Man darf
„Man darf über alles lachen – aber nicht mit jedem.“
— Chris Tall
Wir könnten diesen Text weich beginnen.
Wir könnten freundlich erklären.
Wir könnten Rücksicht nehmen auf alle, die sich nur einen Satz lang konzentrieren können.
Tun wir aber nicht mehr.
Denn wer nach einem Satz aufhört zu lesen, ist nicht unser Maßstab.
Und wer Inhalte beurteilt, ohne sie gelesen zu haben, hat kein Argument – nur Meinung. Und die ist wertlos, wenn sie auf Ignoranz basiert.
Unsere Texte entstehen nicht aus Langeweile.
Nicht aus Selbstdarstellung.
Nicht aus dem Wunsch nach Applaus.
Sie entstehen aus Erfahrung.
Aus Begegnungen.
Aus Geschichten, die uns anvertraut werden.
Aus Dingen, die man nicht mehr loswird, wenn man sie einmal verstanden hat.
Wir schreiben über Armut – nicht als Zahl, sondern als Zustand.
Über Einsamkeit, die mitten in Wohnungen sitzt.
Über Depressionen, die nicht traurig aussehen, sondern leer.
Leer im Kopf.
Leer im Körper.
Leer im Blick.
Wir werden über diesen einen Moment schreiben, in dem jemand auf einer Brücke steht.
Nicht dramatisch. Nicht filmreif. Kein großes Zittern, kein lauter Abschied.
Einfach nur still. Funktionierend. Und innerlich längst verschwunden.
Sekunden, in denen kein großes Denken mehr stattfindet.
Sekunden, in denen kein Plan mehr existiert.
Sekunden, in denen nur noch ein Gedanke übrig bleibt: Es hört gleich auf.
Wir schreiben darüber, weil dieser Moment nicht aus dem Nichts kommt.
Weil ihm Jahre vorausgehen.
Jahre von Überforderung.
Jahre von Einsamkeit.
Jahre von Nicht-gesehen-Werden.
Jahre von „Reiß dich zusammen“, „Andere haben es schlimmer“, „Stell dich nicht so an“.
Wir schreiben darüber, weil Wegsehen tödlich sein kann.
Wir schreiben über narzisstische Muster, über übersteigerte Selbstbezogenheit, über Empathiemangel, Kränkbarkeit, Selbstüberschätzung.
Über Angststörungen, Burnout, Traumafolgen, Bindungsstörungen, Scham, Überforderung.
Über all das, was unsere Gesellschaft produziert – und dann nicht mehr sehen will.
Und ja: Unsere Texte sind manchmal humorvoll.
Nicht, weil wir irgendetwas verharmlosen.
Sondern weil Humor Aufmerksamkeit erzeugt.
Wer das nicht versteht, hat ein grundsätzliches Problem mit Wirkung.
Genau deshalb ist das Beispiel aus der Öffentlichkeit so simpel wie entlarvend:
Wenn jemand wie Chris Tall provoziert, reagieren Menschen. Laut. Emotional. Wütend. Lachend. Diskutierend.
Niemand sagt dann ernsthaft:
„Das ist zu kitschig für ein ernstes Thema.“
Warum?
Weil alle kapieren: Reaktion bedeutet Reichweite. Reichweite bedeutet Sichtbarkeit.
Aber wenn wir einen Zugang wählen, der gelesen wird, heißt es plötzlich:
zu weich.
zu verspielt.
zu unbequem.
zu viel.
Das Problem ist nicht der Stil.
Das Problem ist, dass Inhalte plötzlich ankommen.
Wir schreiben bewusst nicht über „den obdachlosen Menschen“.
Denn das ist trivial.
Das ist bekannt.
Das ist die Überschrift, nicht die Geschichte.
Uns interessiert das Warum.
Was Menschen dorthin gebracht hat.
Was sie innerlich zerstört, ausgehöhlt, überfordert hat.
Welche Mechanismen vorher gewirkt haben – lange, bevor jemand auf der Straße stand oder innerlich längst raus war.
Wir gehen dahin, wo andere abbrechen.
Wo es unbequem wird.
Wo einfache Erklärungen nicht mehr funktionieren.
Und jetzt klar, hart und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten:
Wir schreiben diese Texte nicht, um Menschen von der Straße zu holen.
Das haben wir nie behauptet.
Das werden wir nie behaupten.
Wer uns das unterstellt, hat nicht gelesen.
Und wer nicht liest, aber urteilt, disqualifiziert sich selbst.
Unsere Texte bringen niemanden nach Hause.
Aber sie bringen Dinge ans Licht, die viele lieber im Dunkeln lassen würden.
Und noch etwas, das offenbar ausgesprochen werden muss:
Wer diese Texte kleinredet, ohne sie zu lesen, hat keine Ahnung vom Aufwand, von der Recherche, von der Verantwortung, die dahintersteckt. Das ist keine Spielerei. Das ist Arbeit.
Niemand muss das lesen.
Aber wer es nicht liest, sollte den Mund halten, wenn es um Bewertung geht.
Wir schreiben, weil es sonst kaum jemand tut.
Weil diese Themen wehtun.
Weil sie stören.
Weil sie nicht bequem sind.
Wer damit nichts anfangen kann, muss hier nichts fühlen.
Aber bitte auch nichts zerreden.