Ich bin neu im Team
Ich bin neu im Team von Unsichtbar. Darauf gestoßen bin ich durch das Konzert der Polizeikapelle in der Johanniskirche.
Inspiriert durch die Rede von Holger, in der Aspekte zum Obdachlosendasein angesprochen wurden, die ich so noch nie bedacht hatte, hat es mich bewogen, mehr Informationen einzuholen und nun aktiv mitzuwirken.
Angerufen, ein sehr nettes Gespräch geführt und entschieden, dort mitzuwirken.
Und schon ging es los.
Die erste Nachtfahrt.
Im gut sortierten Lager das Auto aufgefüllt, Wasser gekocht und Flaschen befüllt und los ging es.
Ich hatte mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht, was auf mich zukommt. Annette hat mich auf der Fahrt über die weitere Vorgehensweise aufgeklärt.
Zuerst haben wir an einem Ort Halt gemacht, wo vermutet wurde, dass sich dort hilfsbedürftige Menschen aufhalten. Aber nach kurzer Inspektion der Örtlichkeit war niemand zu finden.
Es ging weiter in die Innenstadt. In der ****str. stießen wir auf einen Mann, den ich nachmittags schon dort sitzen gesehen hatte.
Als wir ausstiegen, wurde dieser obdachlose Mann von einem Passanten diffamiert und beschimpft.
Wir sind auf den Obdachlosen zugegangen. Meiner Mitfahrerin war er bereits bekannt. Wir haben ihm Kaffee gemacht, es gab etwas zum Essen, ein paar Süßwaren und noch einen Schlafsack.
Wir haben uns mit ihm unterhalten und ich hatte das innere Bedürfnis, Fragen zu stellen. Es stellte sich heraus, er war ein Heimkind, hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, auch eine Freundin, die ihn betrogen hatte, und er somit die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, in der Vergangenheit mit Drogenproblemen zu kämpfen hatte und HIV-positiv und an Hepatitis erkrankt ist.
Er sei ** und seit fast 20 Jahren auf der Straße.
Ich muss sagen, diese Lebensgeschichte hat mich tief bewegt und ich kämpfte mit den Tränen, und der Gedanke kam hoch, ob dieses Ehrenamt wohl richtig für mich sei.
Die Weiterfahrt führte uns zu einem Hotspot. Kaum geparkt, kamen schon die ersten Besucher. Verpflegung wurde gereicht, ein Paar Schuhe ausgegeben und ein wenig geplauscht.
Meine Mitfahrerin kannte fast alle und teilweise deren Geschichten.
Ich bin nachts nach Hause gekommen und hatte auf der einen Seite ein gutes Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, und auf der anderen Seite auch erschüttert darüber, wie schnell man in eine solche Lage rutschen kann.
Mein persönliches Fazit: Ich habe mir nie ernsthaft Gedanken über die Sorgen, Nöte und Geschichten von obdachlosen Menschen gemacht. Ich hatte zwar immer Mitgefühl und habe dem ein oder anderen auch oftmals gerne etwas gegeben, aber bei genauem Hinsehen ist es viel schlimmer als vermutet, und ich bin dankbar, diesen Einblick gewonnen zu haben.
Genau das motiviert mich weiterzumachen. Für Menschen, denen es sehr schlecht geht, die täglich um ihr Überleben kämpfen, gerade im Winter. Eben für die, die unsichtbar für unsere Gesellschaft sind und vor denen auch viele gerne die Augen verschließen.
Die Not ist viel größer, als man denkt.
Liebe Grüße
Nicole