Das Leben im Koffer

Das Leben im Koffer

Es war ein alter Koffer.
Einer, den man ansieht, dass er viel getragen hat.
Eine Hand hielt ihn fest am Griff, als wüsste sie, dass er sonst auseinanderfallen könnte.

Sein Leder war von Rissen durchzogen, von Narben gezeichnet.

Pflaster klebten an ihm – nicht schön, aber notwendig –, damit er zusammenhielt.

Er war dreckig gewesen, mehr als einmal.
Beworfen.
Gezogen.
Abgestellt.
Wieder aufgenommen.
Gereinigt.
Und trotzdem nie wieder ganz sauber geworden.

Aus einer kleinen Öffnung schaute eine Maus hervor.
Ängstlich.
Vorsichtig.
Als hätte sie gelernt, dass die Welt nicht immer freundlich ist, aber neugierig genug, um trotzdem zu bleiben.

Und dort, wo der Koffer am dünnsten war, hatte sich ein weiteres Loch gebildet.
Kein großes.
Nur eines, das reichte.
Daraus löste sich eine kleine Pusteblume.
Ihre Samen flogen hinaus, getragen vom Wind.
Unkontrolliert.
Leise.

Und vielleicht landete nicht jeder dort, wo er sollte –
aber jeder trug die Möglichkeit in sich, irgendwo etwas wachsen zu lassen.

Und in diesem Koffer lebte ein Leben.

Ein ganzes.

Dieses Leben hatte keinen Namen.
Kein Alter.
Kein Gesicht.
Aber es war da.
Es fühlte,
erinnerte sich,
hoffte,
zweifelte
und machte weiter.

Jeder Mensch trug so einen Koffer bei sich.

Die Frau, die abends ins Bett ging, morgens ins Bad und nachmittags einen Kaffee trank, hatte ihn.
Ihr Koffer stand ordentlich in der Ecke.
Das Leben darin war meist ruhig.
Manchmal vergaß sie sogar, dass es da war.

Der Mann ohne Wohnung trug seinen Koffer sichtbar.
Er stand neben ihm, lag neben ihm, war immer da.
Er konnte ihn nicht abstellen, selbst wenn er es wollte.
Das Leben darin war wachsam.

Immer.

Auch die Familie, die rechnete, zählte und hoffte, trug einen.
Ihr Koffer war sorgsam gepackt, aber an manchen Stellen dünn wie Papier.
Jede Sorge hinterließ eine Falte.

Das Leben im Koffer war bei allen gleich wertvoll.

Aber nicht bei allen gleich gesund.

Manche Leben fühlten sich wohl.

Sie taten Gutes.
Sie schauten nach vorn.
Sie griffen anderen unter die Arme, wenn deren Koffer zu schwer wurden.
Doch auch diese Leben hatten Lücken.
Denn niemand, der nur Gutes tut, wird dafür immer belohnt.
Neid trat.
Worte verletzten.
Und kluge Menschen erklärten ihnen, warum sie falsch lägen.

Diese Leben wurden aber nicht böse, dafür aber müde.

Dann gab es Koffer, in denen das Leben krank war.
Nicht krank vor Hunger.
Nicht krank vor Kälte.
Sondern krank vor Härte.
Diese Leben lernten, andere klein zu machen.
Zu urteilen.
Zu tyrannisieren.
Schlecht zu reden.
In solchen Koffern sammelte sich etwas Dunkles in einer Ecke.

Nicht sichtbar von außen.
Aber spürbar, wenn man näher kam.

Es gab auch Koffer von Menschen, die viel zu sagen hatten.
Sie sprachen schnell.
Laut.
Bestimmt.
Ihr Leben im Koffer wurde selten gefragt.
Entscheidungen wurden getroffen, ohne hineinzuschauen,
was sie in anderen Koffern anrichteten.

Manche dieser Menschen machten Regeln.
Gesetze.
Ordnung.
Doch sie sahen Zahlen,
keine Leben.

Und irgendwo dazwischen gab es einen Tierpfleger im Zoo.

Er hatte auch einen Koffer.
Einen leichten, mit Platz für Staunen.
Manchmal schaute er in andere Koffer.
In den eines Elefanten, der so viel trug, dass man es von außen nie vermutet hätte.
In den eines Erdmännchens, klein, aber wachsam.
Und sogar in den einer Maus,
deren Leben kaum Platz brauchte
und doch vollständig war.

Der Tierpfleger wusste:
Größe sagt nichts über Gewicht.
Und Gewicht nichts über Wert.

Viele Leben begannen irgendwann aus ihren Koffern herauszuschauen.
Sie sahen andere Koffer.
Schwerere.
Leichtere.
Schönere.
Und sie wurden nervös.
Schwere Koffer wirkten wichtig.
Leichte verdächtig.
Niemand fragte sich, warum ein Koffer schwer war.
Denn man sah nur das Äußere.
Nicht das Leben darin.
Und während geschaut, verglichen und geurteilt wurde,
ging die Zeit weiter.
Niemand hielt sie an.
Die Koffer wurden getragen.
Geschleppt.
Manchmal abgestellt.
Manchmal fallen gelassen.
Manchmal fest umklammert,
als wäre der Griff das Einzige, was noch Halt gab.
Und irgendwann hörte ein Leben auf.
Nicht plötzlich.
Nicht laut.
Einfach so.
Nicht, weil der Koffer leer war.
Sondern weil das Leben darin zu Ende war.
Denn jedes Leben ist endlich.
Ohne Ausnahme.
Und vielleicht geht es in diesem Märchen nicht darum,
wer den schönsten Koffer hatte.
Oder den schwersten.
Oder den unversehrtesten.
Vielleicht geht es darum,
wie wir ihn getragen haben.

Denn jeder Mensch, den wir heute übersehen,
nimmt etwas davon mit in seinen Koffer.
Ein Wort.
Einen Blick.
Ein Wegsehen.
Und dieses Etwas hinterlässt eine Spur.
Manchmal wird daraus ein Riss.
Manchmal ein Loch.
Ein Loch, durch das andere hineinschauen können.

In das sie etwas hineinlegen.
In das der Wind greift.
Ein Loch, durch das Kälte zieht, durch das Zweifel wachsen, durch das das Leben nicht leichter wird.
Nicht, weil dieser Mensch schwach war.
Sondern weil ein anderer Koffer meinte, er sei besser.
Wichtiger.
Mehr wert.

Respektlosigkeit hinterlässt immer Spuren.
Nicht im eigenen Koffer zuerst,
sondern im Koffer der anderen.
Darum halte inne.
Geh in deinen eigenen Koffer.
Setz dich zu deinem Leben.
Sprich mit ihm.
Schau dir andere Koffer nicht von oben an,
sondern aus deiner eigenen Kofferperspektive.

Vielleicht erkennst du dann,
dass jedes Leben etwas trägt.
Dass kein Koffer vollständig ist.
Dass in fast jedem eine kleine Maus wohnt,
die nagt, zweifelt, ängstlich ist.
Dass es Löcher gibt.
Risse.
Abnutzungen.
Und dass wir alles sind –
nur eines nicht: perfekt.

Das Märchen sagt nicht,
wie man richtig lebt.
Es erinnert nur daran,
dass wir es könnten.
Solange wir es tragen.
Solange unser Leben noch im Koffer ist.
Denn am Ende zählt nicht,
wie schwer er war.
Sondern wie achtsam wir ihn getragen haben.
Koffer lügen nicht.
Und das Leben darin
weiß genau, wie wir mit ihm umgegangen sind.

Vielleicht erinnern wir uns noch an alte Märchen.
An solche, die wir als Kinder gehört haben und nie ganz vergessen konnten.

Nicht, weil sie schön waren.
Sondern weil sie ehrlich waren.

Vielleicht nehmen wir dieses Märchen ein kleines Stück mit.
Nicht als Geschichte.
Sondern als Gefühl.
So wie man manchmal etwas aus einem Koffer behält,
ohne genau zu wissen, warum – und erst später merkt, dass man es gebraucht hat.

Am Ende.
Geschrieben von Holger Brandenburg.
Nicht nach Grimm’scher Art,
sondern so, wie Koffer in Märchen passieren,
wenn man nicht wegschaut.

Ach ja:
Danke für ganz viele Inspirationen, Zeit, geschenkte Ruhe und einen wirklich leckeren Tee.