Was war eigentlich gestern?
Vorstandssitzung. Spenden abholen. Rausfahren, anpacken, helfen. Und wieder einmal einen Blick hinter den Vorhang unserer Gesellschaft werfen.
Dorthin schauen, wo viele lieber den Blick heben, nur um ihn nicht senken zu müssen. Um die Menschen nicht sehen zu müssen, die dort auf der Straße sitzen.
Und dann kam die Nacht.
Mein Telefon klingelte. Am anderen Ende ein junger Mann, der einfach reden wollte. Der gehofft hat, dass ihm jemand zuhört und ihn versteht. Solche Anrufe bekommen wir inzwischen fast regelmäßig.
Erst haben wir über dies und das gesprochen. Irgendwann kam das Thema Familie. Aus Familie wurde Adoption. Und daraus wurde so vieles, was kein Mensch erleben sollte.
Seine Mutter war süchtig, schon während der Schwangerschaft. Er kam zur Welt und musste in seinen ersten Lebenstagen einen Entzug durchstehen. Ein winziger Mensch, der gerade erst atmen gelernt hat, und schon kämpfen muss. Direkt danach wurde er zur Adoption freigegeben. Seine Mutter hat er nie kennengelernt.
Er ist damit nicht allein. In Deutschland kommen jedes Jahr bis zu 2.000 Babys zur Welt, die so ins Leben starten. Sucht ist eine Krankheit, keine Frage. Aber das Kind kann nichts dafür. Und selbst wenn dieser erste Kampf gewonnen ist, bleibt oft eine Verletzlichkeit, die ein Leben lang mitläuft.
Andere erleben das Schlimmste später, ausgerechnet dort, wo sie am sichersten sein sollten: bei Mutter oder Vater. Statistisch sitzen in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder, denen genau das passiert ist.
Auch das sind die Geschichten hinter dem Vorhang.
Sein Leben lang hat er gekämpft, gegen diese leise Stimme, die ihm immer wieder ins Ohr flüsterte: „Ist doch nur ein Joint.“ „Nur ein einziges Mal.“
Irgendwann hat er diesen Kampf verloren. Und ist dort gelandet, wo auch seine Mutter einmal gelebt hat: auf der Straße.
Fast zwei Stunden haben wir miteinander geredet.
Obdachlosenhilfe ist so viel mehr als ein Schlafsack, ein warmes Essen oder eine Tüte mit dem Nötigsten. Jeder hilft so, wie er kann und wie er es für richtig hält, und das ist gut so. Für uns gehört Zeit ganz selbstverständlich dazu. Zeit, um wirklich zuzuhören. Und Zeit, um gemeinsam zu schauen: Wo gibt es Hilfe? An wen kannst du dich wenden?
Weil er sich gehört gefühlt hat, und weil ich ihm ein Stück Zeit schenken durfte, hat er mir etwas versprochen: Er will zu den Anlaufstellen gehen und sich dort Hilfe holen.
Und falls er sich wieder meldet und es vergessen hat? Dann erinnere ich ihn gern daran. Ohne Vorwurf. Einfach so.
Denn manchmal reicht ein Schritt nicht, um nach vorne zu kommen. Manchmal braucht es zwei, drei oder auch vier. Und manchmal braucht es einfach jemanden, der bei jedem dieser Schritte da ist.
Hinter jedem Menschen auf der Straße steht eine Geschichte, die lange vor der Straße begonnen hat. Niemand sucht sich seinen Anfang aus.
Wenn du also das nächste Mal jemandem begegnest, der dort sitzt: Heb deinen Blick nicht über ihn hinweg. Schau hin. Ein Hallo, ein Lächeln, ein kurzer Moment. Das kostet dich nichts. Aber für einen Menschen kann es alles bedeuten, endlich wieder gesehen zu werden.
Und was morgen sein wird, werden wir sehen!