Wenn Unterstützung zur Botschaft wird, die eigentlich keine sein dürfte.
Wenn Unterstützung zur Botschaft wird, die eigentlich keine sein dürfte.
Menschen, die obdachlos sind, versuchen oft genau eines: nicht aufzufallen.
Unauffällige Kleidung, gedeckte Farben, nichts, was Blicke anzieht.
Nicht aus Scham, sondern aus Selbstschutz. Wer nicht auffällt, wird seltener angesprochen, seltener beurteilt, seltener reduziert.
Kleidung ist in diesem Zusammenhang nicht nur Schutz vor Kälte.
Sie ist Tarnung.
Sie ist ein Versuch, in der Masse nicht sichtbar zu sein.
Umso problematischer wird es, wenn genau diese Unsichtbarkeit gezielt aufgehoben wird.
Wenn bei eisigen Temperaturen, bei wirklichen Minusgraden, besonders warme Jacken verteilt werden – nicht neutral, nicht zurückhaltend, sondern in auffälligen Farben: knallrot, grelles Gelb, hellorange oder leuchtendes Blau. Farben, die man nicht übersehen kann. Farben, die in einer grauen Winterstadt herausstechen.
Und wenn auf genau diesen Jacken dann auch noch ein großes, deutlich sichtbares Logo prangt.
Kein neutrales Zeichen.
Sondern ein industrieller Absender. Ein Unternehmensname. Eine Marke.
In diesem Moment kippt etwas.
Denn wer friert, entscheidet nicht frei.
Wer friert, nimmt, was wärmt.
Wenn Not zur Voraussetzung dafür wird, Sichtbarkeit zu erzeugen, entsteht ein massives Ungleichgewicht.
Die Wahlfreiheit existiert nur auf dem Papier. In der Realität gibt es keine echte Alternative.
Ablehnen hieße frieren. Also wird getragen, was gegeben wird – inklusive der Botschaft, die ungewollt mitgeliefert wird.
So werden Menschen, die sich eigentlich unsichtbar halten wollen, zwangsläufig sichtbar gemacht.
Nicht als Individuen.
Sondern als Träger einer fremden Botschaft.
Auffällige Jacken, gleiche Farben, identische Logos – das wirkt nicht zufällig. Es wirkt organisiert. Gebündelt. Wie eine Aktion. Und genau dadurch werden Menschen in größter Not zu wandelnden Litfaßsäulen.
Mitten in der Gesellschaft, aber nicht auf Augenhöhe.
Das ist kein Nebeneffekt.
Das ist eine vorhersehbare Wirkung.
Dabei spielt es keine Rolle, wo das Logo angebracht ist. Ob auf dem Rücken, auf der Brust oder am Ärmel. Sichtbarkeit bleibt Sichtbarkeit.
Und sie trifft Menschen, die sich nicht aktiv dafür entschieden haben, sichtbar zu sein.
An dieser Stelle wird oft eingewandt, dass auch in der praktischen Hilfe nicht jede Situation ideal ist. Dass es Momente gibt, in denen Kleidung weitergegeben wird, die nicht eigens hergestellt wurde, sondern aus Überschüssen stammt oder andernfalls entsorgt worden wäre.
Genau darin liegt jedoch der Unterschied: Hier geht es um pragmatische Hilfe in akuten Situationen – nicht um gezielte Sichtbarkeit, nicht um Wiedererkennbarkeit, nicht um Konzepte, die auf Wirkung nach außen abzielen.
Wer diesen Unterschied nicht macht, vermischt Nothilfe mit Inszenierung. Und das ist etwas grundlegend anderes.
Wer solche Konzepte unterstützt – ob als Verein, als helfende Hand oder aus guter Absicht – muss sich der Wirkung bewusst sein. Denn was hier entsteht, ist keine Entlastung, sondern eine zusätzliche Belastung für Menschen, die ohnehin in größter Not sind.
Wer so handelt, wird dadurch nicht zu einem besseren Menschen.
Nicht zu einem sozialeren.
Und auch nicht zu jemandem, der „mehr geholfen“ hat.
Hilfe bemisst sich nicht an Reichweite.
Nicht an Wiedererkennungswert.
Und nicht daran, wie oft ein Logo durch die Stadt getragen wird.
Hilfe bemisst sich daran, ob sie schützt, ohne zusätzlich zu belasten.
Der kritische Punkt beginnt dort, wo Sichtbarkeit Teil des Konzepts wird.
Wo Not genutzt wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Wo Menschen keine Wahl haben, ob sie zur Werbefläche werden wollen.
Unterstützung sollte entlasten.
Nicht markieren.
Vielleicht ist genau das der Gedanke, den man aushalten muss:
Nicht alles, was gut gemeint ist, ist gut gemacht.
Und manchmal liegt echte Hilfe nicht darin, etwas Großes zu zeigen –
sondern darin, bewusst nichts zu zeigen.