Schaut euch dieses Elend an!“
Irgendwie schon merkwürdig.
Unsere Followerzahlen auf Facebook schrumpfen. Gleichzeitig wächst unsere Reichweite im echten Leben. Jeden Tag ein bisschen mehr. Immer mehr Menschen kennen uns, sprechen uns an, suchen den Kontakt oder unterstützen unsere Arbeit.
Vielleicht hat Facebook einfach die Grippe.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir nicht das zeigen, was manche Menschen offenbar unbedingt sehen wollen.
Vielleicht sind unsere KI-Bilder zu langweilig. Vielleicht fehlt das Elend. Vielleicht ist es manchen einfach nicht dreckig, blutig und erbärmlich genug.
Na gut. Dann ändern wir das eben.
Ab sofort gehen wir auf Spurensuche!
Wir besuchen gezielt die Orte, an denen Menschen ohne festen Wohnsitz leben, und machen aus ihrer Not eine richtig schöne Bilderserie. Schließlich wollen wir unserem Publikum ja etwas bieten.
Offene Beine, tiefe, entzündete Wunden, deren Ränder gelblich verfärbt und aufgequollen sind. Aufgeplatzte Haut, aus der Eiter und Wundflüssigkeit sickern. Blutige Krusten, die an schmutzigen Hosenbeinen kleben und beim Ausziehen wieder aufreißen. Darunter rohes, entzündetes Gewebe, das bei jeder Bewegung schmerzt.
Vielleicht finden wir ja jemanden, dessen Füße seit Wochen in denselben Schuhen stecken. Die Socken feucht, steif vom Schweiß und mit der Haut verklebt. Zwischen den Zehen aufgeweichte, weißliche Haut, tiefe Risse, offene Stellen und Pilzbefall. Beim Ausziehen der Schuhe schlägt einem ein derart beißender Geruch entgegen, dass man am liebsten den Kopf wegdrehen möchte.
Aber bloß nicht wegsehen! Wir brauchen schließlich Bilder für unsere Follower!
Vielleicht entdecken wir auch eine unbehandelte Wunde, aus der eine gelbliche, dickflüssige Masse läuft. Mit entzündeten Wundrändern, abgestorbenem Gewebe und einem fauligen Geruch, der selbst durch die Kleidung dringt.
Eine Wunde, aus der bereits Maden kriechen. Kleine, weißliche Larven, die sich zwischen abgestorbenem Gewebe, Eiter und Wundsekret bewegen.
Und vielleicht hat sich sogar schon irgendein selbst ernannter Möchtegernprofi daran versucht. Ein bisschen Zugsalbe drauf, einen Verband drumherum und fertig ist die medizinische Meisterleistung.
Während darunter möglicherweise eine schwere Infektion fortschreitet, die längst fachgerecht behandelt werden müsste. Während eine lebensgefährliche Sepsis drohen kann.
Aber Hauptsache, irgendjemand durfte sich wieder einmal als großer Retter aufspielen. Ohne ausreichendes Fachwissen und offenbar ohne die leiseste Ahnung davon, welchen Schaden eine verzögerte medizinische Behandlung anrichten kann.
Und wenn das Ganze dann noch ordentlich vereitert, haben wir gleich das nächste sensationelle Foto für Facebook.
Vielleicht haben wir sogar Glück und entdecken jemanden mit Krätze. Aufgekratzte Hautstellen, blutige Striemen, entzündete Fingerzwischenräume, verschorfte Arme und einen Körper, der vom ständigen Kratzen gezeichnet ist.
Das fotografieren wir natürlich alles.
Schön nah heran. Noch näher!
Jede einzelne Kruste muss erkennbar sein. Jeder Tropfen Wundflüssigkeit. Möglichst noch ein bisschen Blut.
Schließlich soll sich der Klick auf „Gefällt mir“ ja auch richtig lohnen.
Und falls die Bilder noch nicht reichen, liefern wir die Gerüche gleich in Worten mit.
Den beißenden Gestank von altem Urin, der sich in Kleidung festgesetzt hat. Den säuerlichen Geruch von Schweiß, der sich mit feuchten Stoffen und dem modrigen Gestank tagelang getragener Schuhe vermischt.
Den süßlich-fauligen Geruch einer infizierten Wunde, der einem bereits beim Näherkommen den Magen umdreht. Gelbliche Flüssigkeit, die durch einen alten Verband dringt, angetrocknetes Blut, das dunkle Flecken hinterlässt, und Hautstellen, die so entzündet sind, dass schon die kleinste Berührung Schmerzen verursacht.
Vielleicht finden wir auch jemanden, der sich vor Schmerzen kaum noch bewegen kann. Der seit Tagen keine Möglichkeit hatte, sich zu waschen. Dessen Kleidung verschmutzt ist und dessen Wunden dringend medizinisch versorgt werden müssten.
Wunderbar! Da haben wir doch alles zusammen, was das sensationshungrige Herz begehrt.
Ekel. Dreck. Blut. Eiter. Gestank. Krankheit.
Fehlt nur noch eine Überschrift wie: „Schaut euch dieses Elend an!“
Und dann können sich alle schön angewidert durch die Bilder klicken, ein trauriges Gesicht hinterlassen, vielleicht noch „Wie schrecklich!“ darunter schreiben und anschließend ganz beruhigt zum nächsten Beitrag weiterscrollen.
Was für eine großartige Form von Mitgefühl!
Und wenn das immer noch nicht reicht?
Dann zeigen wir eben die Schlafplätze.
Nicht nur ein bisschen. Nein, richtig schön ausführlich. Mit erkennbaren Hauseingängen, Brücken, Straßenecken und allem, was dazugehört.
Damit auch der Letzte weiß, wo diese Menschen schlafen.
Und damit liefern wir gleich noch eine wunderbare Straßenkarte für diejenigen mit, die nachts nichts Besseres zu tun haben, als Menschen, die ohnehin kaum Schutz haben, aufzusuchen, zu demütigen, zusammenzuschlagen, anzuzünden oder sexuell zu missbrauchen.
Was soll schon passieren?
Ist doch nur ein Foto. Ist doch nur ein Schlafplatz. Ist doch nur irgendein obdachloser Mensch.
Und wenn dieser Mensch am nächsten Morgen zusammengeschlagen im Krankenhaus liegt oder überhaupt nicht mehr aufwacht?
Na ja. Hauptsache, das Bild hatte ordentlich Reichweite.
Hauptsache, die Likes stimmen. Hauptsache, irgendein sensationsgeiler Gaffer bekommt seinen täglichen Nachschlag menschlichen Elends.
Ach, und jetzt mal eine Frage an diejenigen, denen diese Zeilen zu ekelhaft, zu abstoßend oder zu widerlich sind:
WAS IST DENN LOS?
Wird euch schlecht beim Lesen?
Dreht sich euch der Magen um?
Findet ihr das geschmacklos? Menschenverachtend? Respektlos?
Gefällt euch nicht, was ihr da gerade lest?
Komisch.
Wir beschreiben doch nur das, was auf manchen Seiten tatsächlich als Bildmaterial veröffentlicht wird.
Wir haben keine Kamera auf eine offene Wunde gerichtet.
Wir haben niemandem ins Gesicht fotografiert.
Wir haben keinen schlafenden Menschen vorgeführt.
Wir haben keinen Menschen in einer Situation gezeigt, in der er sich möglicherweise nicht einmal dagegen wehren könnte.
Wir haben nur Worte benutzt.
Und trotzdem findet ihr das möglicherweise widerlich.
Warum eigentlich?
Weil ihr es lesen müsst, anstatt einfach nur auf ein Foto zu starren?
Weil ihr euch die Bilder plötzlich selbst im Kopf zusammensetzen müsst?
Oder weil euch beim Lesen vielleicht zum ersten Mal bewusst wird, wie erbärmlich es ist, das körperliche Elend eines anderen Menschen öffentlich auszuschlachten?
Ist doch nichts anderes, oder?
Ein Foto von einer vereiterten Wunde und die Beschreibung derselben Wunde.
Ein Bild eines schwer erkrankten Körpers und ein Text über diesen Körper.
Ein Foto eines Menschen in einer seiner schlimmsten Lebenssituationen und ein paar Sätze, die genau diese Situation beschreiben.
Ist doch dasselbe.
ODER VIELLEICHT DOCH NICHT?
Vielleicht gibt es da nämlich einen verdammt großen Unterschied.
Unsere Worte stellen keinen bestimmten Menschen bloß.
Unsere Worte verraten nicht, wer dieser Mensch ist.
Unsere Worte zeigen nicht sein Gesicht, seine Scham, seine Hilflosigkeit und seine persönliche Not.
Unsere Worte machen ihn nicht erkennbar, nicht auffindbar und nicht zum Gegenstand öffentlicher Belustigung oder sensationshungriger Neugier.
Und vor allem:
Für diese Zeilen musste kein einziger Mensch seine Würde vor einer Kamera verlieren.
Und jetzt mal Schluss mit der Ironie.
WIR WERDEN EINEN SCHEISSDRECK DAVON TUN!
Wir werden keine Menschen vorführen, nur weil ihre Lebensumstände für andere interessant genug sind, um einmal kurz auf einen Bildschirm zu tippen.
Wir werden keine offenen Wunden fotografieren, damit sich irgendjemand daran ergötzen kann.
Wir werden keine Schlafplätze öffentlich machen und damit möglicherweise Menschen gefährden, die ohnehin schon schutzlos genug sind.
Und wir werden ganz bestimmt nicht die Würde eines Menschen für fünf zusätzliche Follower, zwanzig Likes oder eine höhere Facebook-Reichweite verkaufen.
Wer Elend sehen muss, um Mitgefühl zu empfinden, sollte sich vielleicht einmal fragen, was mit seinem eigenen Mitgefühl nicht stimmt.
Wer erst eine offene Wunde braucht, um zu begreifen, dass ein Mensch Hilfe benötigt, hat etwas Entscheidendes nicht verstanden.
Und wer glaubt, Obdachlosenhilfe müsse möglichst grausame Bilder liefern, um glaubwürdig zu sein, der darf uns gerne entfolgen.
Wir benutzen KI-Bilder, um Themen sichtbar zu machen, ohne dafür Menschen bloßstellen zu müssen. Man kann darüber diskutieren, ob einem diese Bilder gefallen. Das ist völlig in Ordnung.
Aber wir werden nicht anfangen, die Privatsphäre und die Würde der Menschen, denen wir helfen, gegen echte Elendsbilder einzutauschen.
Und wir werden auch keine medizinischen Heldengeschichten erfinden, nur damit wir uns anschließend für ein bisschen Applaus auf die Schulter klopfen können.
Denn auf unseren Touren begegnen wir keinen Fotomotiven.
Wir begegnen Menschen.
Menschen mit Geschichten. Mit Ängsten, Hoffnungen, Krankheiten, Verletzungen und manchmal einem Leben, das schon mehr Schläge ausgeteilt hat, als andere Menschen überhaupt ertragen könnten.
Und diese Menschen haben verdammt noch mal ein Recht darauf, nicht auch noch zum öffentlichen Anschauungsmaterial gemacht zu werden.
Ein obdachloser Mensch verliert mit seiner Wohnung nicht gleichzeitig das Recht auf Privatsphäre.
Er verliert nicht das Recht auf Respekt.
Er verliert nicht das Recht, selbst zu entscheiden, ob sein Gesicht, seine Erkrankungen, sein Körper oder sein Schlafplatz der Öffentlichkeit gezeigt werden.
Und vor allem verliert er nicht seine Menschenwürde.
Und wisst ihr, was mich an dieser ganzen Geschichte besonders wütend macht?
Dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen.
Dass wir erklären müssen, warum wir keine offenen Wunden fotografieren.
Warum wir keine Menschen in ihrem Elend zur Schau stellen.
Warum wir Schlafplätze nicht öffentlich machen.
Warum wir darauf verzichten, die schlimmsten Augenblicke eines fremden Lebens in möglichst viele Likes umzuwandeln.
Seit wann muss man sich eigentlich dafür rechtfertigen, dass man die Würde eines anderen Menschen schützt?
Da steht in unserem Grundgesetz ein Satz.
Ein Satz, der eigentlich keinerlei Erklärung benötigt.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Artikel 1.
Nicht Artikel 75. Nicht irgendeine Fußnote.
ARTIKEL 1!
Ganz vorne. Gleich am Anfang.
Da steht nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar, solange er eine Wohnung hat.
Da steht nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar, solange er gesund, gewaschen und ordentlich gekleidet ist.
Und da steht schon gar nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar, es sei denn, ein Foto seiner offenen Wunden bringt besonders viele Likes.
Trotzdem scheint es manchmal, als würde dieser Satz mit jedem veröffentlichten Elendsfoto ein bisschen mehr zerbröseln.
Als würden wir mit einem riesigen blauen Facebook-Daumen auf etwas einschlagen, das wir eigentlich schützen müssten.
Und drumherum stehen die Zuschauer. Mit ihren Handys. Mit ihren Likes. Mit ihren Kommentaren.
Manche schütteln den Kopf. Manche sind entsetzt. Manche finden es offenbar interessant.
Und manche machen einfach das nächste Foto.
Wie krank ist das eigentlich?
Wir sehen solche Zustände draußen.
Wir sehen die Wunden, wir erleben die Schmerzen und die Verzweiflung der Menschen.
Und wisst ihr, was wir dabei nicht tun?
WIR HALTEN NICHT ALS ERSTES UNSERE VERDAMMTE KAMERA DRAUF!
Wir überlegen, wie diesem Menschen geholfen werden kann. Ob medizinische Versorgung notwendig ist. Wen wir einschalten müssen. Was wir selbst verantworten können und wo Fachleute übernehmen müssen.
Denn genau darum geht es!
Nicht darum, wer das widerlichste Foto geschossen hat.
Nicht darum, welcher Beitrag die meisten traurigen Smileys bekommt.
Und schon gar nicht darum, wer aus dem Leid eines anderen Menschen noch ein bisschen mehr öffentliche Aufmerksamkeit herauspressen kann.
Wir machen bei dieser verdammten Jagd nach Likes nicht mit!
Vielleicht verlieren wir deshalb Follower.
Vielleicht passen wir auch einfach nicht in eine Welt, in der das Elend eines anderen Menschen möglichst spektakulär aussehen muss, damit jemand stehen bleibt.
Wisst ihr was? Dann ist das eben so.
Während sich manche Menschen mit Zahlen, Likes und Reichweiten beschäftigen, stehen wir nachts draußen. Reden mit Menschen. Hören zu. Helfen, wo wir können.
Wir brauchen keine Kamera, wenn uns jemand seine Geschichte erzählt.
Wir brauchen kein Foto einer offenen Wunde, um zu erkennen, dass dieser Mensch medizinische Hilfe benötigt.
Und wir brauchen ganz bestimmt keinen Applaus aus dem Internet, um nachts für jemanden da zu sein.
Wenn wir irgendwann nur noch hundert Follower haben, aber draußen tausend Menschen wissen, dass sie sich auf uns verlassen können, dann haben wir verdammt viel richtig gemacht.
Denn unsere Arbeit findet nicht auf Facebook statt.
Sie findet dort statt, wo Menschen Hilfe brauchen.
Vielleicht sollten sich manche, die auf den Seiten der Obdachlosenhilfe unterwegs sind, einmal ernsthaft fragen, was sie dort eigentlich suchen.
Informationen über soziale Not?
Möglichkeiten, anderen zu helfen?
Oder einfach nur das nächste erschütternde Bild, über das man sich für ein paar Sekunden empören kann, bevor man weiterscrollt?
Und bevor jetzt jemand aufschreit: Natürlich kann ein Foto auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Natürlich können Bilder etwas bewegen. Und selbstverständlich gibt es Menschen, die solche Beiträge aus ehrlichem Mitgefühl verfolgen.
Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Bild, das auf soziale Not aufmerksam macht, und einem Bild, das die Not eines erkennbaren Menschen öffentlich ausschlachtet.
Nicht jedes Foto ist Aufklärung. Nicht jede Veröffentlichung ist Hilfe. Und nicht jeder Like ist Mitgefühl.
Wir müssen nicht beweisen, wie schlimm das Elend ist, indem wir Menschen in ihrem Elend öffentlich ausziehen.
Wir wissen, was draußen passiert.
Wir sehen es.
Wir begegnen diesen Menschen.
Und wir werden weiterhin alles dafür tun, dass sie nicht auch noch ihre letzte verbliebene Privatsphäre verlieren.
Denn wir bewahren die Würde der Menschen. Auch dann, wenn uns das Likes, Follower oder Reichweite kostet.
Armut ist keine Unterhaltung. Obdachlosigkeit ist keine Sehenswürdigkeit. Und menschliches Leid ist verdammt noch mal kein Wettbewerb um Aufmerksamkeit.
Wer helfen will, braucht keine blutigen Bilder.
Wer Mitgefühl hat, braucht keine Nahaufnahme einer vereiterten Wunde.
Und wer Menschen wirklich respektiert, sollte verstehen, dass es manchmal gerade die Bilder sind, die wir bewusst NICHT veröffentlichen, die am meisten über unsere Haltung aussagen.
Und wenn euch schon unsere Worte nicht gefallen, dann fragt euch verdammt noch mal, weshalb euch die dazugehörigen Bilder nicht genauso anko…..
Wir brauchen keine Zuschauer, die sich an menschlichem Elend ergötzen.
Wir brauchen Menschen, die bereit sind, etwas dagegen zu tun und wir brauchen Medien, wie TV und Zeitungen die dazu bereit sind genau darüber zu berichten aber eben ohne irgendein Wesen zur Show stellen zu müssen.
UNSICHTBAR e.V.
HINSEHEN – HINGEHEN – HELFEN.
ARMUT IST KEIN CONTENT.
UND MENSCHEN SIND KEIN FREIWILD!
Die Würde eines Menschen ist nicht verhandelbar.
Nicht für Likes. Nicht für Reichweite. Nicht für irgendeinen verdammten Algorithmus.
Und schon gar nicht für Menschen, denen das Elend anderer offenbar wichtiger ist als der Mensch, der dahintersteckt.
Und damit wären wir wieder ganz am Anfang.
Unsere Followerzahlen schrumpfen. Unsere Reichweite im echten Leben wächst.
Vielleicht liegt es an unseren KI-Bildern.
Vielleicht daran, dass wir keine blutigen Wunden, keine erkennbaren Schlafplätze und keine hilflosen Menschen zur Schau stellen.
Vielleicht hat Facebook ja gar keine Grippe.
Vielleicht ist Facebook ja gar nicht krank. Vielleicht sind es einfach nur ganz viele Menschen aus unserer Gesellschaft, die sowas auch noch unterstützen und
### ARMUT IST KEIN CONTENT. UND MENSCHEN SIND KEIN FREIWILD!
Irgendwie schon merkwürdig.
Unsere Followerzahlen auf Facebook schrumpfen. Gleichzeitig wächst unsere Reichweite im echten Leben. Jeden Tag ein bisschen mehr. Immer mehr Menschen kennen uns, sprechen uns an, suchen den Kontakt oder unterstützen unsere Arbeit.
Vielleicht hat Facebook einfach die Grippe.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir nicht das zeigen, was manche Menschen offenbar unbedingt sehen wollen.
Vielleicht sind unsere KI-Bilder zu langweilig. Vielleicht fehlt das Elend. Vielleicht ist es manchen einfach nicht dreckig, blutig und erbärmlich genug.
Na gut. Dann ändern wir das eben.
Ab sofort gehen wir auf Spurensuche!
Wir besuchen gezielt die Orte, an denen Menschen ohne festen Wohnsitz leben, und machen aus ihrer Not eine richtig schöne Bilderserie. Schließlich wollen wir unserem Publikum ja etwas bieten.
Offene Beine, tiefe, entzündete Wunden, deren Ränder gelblich verfärbt und aufgequollen sind. Aufgeplatzte Haut, aus der Eiter und Wundflüssigkeit sickern. Blutige Krusten, die an schmutzigen Hosenbeinen kleben und beim Ausziehen wieder aufreißen. Darunter rohes, entzündetes Gewebe, das bei jeder Bewegung schmerzt.
Vielleicht finden wir ja jemanden, dessen Füße seit Wochen in denselben Schuhen stecken. Die Socken feucht, steif vom Schweiß und mit der Haut verklebt. Zwischen den Zehen aufgeweichte, weißliche Haut, tiefe Risse, offene Stellen und Pilzbefall. Beim Ausziehen der Schuhe schlägt einem ein derart beißender Geruch entgegen, dass man am liebsten den Kopf wegdrehen möchte.
Aber bloß nicht wegsehen! Wir brauchen schließlich Bilder für unsere Follower!
Vielleicht entdecken wir auch eine unbehandelte Wunde, aus der eine gelbliche, dickflüssige Masse läuft. Mit schwarz verfärbten Rändern, abgestorbenem Gewebe und einem fauligen Geruch, der selbst durch die Kleidung dringt. Eine Wunde, aus der bereits Maden kriechen. Kleine, weißliche Larven, die sich zwischen totem Fleisch, Eiter und Wundsekret winden.
Und vielleicht hat sich sogar schon irgendjemand ohne jede medizinische Ausbildung daran versucht. Ein bisschen Zugsalbe drauf, einen Verband drumherum, fertig ist die medizinische Meisterleistung. Während darunter eine schwere Infektion fortschreitet, die längst fachgerecht behandelt werden müsste. Während eine lebensgefährliche Sepsis droht.
Aber Hauptsache, jemand durfte sich als großer Retter fühlen. Und wenn das Ganze dann noch ordentlich vereitert, haben wir gleich das nächste sensationelle Foto für Facebook.
Vielleicht haben wir sogar Glück und entdecken jemanden mit Krätze. Aufgekratzte Hautstellen, blutige Striemen, entzündete Fingerzwischenräume, verschorfte Arme und ein Körper, der vom ständigen Kratzen gezeichnet ist.
Das fotografieren wir natürlich alles.
Schön nah heran. Noch näher!
Jede einzelne Kruste muss erkennbar sein. Jeder Tropfen Wundflüssigkeit. Möglichst noch ein bisschen Blut.
Schließlich soll sich der Klick auf „Gefällt mir“ ja auch richtig lohnen.
Und falls die Bilder noch nicht reichen, liefern wir die Gerüche gleich in Worten mit. Den beißenden Gestank von altem Urin, der sich in der Kleidung festgesetzt hat. Den säuerlichen Geruch von Schweiß, vermischt mit feuchtem Stoff und modrigen, tagelang getragenen Schuhen. Den süßlich-fauligen Geruch einer infizierten Wunde, der einem schon beim Näherkommen den Magen umdreht.
Ekel. Dreck. Blut. Eiter. Gestank. Krankheit.
Fehlt nur noch eine Überschrift wie: „Schaut euch dieses Elend an!“
Und dann können sich alle schön angewidert durch die Bilder klicken, ein trauriges Gesicht hinterlassen, „Wie schrecklich!“ darunter schreiben und anschließend ganz beruhigt zum nächsten Beitrag weiterscrollen.
Was für eine großartige Form von Mitgefühl!
Und wenn das immer noch nicht reicht?
Dann zeigen wir eben die Schlafplätze. Richtig schön ausführlich. Mit erkennbaren Hauseingängen, Brücken und Straßenecken.
Damit auch der Letzte weiß, wo diese Menschen schlafen.
Und damit liefern wir gleich eine Straßenkarte für diejenigen mit, die nachts nichts Besseres zu tun haben, als Menschen ohne Schutz aufzusuchen, zu demütigen, zusammenzuschlagen, anzuzünden oder sexuell zu missbrauchen.
Was soll schon passieren?
Ist doch nur ein Foto. Ist doch nur ein Schlafplatz. Ist doch nur irgendein obdachloser Mensch.
Und wenn dieser Mensch am nächsten Morgen zusammengeschlagen im Krankenhaus liegt oder überhaupt nicht mehr aufwacht?
Na ja. Hauptsache, das Bild hatte ordentlich Reichweite.
Und jetzt eine Frage an alle, denen diese Zeilen zu ekelhaft, zu abstoßend oder zu widerlich sind:
WAS IST DENN LOS?
Wird euch schlecht beim Lesen?
Findet ihr das geschmacklos? Menschenverachtend? Respektlos?
Komisch.
Wir beschreiben doch nur das, was in sozialen Netzwerken tatsächlich als Bildmaterial veröffentlicht wird.
Wir haben keine Kamera auf eine offene Wunde gerichtet.
Wir haben niemandem ins Gesicht fotografiert.
Wir haben keinen schlafenden Menschen vorgeführt, der sich nicht einmal dagegen wehren konnte.
Wir haben nur Worte benutzt.
Und trotzdem findet ihr das widerlich.
Warum eigentlich?
Weil ihr euch die Bilder plötzlich selbst im Kopf zusammensetzen müsst?
Oder weil euch beim Lesen vielleicht zum ersten Mal bewusst wird, wie erbärmlich es ist, das körperliche Elend eines anderen Menschen öffentlich auszuschlachten?
Ist doch dasselbe, oder? Ein Foto von einer vereiterten Wunde und die Beschreibung derselben Wunde.
ODER VIELLEICHT DOCH NICHT?
Denn es gibt einen gewaltigen Unterschied.
Unsere Worte stellen keinen bestimmten Menschen bloß.
Unsere Worte zeigen nicht sein Gesicht, seine Scham, seine Hilflosigkeit.
Unsere Worte machen ihn nicht erkennbar, nicht auffindbar und nicht zum Gegenstand sensationshungriger Neugier.
Für diese Zeilen musste kein einziger Mensch seine Würde vor einer Kamera verlieren.
Und jetzt Schluss mit der Ironie.
### WIR WERDEN GANZ BESTIMMT NICHTS DAVON TUN!
Wir werden keine Menschen vorführen, nur weil ihre Lebensumstände für andere interessant genug sind, um kurz auf einen Bildschirm zu tippen.
Wir werden keine offenen Wunden fotografieren, damit sich irgendjemand daran ergötzen kann.
Wir werden keine Schlafplätze öffentlich machen und damit Menschen gefährden, die ohnehin schon schutzlos genug sind.
Und wir werden nicht die Würde eines Menschen für fünf zusätzliche Follower, zwanzig Likes oder ein bisschen mehr Reichweite verkaufen.
Wer Elend sehen muss, um Mitgefühl zu empfinden, sollte sich fragen, was mit seinem eigenen Mitgefühl nicht stimmt.
Und wer glaubt, Obdachlosenhilfe müsse möglichst grausame Bilder liefern, um glaubwürdig zu sein, der darf uns gerne entfolgen.
Wir benutzen KI-Bilder, um Themen sichtbar zu machen, ohne Menschen bloßzustellen. Man kann darüber streiten, ob einem diese Bilder gefallen. Das ist völlig in Ordnung. Aber wir werden die Privatsphäre und die Würde der Menschen, denen wir begegnen, nicht gegen echte Elendsbilder eintauschen.
Denn auf unseren Touren begegnen wir keinen Fotomotiven.
Wir begegnen Menschen.
Menschen mit Geschichten. Mit Ängsten, Hoffnungen, Krankheiten, Verletzungen und manchmal einem Leben, das schon mehr Schläge ausgeteilt hat, als andere überhaupt ertragen könnten.
Ein obdachloser Mensch verliert mit seiner Wohnung nicht sein Recht auf Privatsphäre.
Er verliert nicht sein Recht auf Respekt.
Er verliert nicht das Recht, selbst zu entscheiden, ob sein Gesicht, sein Körper oder sein Schlafplatz der Öffentlichkeit gezeigt werden.
Und vor allem verliert er nicht seine Menschenwürde.
Wisst ihr, was mich an dieser ganzen Geschichte besonders wütend macht?
Dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen.
Seit wann muss man sich eigentlich dafür rechtfertigen, dass man die Würde eines anderen Menschen schützt?
In unserem Grundgesetz steht ein Satz, der keinerlei Erklärung benötigt.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Artikel 1.
Nicht Artikel 75. Nicht irgendeine Fußnote.
ARTIKEL 1!
Da steht nicht: solange er eine Wohnung hat.
Da steht nicht: solange er gesund, gewaschen und ordentlich gekleidet ist.
Und da steht schon gar nicht: es sei denn, ein Foto seiner offenen Wunden bringt besonders viele Likes.
Trotzdem scheint dieser Satz mit jedem veröffentlichten Elendsfoto ein bisschen mehr zu zerbröseln. Als würden wir mit einem riesigen blauen Facebook-Daumen auf etwas einschlagen, das wir eigentlich schützen müssten.
Und drumherum stehen die Zuschauer. Mit ihren Handys. Mit ihren Likes. Mit ihren Kommentaren.
Manche schütteln den Kopf. Manche sind entsetzt.
Und manche machen einfach das nächste Foto.
Wie krank ist das eigentlich?
Wir sehen solche Zustände draußen. Wir sehen die Wunden, die Schmerzen und die Verzweiflung.
Und wisst ihr, was wir dabei nicht tun?
WIR HALTEN NICHT ALS ERSTES DIE KAMERA DRAUF!
Wir überlegen, wie diesem Menschen geholfen werden kann. Ob medizinische Versorgung notwendig ist. Wen wir einschalten müssen. Was wir selbst verantworten können und wo Fachleute übernehmen müssen.
Denn genau darum geht es.
Nicht darum, wer das widerlichste Foto geschossen hat.
Nicht darum, welcher Beitrag die meisten traurigen Smileys bekommt.
Wir machen bei dieser Jagd nach Likes nicht mit.
Vielleicht verlieren wir deshalb Follower. Dann ist das eben so.
Wir brauchen keine Kamera, wenn uns jemand seine Geschichte erzählt.
Wir brauchen kein Foto einer offenen Wunde, um zu erkennen, dass ein Mensch medizinische Hilfe braucht.
Und wir brauchen keinen Applaus aus dem Internet, um für jemanden da zu sein.
Wenn wir irgendwann nur noch wenige Follower haben, aber draußen viele Menschen wissen, dass sie sich auf uns verlassen können, dann haben wir sehr viel richtig gemacht.
Und bevor jetzt jemand aufschreit: Natürlich kann ein Foto auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Natürlich können Bilder etwas bewegen. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Bild, das auf soziale Not aufmerksam macht, und einem Bild, das die Not eines erkennbaren Menschen öffentlich ausschlachtet.
Nicht jedes Foto ist Aufklärung. Nicht jede Veröffentlichung ist Hilfe. Und nicht jeder Like ist Mitgefühl.
Vielleicht sollten auch manche Medien genauer hinschauen, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken. Wer die spektakulärsten Bilder liefert, leistet nicht automatisch die beste Arbeit. Und wer bewusst auf solche Bilder verzichtet, tut das nicht, weil er weniger erlebt, weniger weiß oder weniger hilft.
Sondern weil er sich weigert, aus der Not anderer Menschen eine öffentliche Vorstellung zu machen.
Wir wissen, wovon wir sprechen.
Im vergangenen Jahr wurden uns dreimal Reportagen abgesagt. Von TV-Formaten mit Einschaltquoten zwischen 800.000 und über einer Million Zuschauern. Zuletzt rund um Weihnachten 2025.
Der Grund? Wir können es nicht vertreten, Menschen auf der Straße einfach zu filmen.
Ja, wir nehmen Kamerateams mit nach draußen. Aber nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen.
Was wir zu sagen hätten, hat dabei offenbar niemanden interessiert. Dass man von Menschen, die sich auskennen, entscheidende Hinweise bekommen kann. Zum Beispiel, warum man nicht einfach Decken verteilen sollte, weil das lebensgefährlich werden kann.
Es ging einzig und allein um Bilder. Bilder, Bilder und noch mehr Bilder. Filmen, bis der Arzt kommt.
Es ging nicht um die Menschen. Es ging um Einschaltquoten. Und Einschaltquoten sind nichts anderes als die Likes des Fernsehens.
Diese Zahlen tun tatsächlich weh. Denn hinter jedem dieser Zuschauer steckt auch ein möglicher Spender. Hilfe, die draußen ankommen könnte.
Aber solange sich an dieser Haltung nichts ändert, verzichten wir lieber auf diese Art von Öffentlichkeitsarbeit, als die Würde der Menschen zu verkaufen.
Es geht dabei nicht um Neid. Es geht um Verantwortung.
Um die Verantwortung derjenigen, die solche Bilder veröffentlichen.
Derjenigen, die sie verbreiten.
Und derjenigen, die entscheiden, welchen Geschichten sie eine Bühne geben.
Denn mit jeder Veröffentlichung entscheiden wir auch darüber, welches Bild unsere Gesellschaft von Menschen ohne Obdach bekommt.
Sehen wir einen Menschen?
Oder nur noch seine offene Wunde?
Sehen wir seine Geschichte?
Oder nur noch seinen Schlafplatz?
Sehen wir seine Würde?
Oder haben wir längst angefangen, sie mit jedem Like ein bisschen weiter zu zertrümmern?
Vielleicht ist Facebook ja gar nicht krank.
Vielleicht liegt das Problem viel tiefer. Bei uns allen.
Und vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr darüber nachzudenken, wie viele Menschen einen Beitrag liken, sondern darüber, was wir mit diesem Beitrag einem anderen Menschen antun.
Und damit wären wir wieder ganz am Anfang.
Unsere Followerzahlen schrumpfen. Gleichzeitig wächst unsere Reichweite im echten Leben. Jeden Tag ein bisschen mehr. Immer mehr Menschen kennen uns, sprechen uns an, suchen den Kontakt oder unterstützen unsere Arbeit.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Politik, Städte und Einrichtungen auf uns zukommen. Warum wir mit ihnen an gemeinsamen Tischen sitzen und an Projekten mitarbeiten. Warum wir in Katastrophenplänen stehen. Und warum wir mit der Polizei auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
Weil wir sagen, was gesagt werden muss.
Weil wir unbequeme und manchmal auch brenzlige Punkte nicht nur ansprechen, sondern sie auch anpacken.
Und weil wir dabei nie vergessen, für wen wir das alles tun.
UNSICHTBAR e.V.
HINSEHEN – HINGEHEN – HELFEN.
ARMUT IST KEIN CONTENT.
UND DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.
Nicht für Likes.
Nicht für Reichweite.
Nicht für Schlagzeilen.
Und schon gar nicht für den Applaus einer Gesellschaft, die manchmal vergessen hat, dass hinter jedem dieser Bilder ein Mensch steht.