Und eine Teddywärmflasche gab es auch…

Heute war ich mal wieder für den Verein unterwegs, quasi überall und nirgends – einiges erledigt, ein bisschen was verschoben.

Und dann, ja dann braucht der alte Brandenburg immer mal ein Stündchen Schlaf. Also das dicke Kissen nehmen, einmummeln und die Augen schließen.
Pustekuchen – oder das war ein Satz mit X, das war wohl nichts.

Da war noch etwas liegen geblieben, was ich erst einmal aufarbeiten musste, und dann ging das Telefon.
Ein Einsatz um 22:00 Uhr.
Nun gut, rein in die Klamotten, ab ins Auto und los ging es. Das Navi sagte etwas von 45 Minuten. Okay, ich hatte eine halbe Stunde anvisiert – ist aber auch egal. Irgendwann würde ich ankommen. Vielleicht jemanden vorfinden. Und diesen Menschen dann versorgen können.

Und das habe ich dann auch reichlich getan.
Er hat die Welt nicht mehr verstanden.
Ich habe mich gefreut, ihm helfen zu dürfen.
Seit mehr als sechs Jahren lebt er nun auf der Straße. Okay, ein bisschen mehr – aber so genau gehen wir eh nicht ins Detail. Sonst würden wir ja auch seinen Namen nennen. Und der geht niemanden etwas an. Also behalten wir immer wieder mal etwas für uns und schweigen über den Rest. Einfach nur dafür, um ein weiteres Mal die Privatsphäre eines Menschen zu wahren.

Als ich ankam, aus dem Haus, von wo aus mir die Person gemeldet wurde, hatte er bereits einen heißen Tee bekommen.

Von uns gab es einen SOS-Rucksack.
Das sind prall gefüllte Rucksäcke, die ich an Menschen verteile, die gar nichts haben – oder eben auch gar nichts mehr haben.

Was ihn immer wieder fassungslos machte, war etwas anderes.
Dass er es ja schon schlimm finden würde, wenn ganz normale Menschen ihn beklauen.
„Wer tut denn sowas?“, fragte er und schaute mich an.

Aber jetzt beklauen dich auch noch die, denen es genauso dreckig geht wie dir – das würde er erst recht nicht verstehen.

Letztendlich hatte er erst einmal alles, was ihn durch die Nacht bringen würde.
Auch Schuhe konnte ich ihm geben. Neue Winterstiefel.
Dazu noch eine Wärmflasche.
Einen TOM.
Und etwas Süßes.

„Was würde die Welt ohne dich machen, Holger?“, fragte er.

Ich sagte:
„Sich jemand anderen suchen.“

Ich gab ihm die Anlaufstellen, an die er sich wenden sollte. Die ihm helfen würden – zumindest jetzt erst einmal, um in einer Unterkunft unterzukommen.

Und na ja, dann erst mal sehen.

„Pass auf dich auf“, sagte er.
Ich antwortete:
„Das sagt der Richtige. Du hast kein Blech um dich herum. Ich schon.“

Wenn jemand etwas von dir haben will, dann ist es jedem egal, ob du in einem Auto sitzt oder sonst wo.

Was man will, das bekommt man heutzutage irgendwie.

Wir werden sehen.
Vielleicht meldet er sich ja mal.
Und wir töttern noch ein bisschen weiter.

Was habe ich letztendlich bei ihm gelassen?
Ganz viel Materielles, das ihn heute Nacht den Umständen halber wärmt.
Aber auch Zeit.
Ein Ohr, das ihm zugehört hat.
Und etwas, das wir uns geteilt haben: die Kälte.

Er behält sie für die Nacht und ich kann nur erahnen, was für eine furchtbare Qual das sein muss.

Und nun sitze ich hier  – nach drei oder vier Stunden – vor diesen Zeilen.
Und ich frage mich, wo plötzlich die ganze Zeit geblieben ist.

Die ich, Hand aufs Herz, gerne verschenkt habe.
Damit noch ein Mensch mehr weiß, dass es uns gibt.
Dass all die, die uns brauchen, wissen, wer wir sind.
Und was wir tun.
Dass da draußen jemand ist, der kommt.
Der zuhört.
Der nicht wegschaut.
Nicht laut.
Nicht perfekt.

Aber da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.