Würde endet nicht im Tod

Würde endet nicht im Tod – aber oft an einem Haken im Formular

Ausgangspunkt dieses Textes ist ein Artikel von Rainer Hofmann im The Kaizen Blog mit dem Titel
„Es wird in Deutschland niemand obdachlos. – Wie ein Satz die Toten unsichtbar macht“.

Ich schreibe diesen Text nicht, um diesen Bericht fortzuschreiben oder zu ersetzen.

Ich schreibe ihn, weil das, was dort sachlich und präzise beschrieben wird, hier draußen ein Gesicht hat. Und manchmal ein sehr stilles Ende.

Der Artikel zeigt, dass es in Deutschland keine bundesweite, verbindliche Statistik über Todesfälle obdachloser Menschen gibt.

Nicht fortlaufend, nicht rückblickend, nicht verpflichtend.

Stirbt ein Mensch, taucht er in der allgemeinen Todesstatistik auf.

Ob dieser Mensch auf der Straße gelebt hat, in einer Notunterkunft oder ohne jede Absicherung, verschwindet im Moment des Todes vollständig aus der Erfassung.

Nicht, weil es niemanden interessiert.
Sondern weil niemand verpflichtet ist, es festzuhalten.

Was hier fehlt, ist keine Kleinigkeit. Es ist eine strukturelle Leerstelle.

Polizei kennt Todesorte. Krankenhäuser kennen Einlieferungen.
Kältehilfen kennen Kontakte. Kommunen kennen Einzelfälle.
Aber niemand ist verpflichtet, diese Informationen zusammenzuführen. Es gibt keine eigene Kategorie, keine Meldepflicht, keine Zahl, die am Ende stehen muss.

Und genau deshalb ist der Satz „Es wird in Deutschland niemand obdachlos“ nicht überprüfbar.
Nicht, weil er stimmt.
Sondern weil das System so gebaut ist, dass das Gegenteil nicht belegbar wird.

Ich lese diesen Text nicht aus journalistischer Distanz. Ich lese ihn aus Erfahrung. Ich kenne Orte, an denen Menschen gelegen haben.

Ich kenne Namen, die irgendwann nicht mehr gerufen wurden.

Ich kenne diese besondere Stille, wenn jemand fehlt – und niemand offiziell fragt, warum.

Hier beginnt die Arbeit von UNSICHTBAR e. V.
Und hier beginnt auch „Würde wahren – Respekt statt Objektiv“.
Würde ist nicht nur die Frage, ob jemand fotografiert oder gefilmt wird, während er schläft, leidet oder stirbt.

Würde ist auch die Frage, ob ein Mensch im Tod einfach verschwindet, weil seine Lebensumstände statistisch nicht vorgesehen sind.

Ob jemand zu einer anonymen Zahl wird – oder nicht einmal das.

Der Artikel im Kaizen Blog macht deutlich, dass Erinnerung oft Statistik ersetzt. Gedenktafeln ersetzen Zahlen. Namen werden genannt, weil Zahlen fehlen. Das wirkt würdevoll, ist aber in Wahrheit ein Notbehelf. Erinnerung ist wichtig – sie ersetzt jedoch keine Verantwortung.
Was nicht gezählt wird, gilt nicht als Problem.

Und was nicht als Problem gilt, muss nicht verändert werden.

Das ist der Punkt, an dem es für mich nicht mehr theoretisch ist. Denn hier draußen zeigt sich, was diese Leerstelle bedeutet. Sie bedeutet, dass Menschen im Leben unsichtbar sind – und im Tod endgültig.

Sie bedeutet, dass Sätze gesagt werden können, die beruhigend klingen, weil niemand gezwungen ist, sie zu überprüfen.

„Würde wahren“ heißt für mich deshalb auch: nicht hinnehmen, dass Menschen aus der Wahrnehmung fallen, nur weil sie in kein Formular passen.

Nicht akzeptieren, dass jemand erst dann wieder erfasst wird, wenn er stirbt – und selbst dann ohne das, was sein Leben ausgemacht hat.

Der Artikel von Rainer Hofmann legt diese Lücke offen. Ruhig. Präzise. Ohne Empörung. Was danach kommt, liegt nicht mehr allein im Journalismus. Es liegt bei uns als Gesellschaft.

Und bei der Frage, ob wir bereit sind, auch das sichtbar zu machen, was man bisher nicht sehen wollte.

Nicht alles, was still ist, ist friedlich.
Manches ist einfach nur vergessen worden.

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Kennst du schon unseren Unsichtbären?

Ein langjähriges Projekt,
mit dem wir schon vielen Kindern ein Lächeln geschenkt haben

www.unsichtbaer.de

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Unsere Forderung an die Politik und die Gesellschaft umzudenken,
wenn es um das Fotografieren und Filmen
von obdachlosen Menschen und deren Schlafplätzen geht.

www.wuerde-wahren.de

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