Heiter. Wolkig. Traurig.
„Es gibt Nächte, in denen sich das Wetter nicht am Himmel verändert, sondern im Herzen.“
Heiter. Wolkig. Traurig.
So würde ich diese Nacht wohl beschreiben.
Sie begann eigentlich ganz normal. Dann klingelte das Telefon.
Ein junger Mann brauchte dringend ein Dach über dem Kopf. Solche Anrufe bekomme ich immer wieder. Menschen, die plötzlich auf der Straße stehen und einfach nicht mehr wissen, wohin.
Ein Teil dieser Menschen ruft bei uns an, weil Google leider fälschlicherweise angibt, dass wir Unterkünfte anbieten. Das tun wir nicht. Wir haben keine Unterkunft. Aber wir arbeiten mit verschiedenen Einrichtungen zusammen und versuchen, den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Normalerweise hole ich niemanden ab. Das gehört nicht zu unseren Aufgaben.
Aber wer heute Nacht aus dem Fenster geschaut hat, hat gesehen, was draußen los war.
Regen. Wind. Gewitter.
Und dann erzählt dir ein noch sehr junger Mensch, dass er erst seit wenigen Stunden auf der Straße ist, völlig überfordert wirkt und überhaupt nicht weiß, was jetzt als Nächstes passiert.
Ganz ehrlich?
Ich konnte ihn bei diesem Wetter nicht einfach draußen stehen lassen.
Also habe ich ihn abgeholt und zu unserem Kooperationspartner gebracht. Dort wurde sofort reagiert und er bekam für diese Nacht ein Zimmer.
Dafür möchte ich mich ganz herzlich bei der Stadt Hagen, für die unkomplizierte und schnelle Hilfe bedanken. Genau so funktioniert Zusammenarbeit.
Der nächste Anruf ließ nicht lange auf sich warten.
Diesmal wollte der Mann gar keine Unterkunft. Er hatte sich entschieden, erst einmal im Zelt zu leben.
Also machte ich mich auf den Weg. Diesmal in eine ganz andere Richtung.
Als ich ankam, hatte er fast nichts.
Also bekam er von mir ein Zelt, einen Schlafsack, etwas zu essen und die Dinge, die man eben braucht, wenn man plötzlich draußen leben muss.
Danach haben wir uns lange unterhalten.
Er hat mir seine Geschichte erzählt.
Nicht alles. Aber genug, um zu verstehen, dass hinter jedem Menschen mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht.
Diese Geschichte werde ich euch aber nicht erzählen.
Nicht, weil sie unwichtig ist.
Sondern weil sie mir anvertraut wurde.
Und wie ihr alle wisst, gehen wir mit den Geschichten der Menschen, die sie uns anvertrauen, sehr sensibel um, zudem gehören sie auch nicht auf Facebook. Sie gehören dem Menschen, der sie erlebt hat.
Als ich mich verabschiedete, sagte er einfach nur: „Danke, dass du gekommen bist.“
Mehr brauchte es in diesem Moment nicht.
Und dann wurde diese Nacht traurig.
Ich erfuhr, dass der Mann, über den ich vor Kurzem noch geschrieben hatte, gestorben ist.
Er war stadtbekannt.
Viele kannten ihn.
Viele schüttelten den Kopf, wenn sie seinen Namen hörten.
Ich nicht und viele andere die ich kenne und auch kannte, auch nicht.
Ich/Wir habe nämlich nicht nur den Mann kennengelernt, den viele in den letzten Jahren gesehen haben.
Ich erinnere mich auch an den Menschen davor.
Ich habe ihn lachen sehen.
Ich habe mit ihm gesprochen.
Ich habe erlebt, wie herzlich er sein konnte.
Und ich habe erlebt, wie sehr ihn seine Alkoholsucht verändert hat.
Ich erinnere mich aber auch an Situationen, in denen er einfach ungerecht behandelt wurde.
Vor einigen Jahren sprang er in einer 30er-Zone auf die Straße, weil er einen Autofahrer darauf aufmerksam machen wollte, dass dort Kinder unterwegs sind und dass Tempo 30 nicht ohne Grund gilt.
Am Ende bekam ausgerechnet er den Ärger.
Nur wenige Tage später rief ihn eine ältere Dame zu sich in die Wohnung, weil ihr Mann dringend Hilfe brauchte.
Er ging sofort hinein, leistete Erste Hilfe und stabilisierte den Mann, bis die Rettungskräfte eintrafen.
Darüber wurde nie groß gesprochen.
Darüber wurde nichts geschrieben.
Und genau das macht mich traurig.
Wir reden oft über die Fehler eines Menschen.
Aber viel zu selten über die Momente, in denen er Gutes getan hat.
Bis heute weiß ich nicht, was ihn aus seinem früheren Leben in diese Richtung geführt hat.
Ich weiß nicht, welche Kämpfe er geführt hat.
Ich weiß nicht, welche Niederlagen ihn irgendwann zum Alkohol gebracht haben.
Und ich werde es jetzt auch nie mehr erfahren.
Was ich aber weiß, ist, dass ich heute keinen „Alkoholiker“ verloren habe.
Ich habe einen Menschen verloren.
Einen Menschen, der irgendwann auf diesem Weg verloren gegangen ist.
Vielleicht ist das auch das Traurigste an dieser ganzen Geschichte.
Nicht, dass er gestorben ist.
Sondern dass viele ihn schon lange vorher als Menschen verloren hatten.
Als ich nach Hause fuhr, gingen mir drei Menschen durch den Kopf.
Der eine schläft heute Nacht in einem warmen Bett.
Der andere schläft in einem Zelt, das ich ihm gebracht habe.
Und der dritte wird nie wieder anrufen.
Es gibt Nächte, in denen sich das Wetter nicht am Himmel verändert.
Sondern im Herzen.
UNSICHTBAR e.V.
Jede Nacht schreibt ihre eigenen Geschichten. Wir versuchen, ihr Ende ein bisschen besser zu machen.