Ein Text über Familie.
Heute mal etwas Persönliches.
Normalerweise erzählen wir hier von unseren Touren. Von Begegnungen auf der Straße. Von Menschen, die sonst keiner sieht.
Heute erzähle ich von mir.
Warum hier? Weil es genau dazu passt.
Wenn wir draußen unterwegs sind, sehen wir einen Menschen mit Schlafsack und Rucksack. Was wir nicht sehen, ist der Schrank, aus dem er kommt. Die Familie. Die Menschen, die einmal um ihn herum standen. Die Risse. Die Lücken. Das, was irgendwann zu Bruch gegangen ist.
Fast jeder, den wir treffen, trägt so eine Geschichte mit sich. Manche reden darüber. Die meisten nicht.
Ich weiß, wie sich das anfühlt. Nicht auf der Straße, aber mit Rissen. Und genau deshalb schaue ich hin.
Familie ist aus Porzellan. Bei uns allen.
Den Text habe ich ursprünglich für meine private Seite geschrieben. Den Link dazu stelle ich hier bewusst nicht rein, denn der gehört nicht auf die Vereinsseite. Wer ihn haben möchte, meldet sich einfach bei mir.
Vielleicht erkennt sich ja der eine oder die andere wieder.
—
DAS SERVICE
Ich bin eine Tasse.
Nichts Besonderes. Weißes Porzellan, ein kleiner Goldrand, der schon ein bisschen abgegriffen ist.
Und einmal quer durch geklebt.
Ich gehöre zu einem Service.
Oder sagen wir: Ich gehörte zu einem.
Früher war das mal ein ganzer Schrank voll.
—
Ganz oben standen die alten Stücke.
Feines Porzellan, dünn wie Papier, mit Blümchen drauf.
Die hat man nur an Feiertagen rausgeholt.
Irgendwann wurden sie zu zerbrechlich für den Alltag.
Und eines Tages war eins davon einfach nicht mehr da.
Keiner hat es fallen lassen. Es war nur müde geworden.
Ein Teller ist schon vor meiner Zeit zerbrochen.
In Jahren, in denen überall Geschirr zu Bruch ging.
Ich kenne ihn nur von einem Foto. Und von der Lücke im Schrank.
Eine kleine Tasse hat den Schrank nie erreicht.
Sie ist schon beim Auspacken zerbrochen.
Ich habe sie nie kennengelernt.
Und trotzdem weiß ich, dass sie fehlt.
Und so ging es weiter.
Ein Stück nach dem anderen.
Man gewöhnt sich nicht daran. Man lernt nur, die Lücken zu sehen.
—
In der Mitte standen immer die großen Stücke.
Die Suppenschüssel. Die Bratenschale.
Um die herum wurde der Tisch gedeckt.
Die haben alles zusammengehalten, ohne dass man es gemerkt hat.
Man merkt es erst, wenn sie weg sind.
Beide sind weg.
Und seitdem ist der Tisch irgendwie zu groß.
—
Die kleineren Tassen und Teller von damals haben inzwischen ihr eigenes Geschirr.
Eigene Schränke. Eigene Tische.
Das ist gut so. Das ist der Lauf der Dinge.
Geschirr wird nicht dafür gemacht, für immer im selben Schrank zu stehen.
—
Und ich?
Ich war immer ein bisschen die, die man nach einem Sturz wieder reingestellt hat.
Geklebt. Brauchbar. Aber eben mit Riss.
Man hat mich benutzt, klar. Nur halt ein bisschen vorsichtiger.
Und manchmal habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt noch richtig dazugehöre.
Oder nur aus Gewohnheit noch dasteh.
Klingt traurig? Ist es gar nicht so sehr.
Eine geklebte Tasse weiß wenigstens, was sie aushalten kann.
—
Vor einer Weile stand eine andere Tasse aus dem alten Service wieder neben mir.
Das war schön.
Man hat sich angestoßen, ganz leicht, wie früher.
Es hat sich nach Schrank angefühlt. Nach Zuhause.
Und dann hat es geklirrt.
Nicht laut. Aber genau an der falschen Stelle.
Vielleicht war ich zu empfindlich.
Vielleicht war der Stoß ein bisschen zu fest.
Wahrscheinlich beides.
Tassen mit Rissen haben es schwer miteinander. Und wir haben beide welche.
Jetzt steht sie wieder in ihrem Schrank.
Und ich in meinem.
—
Ich will mich nicht beklagen.
Ich bin ja noch da.
Ein bisschen angeschlagen, das schon.
Die alten Narben ziehen, wenn es kalt wird.
Und manchmal, wenn ich mich umschaue, sehe ich mehr Lücken als Geschirr.
Aber ich halte noch Tee.
Warm sogar.
Und wenn mich jemand in die Hand nimmt, dann merkt er: Die hält.
—
Vielleicht ist das so mit Familien.
Sie sind aus Porzellan.
Schön, wertvoll und furchtbar zerbrechlich.
Manches geht verloren, weil die Zeit es holt.
Manches, weil einer stolpert.
Und manches, weil zwei zu fest aneinanderstoßen, obwohl sie sich eigentlich nur nah sein wollten.
Was bleibt, ist oft weniger, als man sich wünscht.
Aber es ist nicht nichts.
Und so stehe ich hier.
Mit meinem Riss und meinem abgegriffenen Goldrand.
Nicht mehr im großen Schrank, aber auch nicht im Müll.
Und falls irgendwann jemand vorbeikommt und Durst hat:
Ich bin noch da.
SOLANGE EINE TASSE NOCH TEE HÄLT, IST DAS SERVICE NICHT GANZ VERLOREN.