Sprachbarrieren

Alte und neue Bekannte – sie sind uns alle willkommen.
Heute, 14.05.2024, sind Sina und ich (Karin) wieder on the road again. Die Wärme und dass es so lange hell bleibt, wirkt sich deutlich auf die Stimmung aus und so freuen wir uns darauf, den wieder aufgefüllten Kangoo aufs Neue zu leeren.
Zunächst finden wir jedoch niemanden, der etwas aus unserem Vorrat benötigen könnte. An bekannten Anlaufstellen bleiben wir kurze Zeit stehen, falls doch noch ein umherstreifender obdachloser Mensch vorbei kommt. Wir haben es nicht eilig und freuen uns über jeden, der Kontakt zu uns aufnimmt – sei es ein Obdachloser oder ein Nachtschwärmer, der einfach nur wissen möchte, wer wir sind und was wir tun.
Ziel ist jetzt ein weiterer zentraler Treffpunkt in der Innenstadt. Sina parkt den Kangoo – und schon kommen alte und neue Bekannte zielsicher aus allen Himmelsrichtungen auf uns zu.
Bei den alten Bekannten ist es fast schon ein familiäres Gefühl. Es ist jetzt meine 20. Tour seit Februar und mit jeder Tour wächst das Gefühl, dazu zugehören. Zu Unsichtbar – aber auch zu der Truppe da draußen, die sich auf uns verlässt.
Ich frage nach dem Namen eines der obdachlosen Herren, der daraufhin seinen Personalausweis aus der Hosentasche zieht: „Ticket, Ticket!“ – Sina und ich unisono: „Oh nein!“ Ich erkläre ihm langsam und mit Unterstützung von Zeichensprache, dass er alles bei uns einfach so erhält, wir brauchen keinen Personalausweis. Er versucht, mir etwas zu erklären, etwas zu erzählen – ich verstehe ihn nicht. Fragender Blick zu Sina, die trotz Ausgabe von Terrinen zugehört hat – sie auch nicht. Ich höre trotzdem zu, manchmal fließen englische Wörter ein, so dass ich ab und zu einen Zusammenhang erkenne. In seinen Augen sehen Sina und ich Tränen… ich würde so gerne mehr von ihm erfahren, aber die Sprachbarriere ist einfach zu hoch. Als er später ein 2. Mal zu uns kommt und wir noch einen Wunsch erfüllen dürfen, verabschiedet er sich mit einem leicht verschmitzten Lächeln: „I love you“ – Natürlich antworte ich mit: „I love you, too“ – es ist ein flüchtiger Moment der Dankbarkeit, der ein warmes Gefühl hinterlässt.
Ein kleiner, schmaler Herr taucht auf… ungepflegt, zaghaft… ich kenne ihn nicht, frage, ob er obdachlos ist und ob wir ihm helfen können. Er zaudert: „Habe Wohnung – aber arm.“ – Ich bin mir ziemlich sicher: Er hat keine Wohnung, er schämt sich einfach. Ich frage ihn, mit was wir ihm helfen können – Nudeln, Kartoffelpüree, was zu Trinken etc. – Er fragt: „Warum?“ Ich bin unsicher, frage nach, was er meint. Er antwortet, warum wir helfen – zumindest verstehe ich das so. Ich versuche wieder zu erklären, dass wir einzig und allein aus diesem Grund hier sind: Um zu helfen. Weitere Konversation lässt die Sprachbarriere mal wieder nicht zu. Es tut jedes Mal weh, wenn sie versuchen, uns etwas mitzuteilen, aus ihrem Leben zu erzählen – und wir nichts verstehen. Manchmal helfen einige Brocken Englisch. Was aber immer bleibt: Ein Gefühl der Dankbarkeit. Bei ihnen, dass sie Hilfe bekommen – bei uns, dass wir helfen dürfen.
Es gibt immer wieder Menschen, die fassungslos sind über uneigennützige Hilfe ohne wenn und aber. Genau das ist jedoch unsere Intention. Aber unsere Hilfe hat auch Grenzen. Wir helfen ihnen durch die Nacht – mit den Vorräten aus dem Kangoo und mit Zuhören und Gesprächen. Und wir helfen mit Tipps und Adressen von Anlaufstellen, wo sie kompetent beraten werden. Wir sind Ehrenamtliche, die nicht beratend tätig sein dürfen und auch nicht können. Wir reichen ihnen die Hand, es ist Hilfe zur Selbsthilfe, denn schlussendlich müssen sie selbst die Initiative ergreifen, nur dann haben sie eine reale Chance, das Leben auf der Straße hinter sich zu lassen. Es ist kein einfacher Weg – aber wer für sich beschließt, ihn zu gehen, kann es schaffen.
Dank an eine mir sehr wichtige Freundin für die Einblicke aus einem längst vergangenen Abschnitt ihres Lebens.
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EHRENAMT BEI UNSICHTBAR e. V.
Das Ehrenamt bei UNSICHTBAR e. V. besteht nicht ausschließlich aus der Arbeit auf der Straße. Bring dich zum Beispiel in der Fahrzeugpflege mit ein, sortiere, packe und waschen und reinige regelmäßig unsere Fahrzeuge, denn auch das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe.
Werde Teil von etwas Großem – werde ein Teil von UNSICHTBAR e. V.“