Das Herz und das Bauchgefühl

Darf man obdachlose Menschen veräppeln, „auf den Arm nehmen“?
Oh ja – man darf! Ausdrücklich sogar. Sie wollen nicht nur wie Menschen behandelt werden, sondern wie Menschen wie du und ich, wie ihr und wir. Und mal ganz ehrlich: Wir mögen es doch alle, mit Leuten rumzufrotzeln, sich gegenseitig zu foppen, einfach Spaß haben und lachen – gerade in der heutigen Zeit, in der die schlimmen Ereignisse die Nachrichten dominieren.
Und wenn wir bei dem Halt am Bahnhof mehrere obdachlose Menschen in der Halle antreffen und Holger fragt, wer was braucht und einer hebt die Hand und Holger und er kennen sich und Holger zuckt übertrieben zurück und ruft: „DU nicht!“ und geht – und dann lacht dieser Mensch, freut sich so offensichtlich, legt – genauso übertrieben – flehentlich die Hände aneinander… dann müssen wir einfach zusammen lachen! Und das tut einfach gut. Wir sind auf Augenhöhe.
Ich (Karin) hole mit einem Arm aus und rufe: „Dann komm‘ mit!“ Auf der anderen Seite der Bank ist ein Herr im Sitzen eingenickert. Holger fragt leise, ob er etwas braucht – er ist sofort wach und lässt ein erfreutes „JA!“ hören und jetzt sagt Holger: „Dann komm‘ mit“. Und so gehen wir (Holger, Susanne S. und ich) und die Fünf aus der Bahnhofshalle zum Unsichtbar-Kangoo.
Einer der Herren stellt eine Frage, ich verstehe ihn nicht gleich. Er hält eine Hand hoch und dreht sie – ich frage: „Handschuhe?“ Er nickt, streckt eine Hand aus, sagt: „Entschuldigung“ und legt zaghaft die Rückseite kurz an meine Wange – seine Hand ist eiskalt. Ich versichere ihm, dass ich gleich sofort am Wagen nachschaue!
Draußen kommt ein Obdachloser zu uns und fragt nach einer TOM – einer Tasche für obdachlose Menschen mit einer Grundausstattung. Leider haben wir die Kälte nicht ausreichend berücksichtigt und wir haben nicht alles an Bord – aber das ist kein Problem. Holger verabredet mit den beiden Herren, dass er mit aufgefülltem Kangoo später wiederkommt. Einer der beiden guckt mich an – es ist der mit den Handschuhen. Jetzt nicke ich ihm zu: Holger kehrt mit Handschuhen und TOM’s zurück. GANZ sicher. Die Augen des Mannes sind so vertrauensvoll – ich freue mich einfach nur, weil ich weiß, dass sein Vertrauen nicht enttäuscht wird. – Später denke ich darüber nach: Wie oft sind diese Menschen bereits enttäuscht worden? Wie lange dauert es, bis sie wieder Vertrauen fassen? Die Tatsache, dass dieser Mensch in diesem Moment uns vertraut und das Wissen, dass er nicht enttäuscht wird, tun so gut.
Bei einem – wie immer netten – Plausch mit 2 Polizisten wird erwähnt, dass ein Jugendlicher gesucht wird. Selbstverständlich halten wir die Augen offen – das ist uns ja eh in Fleisch und Blut übergegangen. Ja, auch mir, die ich ja erst seit Februar die Touren begleite.
Susanne muss am nächsten Tag arbeiten, ich habe ziemlich früh einen Termin (tatsächlich auch einen Unsichtbar-Termin mit Bea), so dass wir zum Lager zurückfahren, wo wir noch einiges an warmen Sachen in den Kangoo packen. Holger fährt wieder los und Susanne und ich fahren Richtung Heimat.
Mir ist klar, dass Holger nicht nur zum Bahnhof fährt. Ich überlege, ob sich Holgers Bauchgefühl wieder meldet und er den Jugendlichen findet. Noch während wir unterwegs sind, geht mein Handy – Holger: „Ich hab‘ ihn gefunden.“ – Warum wundert mich das jetzt nicht? Natürlich ist Holger seinem Bauchgefühl gefolgt – und wieder war er erfolgreich. Er hat die Polizei informiert und den Jugendlichen bis zu ihrem Eintreffen nicht aus den Augen gelassen.
Lachen mit Menschen, denen meistens nicht zum Lachen zu Mute ist, Vertrauen gewinnen, dass Versprechen eingehalten werden, Holgers Bauchgefühl, das sich wieder als bewährt erwiesen hat – wir sind dankbar für den positiven Verlauf dieser Tour!

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