Glaubst du oder urteilst du schon?
Glaubst du, Obdachlosigkeit ist eine Eigenschaft?
Und glaubst du wirklich, du könntest dir darüber ein Urteil bilden?
Glaubst du, Obdachlosigkeit beginnt an einem bestimmten Tag und endet an einem bestimmten Punkt?
Und glaubst du, du könntest darüber urteilen, wann genau ein Leben falsch abgebogen ist?
Glaubst du, man erkennt von außen,
warum ein Mensch dort gelandet ist, wo er heute steht?
Und glaubst du, dein Blick reicht aus,
um darüber ein Urteil zu fällen?
Glaubst du, Gesellschaft ist das, was funktioniert – und alles andere ist ein Fehler?
Und glaubst du, du dürftest entscheiden,
wer dazugehört und wer nicht?
Glaubst du, Leistung entscheidet über Wert?
Und glaubst du, daraus ein Urteil ableiten zu dürfen?
Glaubst du, wer nichts beiträgt, darf auch nichts erwarten?
Und glaubst du, dieses Urteil steht dir zu?
Glaubst du, Hilfe muss sich lohnen?
Und glaubst du, du darfst beurteilen,
wem geholfen werden sollte und wem nicht?
Glaubst du, Mitgefühl braucht Bedingungen?
Und glaubst du, du bist berechtigt, diese Bedingungen festzulegen?
Glaubst du, Armut macht Menschen einfacher?
Einfacher zu erklären.
Einfacher zu bewerten.
Und glaubst du, Vereinfachung reicht für ein Urteil?
Glaubst du, Obdachlosigkeit macht Menschen fremd?
Oder weniger komplex?
Und glaubst du, das macht ein Urteil leichter?
Glaubst du, Abstand macht objektiv?
Oder nur bequem?
Und auf welcher Grundlage urteilst du dann?
Glaubst du, dein Blick ist neutral?
Oder nur gewohnt?
Und glaubst du, Gewohnheit ersetzt Verantwortung?
Glaubst du, eine Meinung ist harmlos,
solange sie nichts kostet? Und glaubst du, Kostenfreiheit macht sie richtig?
Glaubst du, du würdest anders entscheiden
als die Menschen, über die du sprichst?
Und glaubst du, dieses „anders“ rechtfertigt ein Urteil?
Glaubst du, Mitgefühl endet dort,
wo Verstehen anstrengend wird?
Und glaubst du, Anstrengung entbindet vom Hinsehen?
Glaubst du, Obdachlosigkeit ist individuell –
aber Verantwortung nicht?
Und glaubst du, man darf Verantwortung auslagern und trotzdem urteilen?
Glaubst du, Wegsehen ist neutral?
Und glaubst du, Neutralität entsteht durch Nichtstun?
Glaubst du, Ordnung ist wichtiger als Menschen?
Und glaubst du, dieses Verhältnis lässt sich bewerten, ohne selbst betroffen zu sein?
Glaubst du, ein Zelt stört mehr als ein Mensch friert?
Und glaubst du, dieses Empfinden reicht für ein Urteil?
Glaubst du, Regeln erklären alles?
Und glaubst du, sie erklären auch jedes Leben?
Glaubst du, das betrifft immer nur die anderen?
Und glaubst du, Distanz macht dich unbeteiligt?
Glaubst du, das System funktioniert,
wenn genug Menschen nicht hinschauen?
Und glaubst du, Funktionieren ist gleichbedeutend mit richtig?
Glaubst du, das ist alles richtig so?
Glaubst du, das ist normal?
Kennst du deinen Nachbarn, deine Freunde, deine Arbeitskollegen zu hundert Prozent?
Und bildest du dir über ihr Innerstes Urteile?
Verstehst du dich selbst immer?
Oder erklärst du dir manches im Nachhinein zurecht?
Warum glaubst du dann, über fremde Menschen urteilen zu können?
Warum glaubst du dann, über obdachlose Menschen urteilen zu dürfen?
Was es braucht, um über Menschen urteilen zu dürfen:
– Ein abgeschlossenes Jurastudium.
– Jahrelanges Lernen von Recht, Verantwortung und Ethik.
– Zwei Staatsexamina.
– Ein Referendariat.
– Kenntnisse über Menschenwürde, Schuld und Unschuld.
– Die Pflicht zur Neutralität.
– Die Pflicht zur Selbstreflexion.
– Die Pflicht, persönliche Meinungen zurückzustellen.
– Die Pflicht, jeden einzelnen Fall sorgfältig zu prüfen.
Und selbst dann dürfen Urteile nur im Namen des Rechts gesprochen werden –
nicht aus einem Gefühl,
nicht aus dem Bauch heraus,
und schon gar nicht aus Bequemlichkeit.
Erfüllst du diese Anforderungen?
Wenn nein, gut.
Dann urteile nicht.
Denn nur Richter dürfen urteilen.