Oskar

Es ist kurz nach Mitternacht, als ich diese Zeilen schreibe. Draußen fällt noch immer leiser Regen, und in mir klingt eine Nacht nach, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Heute war ich nicht allein unterwegs. Heute war Oskar dabei.

Oskar ist neu bei uns. Ein neues Mitglied bei UNSICHTBAR e.V., und zum ersten Mal mit uns draußen auf der Straße.

Am Abend haben wir uns an unserem Lager getroffen. Ganz in Ruhe habe ich ihm gezeigt, wie wir unser Fahrzeug einräumen, was alles mit muss und wo was seinen Platz hat. Er hat das Auto kennengelernt, unsere Entnahmeliste, all die vielen kleinen Dinge, die zu so einer Nacht dazugehören. Und natürlich haben wir darüber gesprochen, was draußen wichtig ist. Worauf man achtet. Wie man sich verhält.

Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach: Man verhält sich ganz normal.

Ganz normal.

Denn wir gehen ja zu Menschen. Zu Menschen, die dort auf der Straße liegen. Nicht mehr und nicht weniger.

Dann sind wir losgefahren.

Bei unserem ersten Halt lag ein Herr am Boden, und eigentlich wollte ich nur kurz nachsehen, ob er noch atmet. Doch er war wach. Er erkannte mich, er erkannte uns. Und er brauchte eine Isomatte, einen Schlafsack, etwas zu essen und einen Kaffee.

Also habe ich Oskar gebeten, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen. Ob er dem Herrn die Isomatte und den Schlafsack bringen könnte, während ich mich um den Kaffee und das Essen kümmerte.

Und dann, während ich noch beschäftigt war, hörte ich es hinter mir. Zwei Stimmen. Ein Gespräch. Ganz selbstverständlich, ganz ohne Scheu, als würden sich die beiden schon ewig kennen.

Ich stand da, mit dem Kaffee in der Hand, und musste lächeln.

Da war jemand, der zum allerersten Mal mit uns draußen war. Und er hat nicht gezögert, nicht gefremdelt, nicht nach den richtigen Worten gesucht. Er hat einfach mit einem Menschen gesprochen. Auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch.

Genau darum geht es. Um nichts anderes.

Die beiden haben sich so gut verstanden, dass sie sich am liebsten gar nicht mehr getrennt hätten. Ich war begeistert, Oskar. Wirklich.

Aber die Nacht ging weiter, und wir mussten weiter.

Es regnete. Und wenn es regnet, sind die Straßen in Hagen oft wie leergefegt. Wer draußen lebt, sucht sich dann irgendwo ein trockenes Plätzchen, eine Ecke, ein Dach, irgendetwas. Und trotzdem haben wir noch Menschen gefunden, denen wir etwas Gutes tun konnten.

Am Ende der Nacht war die ganze Schokolade weg. Die Haribos auch. Und einige Liter Wasser haben ihren Weg zu den Menschen gefunden.

Es war eine ruhige Nacht. Eine gute Nacht.

Zum Schluss habe ich Oskar gefragt, wie es ihm gefallen hat.

Und er sagte: „Es war mir eine Ehre, dich begleiten zu dürfen.“

Ich wusste in dem Moment gar nicht, was ich sagen sollte.

Eine Ehre muss das nicht sein. Wirklich nicht. Aber ich habe gespürt, wie ernst er es meinte. Und dass er wiederkommen möchte. Dass er weitere Touren fahren will, mehr kennenlernen, dabei sein.

Das freut mich sehr.

Eines möchte ich noch erzählen.

Oskar hatte heute eigentlich eine Familienfeier. Und er hat einen ganzen Teil davon ausfallen lassen, um mit uns hinauszufahren.

Das ist nicht selbstverständlich. Familienzeit ist kostbar. Niemand muss sie hergeben, um bei uns mitzumachen. Und gerade deshalb berührt es mich, dass er es getan hat.

Lieber Oskar,

danke für diese Nacht. Für deine Offenheit, für deine Wärme, für die Selbstverständlichkeit, mit der du einem Menschen begegnet bist, den du vorher nie gesehen hattest.

Manchmal braucht es keine großen Geschichten.

Manchmal reicht eine Isomatte.
Ein Schlafsack.
Ein warmer Kaffee.

Und zwei Menschen, die miteinander reden.

Ich freue mich auf die nächsten Nächte mit dir.

Ich danke dir, Oskar.