Selbstverständlichkeiten
Eine weitere Fahrt, dieses Mal in anderer Besetzung. Andreas ist dieses Mal der Fahrer und nach dem Procedere am Lager haben wir kurz die Tour besprochen.
Dieses Mal geht es neben Hagen auch nach Wuppertal und Schwelm.
Das Wetter ist durchwachsen und als wir an unserem ersten Ort ankommen, herrscht dort gähnende Leere.
Also wieder rein ins Auto und auf ging es nach Wuppertal. Die ersten Brennpunkte boten uns erneut keine Möglichkeit zu helfen. Aber dann, am nächsten bekannten Ort, wurden wir regelrecht belagert.
Ganz unterschiedliche Menschen, alt wie jung und auch ganz unterschiedlich in ihrem Auftreten. Die wenigsten sind fordernd, die meisten sehr bescheiden. Eine Dame war unter den Bedürftigen, das ist meiner kurzen Erfahrung nach eher selten.
Sie sprach nicht viel, aber ihre Augen sprachen Bände. Als ich ihr das liebevoll zusammengestellte Kosmetikset anbot, funkelten ihre Augen ein wenig und Dankbarkeit war mehr als deutlich.
Es gibt unterschiedliche Sets für Männer und Frauen, auf die Bedürfnisse der Geschlechter abgestimmt, sogar farblich. Einem Mann sah man die Obdachlosigkeit keineswegs an, wenngleich er schon Jahre am Bahnhof lebt.
Die Fünf-Minuten-Terrinen erfreuten sich größter Beliebtheit. Kaffee, Tee und Kaltgetränke sowie der ein oder andere Schlafsack oder eine Isomatte wurden gereicht.
Wir hatten alle Hände voll zu tun.
Bei manchen ist es schon verwunderlich: Sie tauchen aus dem Nichts auf und sind genauso schnell wieder verschwunden.
Einige lassen sich gerne in ein Gespräch verwickeln und so manche Geschichte berührt mich sehr. Aber auch in dieser Szene herrscht Konkurrenz, es wird sich gegenseitig beklaut und doch ist es auch eine Gemeinschaft.
Eine Gemeinschaft in der Not, die eben auch mit Auseinandersetzungen lebt.
Frauen sind tatsächlich selten. Ich hoffe immer inständig, dass sie auf sich aufpassen können und ihnen nicht noch mehr Leid widerfährt.
Nachdem wir alle versorgt hatten, fuhren wir noch ein, zwei andere Stellen an, aber dort gab es nichts zu tun.
Also auf nach Hagen. In einem Ortsteil von Hagen trafen wir auf einen jungen Mann, der die Mülleimer absuchte. Ihm haben wir dann ebenfalls „etwas gekocht“ und einen Kaffee gereicht. Mehr wollte er nicht.
Weiter ging es in die Innenstadt. Vor einem Geschäft lag, hinter Tüten versteckt, eine schlafende Person. Bei unseren Bemühungen, leise zumindest ein Getränk und Süßwaren zu hinterlassen, erwachte die Person und lehnte Hilfe ab.
Sie hätte aktuell genug und andere hätten es nötiger. Irgendwie beeindruckt haben wir den Wunsch selbstverständlich respektiert und sind weitergefahren.
Zu unserem Hotspot. Während der Fahrt hat Andreas, der sich auch noch bei der Bahnhofsmission engagiert, mir von seinen Erfahrungen und Erlebnissen berichtet.
Man muss sich schon ein wenig auf das Thema Obdachlosigkeit einlassen, um tatsächliche Probleme zu verstehen – auch warum es manchmal schwierig ist, diesen Menschen zu helfen und warum sie sich möglicherweise nicht helfen lassen können oder wollen.
Es ist alles viel komplexer, als es den Anschein hat, und ich für mich muss lernen, nach einem Einsatz nicht zu lange darüber nachzudenken und mir die Schicksale nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.
Am eigentlichen Brennpunkt war auch einiges los. Ein Verletzter, ein alter Bekannter, ein ganz junger Mann und jemand, dessen Zuhause die Züge sind.
Auch hier haben wir versorgt und auch mal ein Schwätzchen gehalten, auch ein wenig Humor darf nicht fehlen. Danach war der Einsatz beendet.
Fazit: Für diese Menschen ist eine Versorgung, gerade im Winter, überlebenswichtig. Aber es geht auch um Wahrnehmung dieser Menschen, um kurze Gespräche oder nur ein Lächeln. Fast jeder Mensch möchte gesehen werden und freut sich darüber. Und auch hier denke ich für mich, wie dankbar ich bin, in einer funktionierenden Gemeinschaft zu leben und jederzeit, wenn der Schuh drückt, jemanden anrufen zu können.
Es sind die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die mir bewusst werden. Denn so selbstverständlich ist vieles gar nicht, auch wenn ich es so empfinde.