Die eine Schulter
Unterwegs, wenn andere schlafen
Wir sind draußen, wenn andere schlafen.
Nicht, weil es besonders klingt, sondern weil es dann notwendig ist.
Wenn Städte still werden, Straßen leer sind und niemand mehr hinschaut.
Genau dann beginnt eine andere Wirklichkeit.
Wenn wir nachts losfahren, fühlt es sich an, als würden wir durch ein Tor fahren. Als würden wir eine Grenze überqueren und in eine andere Welt eintreten. Eine Welt, die parallel existiert, aber für die meisten unsichtbar bleibt.
Dort gelten andere Regeln.
Gespräche haben ein anderes Gewicht.
Zeit fühlt sich anders an. Kälte, Einsamkeit, Angst und Sehnsucht liegen offen da und lassen sich nicht auf Abstand halten.
Die vergangene Woche – von Montag bis Sonntag – war kalt. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz real.
Glätte, Dunkelheit, Nächte, die sich ziehen. In diesen Tagen und Nächten waren wir unterwegs.
Dass dieser Text erst jetzt entsteht, liegt nicht daran, dass nichts gewesen wäre. Sondern daran, dass solche Einsätze nachwirken.
Sie machen müde.
Sie schaffen einen.
Sie brauchen Zeit, um innerlich zu sacken. Wer diese Zeit nicht zulässt, wird krank. So einfach ist das.
Irgendwann öffnet sich dieses Tor wieder. Man fährt zurück in den Alltag. Die Straßen sehen gleich aus wie vorher. Aber man selbst ist es nicht. Denn was in dieser anderen Welt geschieht, bleibt nicht dort. Man nimmt es mit.
Gespräche, Bilder, Stimmen. Dinge, für die es oft keine passenden Worte gibt. Der Kopf wirkt leer, dabei ist er übervoll.
In diesen Nächten geht es nicht um Organisationen oder Konzepte.
Es geht um Menschen.
Um Gespräche, die man nicht einfach abschüttelt.
Um Begegnungen mit Sehnsucht.
Und wenn man jemandem gegenübersitzt, der Sehnsucht hat – nach Sicherheit, nach Nähe, nach einem Leben, das sich wieder wie ein Leben anfühlt – dann bleibt das nicht bei ihm.
Dann stellt sich die eigene Sehnsucht daneben. Nicht geplant, nicht gewollt, sondern weil Nähe das mit sich bringt.
Aus genau diesen Momenten entstehen Texte.
Nicht, weil man Geschichten braucht.
Sondern weil man Vergleiche nicht verhindern kann.
Weil man das Leben der Menschen auf der Straße nicht betrachten kann, ohne das eigene mitzudenken.
Und dabei wird sichtbar, was diese Arbeit mit dem eigenen Leben macht.
Dass das Privatleben kleiner wird.
Dass Zeit für Nähe, für Beziehungen, für ein eigenes Ankommen immer weniger wird. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil Loyalität nicht teilbar ist. Weil man nicht halb da sein kann.
Das Privatleben sieht niemand. Es sieht niemand, wie langsam die eigene Familie wegstirbt. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Durch Abwesenheit. Durch Müdigkeit. Durch all das, was immer wichtiger erscheint als das eigene Leben.
Es sieht niemand, wie das eigene Herz zerreißt, weil es sich nach etwas sehnt – und wenn es nur eine Schulter wäre. Diese Sehnsucht bleibt unsichtbar. So wie vieles, was diese Arbeit mit sich bringt.
“Many will read these lines.
Only a few will truly understand them.”
(Unbekannter Autor)
Deutsch:
„Viele werden diese Zeilen lesen. Nur wenige werden sie wirklich verstehen.“
Was uns antreibt, ist nicht Sichtbarkeit. Es ist Haltung. Loyalität gegenüber den Menschen, denen wir begegnen.
Loyalität gegenüber Situationen, die kein Publikum brauchen. Und Liebe – nicht romantisch, sondern praktisch. Eine Liebe, die zuhört, aushält und bleibt. Auch dann, wenn es anstrengend wird.
Viele Dinge bleiben dabei bewusst unsichtbar. Hilfe, die im Stillen passiert. Entscheidungen, die getroffen werden, damit Menschen Luft bekommen, bevor alles kippt.
Unterstützung, die nicht erzählt wird, weil Würde mehr zählt als Wirkung nach außen. Das alles sieht man nicht. Und genau so ist es richtig.
Trotzdem wird viel geredet. Viel erzählt. Viel behauptet. Nicht nur einmal, nicht vereinzelt, sondern immer wieder. Geschichten, die weitergetragen werden und sich festsetzen. Wenn man all das sammeln würde, was im Laufe der Jahre über uns erzählt wurde, könnte man daraus ein eigenes Buch schreiben. Nicht, weil es wichtig wäre – sondern weil es zeigt, wie groß die Lücke zwischen Tun und Gerede sein kann.
Dieses ständige Zurückhalten, dieses bewusste Nicht-Darüber-Reden, kostet Kraft. Mehr, als viele ahnen.
Schweigen ist keine Leere. Schweigen ist Arbeit. Und es ist anstrengend, Haltung zu bewahren, auch dann, wenn falsche Bilder entstehen.
Und weil sich an vielem nichts ändern lässt – weil Verantwortung nicht einfach abgelegt werden kann – fährt man wieder raus in die Nacht. Manchmal auch, um sich selbst kurz zu vergessen. Und um zu sehen, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als einem selbst.
Nicht aus Vergleich, sondern aus Einordnung.
Am Ende wird es still.
Nicht, weil alles gesagt ist, sondern weil man gelernt hat, mit dem Ungesagten zu leben.
Man kommt zurück durch dieses Tor. Die Welt ist dieselbe. Aber man selbst ist es nicht. Man funktioniert weiter. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es notwendig ist. Man trägt weiter Verantwortung, obwohl das eigene Leben leiser wird. Man hält aus, obwohl das Herz sich nach etwas sehnt, das klein genug wäre, um fast unscheinbar zu wirken.
Nicht, weil man nichts fühlt.
Sondern weil man zu viel fühlt.
Und trotzdem fährt man wieder los.
In die Nacht.
Durch dieses Tor.
Weil Wegsehen keine Option ist – auch dann nicht, wenn es weh tut.
“Some people carry the weight of the world so quietly
that no one notices how heavy it is.”
(Unbekannter Autor)
„Manche Menschen tragen das Gewicht der Welt so leise, dass niemand bemerkt, wie schwer es wirklich ist.“