusche.

Für ihn ist es vielleicht gerade viel zu viel.

Du siehst das aber nicht.

Oder da steht ein Mann vor dir an der Kasse.

Seine Hände zittern.

Er braucht länger.

Er findet sein Geld nicht sofort.

Hinter ihm seufzt jemand laut.

Vielleicht bist du es sogar.

Für dich ist das Seufzen nach zehn Sekunden vergessen.

Der Mann nimmt es vielleicht mit nach Hause.

Weil er sowieso schon das Gefühl hat, allen im Weg zu sein.

Und dann fällt irgendwann dieser Satz:

„Du siehst doch gesund aus.“

Den Satz finde ich inzwischen richtig schlimm.

Denn was sagt man damit eigentlich?

Man sagt:

Ich glaube dir nicht.

Man sagt:

So schlimm kann es ja nicht sein.

Man sagt:

Zeig mir erst einmal, dass du wirklich krank bist.

Aber wie soll ein Mensch eine Depression zeigen?

Wie zeigt man ADHS?

Wie zeigt man eine Angststörung?

Wie zeigt man eine Krankheit, die im Körper steckt und die keiner von außen sehen kann?

Soll man sich ein Schild umhängen?

„Hallo, mir geht es heute beschissen, aber man sieht es mir nicht an.“

Natürlich nicht.

Und genau da kommt dieses kleine grüne Band ins Spiel.

Es heißt Hidden Disabilities Sunflower.

Das klingt erstmal kompliziert.

Ist es aber überhaupt nicht.

Übersetzt bedeutet es ungefähr:

Sonnenblume für unsichtbare Einschränkungen.

Wer dieses grüne Band mit den Sonnenblumen trägt, möchte anderen Menschen damit zeigen:

Bei mir gibt es etwas, das du nicht sehen kannst.

Vielleicht brauche ich etwas mehr Zeit.

Vielleicht musst du mir etwas noch einmal erklären.

Vielleicht brauche ich Hilfe.

Vielleicht brauche ich auch gar keine Hilfe.

Vielleicht brauche ich einfach nur ein bisschen Geduld.

Mehr nicht.

Das Band ist kein Ausweis.

Es bedeutet auch nicht:

„Ich möchte überall zuerst dran sein.“

Und es bedeutet auch nicht:

„Frag mich jetzt bitte aus.“

Ganz im Gegenteil.

Niemand muss uns erzählen, warum er dieses Band trägt.

Das geht uns nämlich erstmal überhaupt nichts an.

Vielleicht möchte dieser Mensch nicht jedem Fremden erzählen, welche Krankheit er hat.

Vielleicht möchte er einfach nur einkaufen.

Mit dem Bus fahren.

Zum Flughafen gehen.

Oder irgendwo warten, ohne sich ständig erklären zu müssen.

Und eigentlich finde ich genau das so stark an diesem kleinen Band.

Es schreit nicht.

Es macht keinen großen Aufstand.

Es sagt ganz leise:

Bitte hab ein bisschen Geduld mit mir.

Das war es schon.

Und trotzdem kann genau das für einen anderen Menschen unglaublich wichtig sein.

Denn manchmal sind wir Menschen ziemlich schnell.

Nicht beim Helfen.

Beim Urteilen.

„Warum braucht der so lange?“

„Warum antwortet die nicht?“

„Warum benimmt der sich so komisch?“

„Warum stellt die sich so an?“

Vielleicht sollten wir viel öfter einfach mal denken:

Ich weiß es nicht.

Denn genau das ist die Wahrheit.

Wir wissen es nicht.

Wir wissen nicht, was ein Mensch morgens schon hinter sich hat, bevor er uns begegnet.

Wir wissen nicht, wie seine Nacht war.

Wir wissen nicht, wie viel Kraft ihn dieser Einkauf gerade kostet.

Wir wissen nicht, warum er plötzlich aus einem Raum raus muss.

Wir wissen nicht, warum ihm ein voller Bahnhof Angst macht.

Und wir müssen es auch nicht immer wissen.

Wir müssen nicht alles über einen Menschen wissen, um freundlich zu ihm zu sein.

Eigentlich ist das ziemlich einfach.

Und trotzdem schaffen wir es manchmal nicht.

Wir reden oft von Menschlichkeit.

Wir schreiben große Sätze darüber.

Wir teilen Bilder im Internet.

Aber Menschlichkeit passiert meistens gar nicht bei den großen Dingen.

Sie passiert an der Kasse.

In der Bahn.

Auf der Straße.

Vor einer Tür.

In den paar Sekunden, in denen ich entscheiden kann:

Bin ich genervt?

Oder gebe ich diesem Menschen einfach einen Moment länger?

Und dann kam heute noch etwas dazu.

Heute habe ich einen Menschen wiedergesehen, den ich ungefähr dreißig Jahre nicht gesehen hatte.

Dreißig Jahre.

Ich musste zweimal hinschauen.

Und dann stand dieser Mensch plötzlich vor mir.

Und um den Hals?

Dieses grüne Band.

Mit den kleinen Sonnenblumen.

Ich fand diesen Moment ziemlich verrückt.

Vor ein paar Wochen hätte ich das Band wahrscheinlich gesehen und mir nichts dabei gedacht.

Heute wusste ich, was es bedeutet.

Ich habe sie darauf angesprochen.

Wir haben geredet.

Über das Band.

Aber auch über ganz andere Dinge.

Warum sie dieses Band trägt, werde ich hier nicht erzählen.

Das ist ihre Geschichte.

Nicht meine.

Aber durch dieses Treffen habe ich noch einmal verstanden, warum dieses kleine Zeichen wichtig sein kann.

Vielleicht hätte ich früher nur den Menschen gesehen, den ich von damals kannte.

Heute habe ich auch das Band gesehen.

Und ich wusste:

Da ist etwas, das ich nicht sehen kann.

Mehr muss ich gar nicht wissen.

Vielleicht sollten wir überhaupt wieder lernen, Menschen nicht immer erst komplett verstehen zu müssen, bevor wir freundlich zu ihnen sind.

Vielleicht reicht manchmal einfach ein bisschen Rücksicht.

Ein bisschen Geduld.

Ein bisschen Zeit.

Und vielleicht auch mal die Klappe halten, anstatt sofort einen schlauen Spruch zu bringen.

Denn auch das kennen viele.

Jemand sagt:

„Ich habe Depressionen.“

Und dann kommt:

„Kopf hoch.“

Oder:

„Das wird schon.“

Oder irgendein blöder Witz.

Manchmal meinen Menschen das gar nicht böse.

Sie wissen einfach nicht, was sie sagen sollen.

Aber vielleicht muss man auch gar nichts sagen.

Vielleicht reicht:

„Ich bin da.“

Oder:

„Soll ich dir helfen?“

Oder einfach zuhören.

Wir müssen nicht für alles eine Lösung haben.

Manchmal braucht ein Mensch keinen Ratschlag.

Manchmal braucht er einfach nur einen anderen Menschen.

Ich wünsche mir, dass dieses grüne Band bekannter wird.

Denn ein Zeichen, dessen Bedeutung keiner kennt, bringt am Ende nicht viel.

Ich kannte es vorher auch nicht.

Jetzt kenne ich es.

Und vielleicht kennt es nach diesem Text ein Mensch mehr.

Vielleicht zwei.

Vielleicht hundert.

Und vielleicht steht irgendwann jemand mit diesem Band an einer Kasse und der Mensch dahinter denkt nicht:

„Meine Güte, mach endlich.“

Sondern:

„Ist schon okay. Lass dir Zeit.“

Das wäre doch schon etwas.

Und eigentlich wünsche ich mir noch etwas anderes.

Dass wir irgendwann gar kein Band mehr brauchen.

Dass wir auch ohne Sonnenblume ein bisschen freundlicher miteinander umgehen.

Denn nicht jeder Mensch mit einer unsichtbaren Krankheit trägt dieses Band.

Die meisten tragen gar nichts.

Keine Sonnenblume.

Kein Schild.

Keinen Hinweis.

Man sieht ihnen einfach nichts an.

Und trotzdem kämpfen sie vielleicht jeden einzelnen Tag.

Nicht jede Narbe ist auf der Haut.

Nicht jeder Kampf ist laut.

Und nicht jeder Mensch, der lächelt, ist glücklich.

Vielleicht können wir uns daran ab und zu erinnern.

An der Kasse einmal nicht seufzen.

In der Bahn einmal nicht die Augen verdrehen.

Eine Tür einmal länger aufhalten.

Noch einmal erklären, ohne genervt zu sein.

Einfach fragen:

„Brauchst du Hilfe?“

Und wenn die Antwort Nein ist, ist das auch okay.

Eine Sonnenblume ist eigentlich etwas ganz Einfaches.

Sie dreht sich zum Licht.

Vielleicht können wir für einen anderen Menschen manchmal genau dieses kleine Stück Licht sein.

Nicht die Welt retten.

Nicht das Leben eines Menschen reparieren.

Einfach nur freundlich sein.

Und irgendwo legt vielleicht heute Abend jemand dieses grüne Band auf den Tisch und denkt:

Heute hat mich jemand gesehen.