Was, wenn wir nicht mehr glauben?
Man stellt sich vor, man betritt an einem ganz normalen Abend eine Kirche.
Kein Feiertag.
Kein großes Ereignis.
Die Tür fällt leise ins Schloss, Schritte hallen durch den Raum.
Und dann merkt man es sofort: Es ist leer.
Nicht komplett leer – aber so leer, dass es weh tut, wenn man genau hinschaut.
Vereinzelte Menschen sitzen weit voneinander entfernt.
Still.
Für sich.
Es ist keine feierliche Stille.
Es ist eine Stille, in der etwas fehlt.
Vor einer halben Ewigkeit – drei, vier Jahrzehnten – war das anders.
Da kamen die Menschen.
Nicht nur zu besonderen Anlässen.
Nicht nur an Weihnachten.
Nicht nur dann, wenn sie etwas brauchten.
Sie kamen, um zu glauben.
Sie kamen, holten sich ihren Segen – oder das, was es in anderen Glaubensrichtungen dafür gibt.
Sie kamen, weil es Halt gab.
Weil es Ordnung gab.
Weil es etwas gab, das größer war als der Alltag.
Die Menschen glaubten.
Nicht nur dann, wenn etwas schiefging.
Nicht nur dann, wenn Angst da war.
Nicht nur dann, wenn man beim Zahnarzt saß oder im Krankenhaus wartete.
Sie glaubten im Alltag.
Im Guten wie im Schweren.
Nicht perfekt – aber beständig.
Heute ist davon wenig übrig geblieben.
Der Glaube ist nicht verschwunden. Aber er ist punktuell geworden.
Anlassbezogen.
Auf Abruf.
Und dann gibt es diese Zwischenstationen im Leben.
Taufe.
Firmung.
Konfirmation.
Hochzeit.
Plötzlich ist die Kirche wieder wichtig.
Plötzlich sind die Bänke voll.
Plötzlich gehörst du dazu.
Für einen Moment stehst du im Mittelpunkt.
Alle schauen nach vorne.
Alle hören zu.
Alle sind da – wegen dir.
Es ist ein Bild, das man nicht nur aus der Kirche kennt.
Es ist ein Bild aus dem Leben.
Solange es einen Anlass gibt, bist du sichtbar.
Solange etwas gefeiert wird, zählst du.
Solange du im Mittelpunkt stehst, bist du jemand.
Und dann ist es vorbei.
Der Moment endet.
Die Menschen gehen.
Der Raum leert sich.
Der Alltag beginnt.
Und wenn es keinen Anlass mehr gibt,
wenn nichts mehr gefeiert wird, wenn du nicht mehr im Mittelpunkt stehst –
dann bist du plötzlich niemand mehr.
Das ist keine Behauptung.
Das ist eine Beobachtung.
An Weihnachten ist die Kirche voll.
Da gibt es Geschenke.
Da gibt es Geld.
Da gibt es Überraschungen.
Da ist Wärme.
Tradition.
Gemeinschaft.
Und danach ist wieder Alltag.
Und die Kirche wieder leer.
Wir sind gut in Anlässen.
Wir sind schlecht im Dazwischen.
Dabei sagen die großen Glaubensrichtungen dieser Welt seit Jahrhunderten etwas völlig anderes.
Nicht versteckt.
Nicht verklausuliert.
Sondern klar.
Im Christentum heißt es sinngemäß:
Ich war hungrig – und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen.
Nicht: wenn es passt.
Nicht: wenn es feierlich ist.
Sondern: dann, wenn es gebraucht wird.
Im Judentum steht:
Du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen, wenn jemand arm ist.
Hilfe ist dort keine Großzügigkeit – sie ist Gerechtigkeit.
Im Islam ist festgeschrieben, dass im Besitz eines Menschen ein Anteil für Bedürftige liegt.
Nicht als freiwillige Gabe.
Sondern als Verantwortung.
Im Buddhismus wird gelehrt, dass alles Leiden vermindert werden soll –
nicht erklärt,
nicht relativiert,
sondern gelindert.
Durch Mitgefühl im Handeln.
Verschiedene Wege.
Eine gemeinsame Botschaft:
Hinsehen.
Nicht-alleine-lassen. Zusammenhalten.
Und genau das scheint verloren gegangen zu sein.
Nicht der Glaube an sich.
Sondern das Dranbleiben.
Wir glauben heute oft nur noch dann, wenn es uns selbst schlecht geht.
Wenn etwas zerbricht.
Wenn Angst da ist.
Wenn wir Hilfe brauchen.
So wie man vieles erst dann schätzt, wenn es fehlt.
Man beschimpft Institutionen –
und ruft sie im Notfall.
Man macht sich lustig über Hilfe –
und schreit, wenn sie nicht kommt.
Auch das ist kein Vergleich.
Es ist ein Muster.
Und vielleicht trifft es den Glauben genauso.
Man legt ihn beiseite.
Belächelt ihn.
Ignoriert ihn.
Und wenn es dann brennt,
soll er bitte sofort tragen.
Aber das funktioniert nicht.
Was man nicht pflegt,
trägt einen nicht durch Krisen.
Was man nur besucht,
begleitet einen nicht.
Auf der Straße ist das brutal sichtbar.
Dort gibt es keine Anlässe.
Keine Zwischenstationen.
Keine Feiertage, die alles leichter machen.
Dort ist jeder Tag gleich schwer.
Und genau deshalb ist Glaube dort kein Event.
Sondern Halt.
Ein inneres Gegengewicht.
Ein leises „Ich gebe nicht auf“.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem es weh tut.
Dass wir Nähe feiern,
aber nicht leben.
Dass wir glauben,
aber nicht bleiben.
Dass wir Menschen sehen,
wenn sie im Mittelpunkt stehen – und verlieren,
wenn sie einfach nur da sind.
Vielleicht geht es am Ende nicht darum, dass Kirchen wieder voller werden.
Sondern darum, dass das, was sie einmal getragen haben – Würde, Verantwortung, Zusammenhalt –
wieder zwischen uns Platz findet.
Nicht an besonderen Tagen.
Nicht wegen Geschenken.
Nicht wegen Anlässen.
Sondern im ganz normalen Leben.