Klick
Ich schließe meine Tür ab.
Klick. Ruhe im Kopf.
Andere nennen das Sicherheitstechnik – für mich ist das Seelenpflaster mit Schloss.
Andere Beispiele?
– Ich mache das Licht im Flur an, obwohl ich gar nicht durchgehe. Einfach nur, damit nichts hinter mir herkommt.
Rationaler Mensch am Tag, mittelalterlicher Dorfbewohner bei Dämmerung.
Funktioniert trotzdem.
– Ich stelle mein Glas Wasser immer an exakt dieselbe Stelle. Immer. Wenn es woanders steht, weiß mein Kopf sofort: Heute Nacht passiert was. Was? Keine Ahnung. Aber mein Gehirn hat offensichtlich einen Vertrag mit dem Chaos abgeschlossen.
– Ich lasse Musik laufen, wenn ich alleine bin. Nicht laut. Nur so, dass die Stille keine Gelegenheit bekommt, plötzlich laut zu werden. Stille ist nämlich ein Trickbetrüger. Erst tut sie harmlos, dann kommt sie dir zu nah.
– Ich kontrolliere dreimal, ob der Herd aus ist. Nicht weil ich dumm bin, sondern weil mein Kopf manchmal beschließt, mir nachts einen imaginären Großbrand zu schenken. Kostenlos. Ohne Abo kündbar.
– Ich sitze im Auto und verriegele die Türen. Zack.
Nicht, weil draußen jemand steht – sondern weil mein Inneres sagt: „Jetzt sind wir eine Einheit. Fahrzeug + Mensch = sicher.“
– Ich erschrecke mich, wenn jemand im Keller das Licht ausmacht. Dieses plöpp.
Und mein Körper so:
„Okay, wir bewegen uns jetzt nicht mehr. Vielleicht sieht uns das Monster dann nicht.“
Bin ich erwachsen? Ja.
Hilft das Wissen? Nein.
– Ich habe Angst vor plötzlichen Geräuschen hinter mir. Nicht vor dem Geräusch – vor dem Davor. Vor dem Moment, in dem mein Gehirn kurz glaubt, das war’s jetzt.
– Ich setze mich im Café so, dass ich die Tür sehe. Nicht aus Misstrauen. Aus innerer Buchhaltung. Überblick spart Nerven.
Und jetzt stell dir das ohne Tür vor.
Ohne Lichtschalter.
Ohne Flur.
Ohne Bettkante, an der du weißt: Hier hör ich auf.
Wenn du obdachlos bist, hast du keine Pause-Taste.
Kein „Ich schließe kurz ab und die Welt bleibt draußen“.
Kein Klick.
Kein Innenraum.
Dann bist du mit deinen kleinen inneren Geistern draußen unterwegs.
Mitten zwischen hupenden Autos, Menschen auf Autopilot, Vollgas und null Blickkontakt.
Dann ist Schlaf kein Rückzug, sondern Risiko.
Dann ist Nacht kein Ende, sondern eine extra Runde.
Und jetzt drehen wir das Bild einmal weiter.
Nicht theoretisch.
Sondern ehrlich.
Was macht das mit Menschen, die auf der Straße leben?
Erstmal eine Klarstellung, weil das so oft komplett falsch verstanden wird:
Psychisches Problem heißt nicht „bekloppt“.
Psychisches Problem heißt: Angststörung. Depression. Trauma. Schlafstörung. Panik. Suchterkrankung. Anpassungsstörung. Posttraumatische Belastung.
Also genau das Zeug, mit dem Millionen Menschen mit Wohnung auch jeden Tag klarkommen müssen – nur eben mit Tür, Bett, Bad und Rückzugsort.
Jetzt zu den Zahlen. Nicht als Keule. Sondern als Spiegel.
Deutschland hat rund 83.497.000 Einwohner.
Davon haben ca. 33,3 % ein psychisches Problem.
Das sind grob 27,8 Millionen Menschen.
27,8 Millionen.
Das ist keine Randgruppe. Das ist ein verdammt großer Teil dieser Gesellschaft.
Jetzt schauen wir auf Menschen ohne Wohnung.
Geschätzt 1.029.000 obdachlose Menschen in Deutschland.
Davon ca. 70 % mit psychischen Problemen.
Das sind etwa 720.000 Menschen.
Und jetzt bitte einmal kurz innehalten.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist nicht,
dass die einen psychische Probleme haben und die anderen nicht.
Der Unterschied ist:
Die einen können ihre Tür abschließen.
Die anderen nicht.
Die einen können nachts Licht anmachen.
Die anderen sind dem plöpp ausgeliefert.
Die einen können sich zurückziehen, wenn der Kopf laut wird.
Die anderen müssen mit dem Lärm, den Blicken, den Gefahren, den Autos, den Kommentaren, der Kälte, der Unsicherheit leben.
Was passiert mit Angst, wenn sie keinen Rückzugsort hat?
Sie wird größer.
Was passiert mit Depression, wenn es keinen geschützten Raum gibt?
Sie wird schwerer.
Was passiert mit Trauma, wenn jede Nacht unberechenbar ist?
Es frisst sich tiefer fest.
Was passiert mit Schlafstörungen, wenn Schlaf kein sicherer Zustand ist?
Der Körper bleibt im Alarmmodus.
Und dann stehen wir daneben und sagen:
„Ja, die sind halt psychisch krank.“
Nein.
Viele sind psychisch überfordert von einem Leben ohne Pufferzone.
Wenn 33,3 % der Menschen mit Wohnung psychische Probleme haben –
mit Bad, Bett, Tür, Strom, Heizung, Privatsphäre –
dann ist es kein Wunder, sondern fast logisch,
dass dieser Anteil bei Menschen ohne Wohnung deutlich höher liegt.
Ängste sind demokratisch.
Sie prüfen kein Konto.
Sie fragen nicht nach Abschluss, Status oder Adresse.
Der Unterschied ist nur:
Manche dürfen ihre Angst abschließen.
Andere müssen mit ihr draußen bleiben.
Nicht die Psyche macht obdachlos – der fehlende Schutzraum macht krank.