Nur geradeaus

Da kam heute eins aufs andere und dabei ist mir tatsächlich der Bericht von Frank, der gestern mit Sabine Wiegand-Steffan auf Tour war, durch die Finger geschliddert.
Heute also mal ein Bericht von gestern – nur etwas später!
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Nur geradeaus
Unser geplantes Dreierteam wurde leider durch eine Absage von Kathrin gesprengt, so dass ich mich entschied, gestern Abend zusammen mit Sabine Wiegand-Steffan in Wuppertal alleine auf Tour zu gehen.
Nur geradeaus, so war unsere Tour.
War sie das?
Nein, natürlich nicht. Unsere Strecken sind manchmal wirr, weil es die Straßenführungen oder die Straßenverkehrsordnung nicht anders erlauben oder weil wir zwischendurch Meldungen bekommen.
So wirr und verschlungen wie die Wege, die alle Menschen in ihrem Leben begehen, um im Hier und Jetzt an dem momentanen Punkt anzukommen.
Manche Wege sind kurvenreich, manche Wege sind sehr gerade, aber viele Wege sind gerade, aber nicht nach vorn gerichtet. Das hängt nicht nur von einem selbst ab, sondern auch oft von externen Faktoren.
Man nutzt Lebenszeit, um woanders zu landen als man eigentlich möchte.
Um das eigentliche Ziel zu erreichen, bedarf es oft eines Anstoßes, meist auch wieder von außen.
So war auch unsere gestrige Tour.
Nach einem relativ kurzen freundlichem Plausch mit einem netten Herren, der aber nichts brauchte, ging unsere Tour am gestrigen Abend neben ein paar ergebnislosen Ortskontrollen „nur“ zu drei Stellen mit uns schon lange bekannten Menschen.
Hier hatten wir aber jeweils lange Gespräche, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen um das Thema „nur geradeaus“ drehten.
Ein junger, aber seit längerem auf der Straße lebender Mann, der einem anderen, der noch nicht so lange draußen lebt, Hinweise und Verhaltensregeln mit auf den Weg gab, wo wir zuhörend und zustimmend, aber auch staunend daneben standen.
Natürlich kann das Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe ein Bild ergeben, was anschließend auf alle Obdachlose projiziert wird.
Aber hier waren auch persönliche Hinweise aus eigener Erfahrung vorhanden, wie der neue junge Mann sein eigenes Leben besser gestalten könnte.
Nur geradeaus! Nicht ablenken lassen, den eigenen Weg gehen.
Am nächsten Platz trafen wir einen netten Menschen, der uns bei einem Kaffee erzählte, dass er einen neuen Mitbewohner seiner Wohnung, den er aufgenommen und auch mit persönlichen Dingen ausgestattet hatte, im Gespräch mit Gleis 1 unterstützt hat und ihn dazu gebracht hat, sich einer Entgiftung zu unterziehen.
Wobei „dazu gebracht“ nicht nur bedeutet, dass er ihn bei dem Ausfüllen der Formulare unterstützt hat, nein, er hat ihn auch persönlich zu der Entgiftung in eine andere Stadt begleitet, damit er auf dem sicher nicht einfachen Weg in die Einrichtung Unterstützung hat.
Nur geradeaus! Ein schwerer Weg, aber sicher nicht der schlechteste.
Weiterhein erzählte er von seinem Rechtstreit gegen mehrere Institutionen, die er bisher immer gewonnen hat, aber seitens der Institutionen auch immer Revisionen eingelegt wurden. Er ist aber optimistisch und lebensfroh, denkt an die Zeit danach und hat Pläne.
Nur geradeaus! Nicht den Mut verlieren, nicht nachlassen bei der Erreichung des Ziels.
Nach diesem Gespräch fuhren wir weiter zu zwei Bekannten, die uns über alle Backen anstrahlten. So froh und gut gelaunt hatten unsere Teams sie lange nicht angetroffen.
Zwischenmenschliche Probleme und auch große gesundheitliche Sorgen hatten in der letzten Zeit zu schlechter und auch deprimierter Stimmung gesorgt.
Davon war nichts mehr zu spüren. Gesundheitsuntersuchungen haben Diagnosen erbracht, die bestimmte Zustände und Gefühle erklärt und auch Lösungsansätze aufgezeigt haben.
Das hat dann dazu geführt, dass ausgemistet wurde.
Im wahrsten Sinne in der Unterkunft, die weitaus besser aussah als noch vor kurzer Zeit (was sie auch selbst zufrieden sagten), aber auch bei bestimmten Verhalten und Ritualen, die bisher gepflegt wurden und nicht vorteilhaft war.
Jetzt wurden Pläne geschmiedet und auch schon Voraussetzungen dafür getroffen, inklusive der Besuche bei den Ärzten und auch Ämtern.
Wir haben uns darüber sehr gefreut und hoffen, dass dieser Weg weiter beschritten wird, denn das ist hier auch eine große Chance.
Nur geradeaus! Immer weiter auf dem eingeschlagenen Weg, zurück in eine Zukunft.
So unterschiedlich die Gespräche waren, die zusammen über drei Stunden gingen, so war im Prinzip dieses Motto für diesen Abend sehr passend.
Wir Menschen in unseren Wohnungen, die wir mit Heizung, warmem Wasser, Licht, Kühlschrank, Herd und Bett leben, kennen fast alle das Gefühl der Orientierungslosigkeit, was einen mal mehr oder weniger oft erwischt.
Wie froh sind wir, wenn wir einen Rahmen haben, von außen Unterstützung kriegen oder einen Anstoß bekommen, in welche Richtung wir weitergehen und weiterleben wollen und sollen.
Das ist auf der Straße noch viel wichtiger. Auch einmal nur ein Ohr schenken und eine Meinung sagen, der Kaffee oder die Suppe ist da nicht immer das wichtigste.
Wir sind mit einem guten Gefühl aus den Gesprächen herausgegangen, weil wir die positive Energie gespürt haben
Nur geradeaus! Nicht zurück!
Geradeaus ging es dann zwar nicht in Richtung Heimat, wir hatten noch eine Aufgabe, die wir gerne wahrgenommen haben.
Vor zwei Tagen bekamen wir eine Meldung bezügliche eines jungen Manns mit seinem Hund, daraufhin hatten wir, das andere Team und anschließend Holger Brandenburg selbst noch, ihn mehrfach in dieser Nacht aufgesucht und nach ihm geguckt.
Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, in den nächsten Nächten nach ihm zu sehen.
In den letzten beiden Nächten war er nicht an diesem Ort zu finden, wir hoffen ganz stark, dass er mit seinem Hund zusammen in die warme Wohnung zurückgekehrt ist.
Das ist das, was wir machen, unterstützen, zuhören und uns kümmern.
Wenn es dunkel und im Winter auch kalt wird.
Und dann ging es zurück in unsere Wohlfühlzonen die wir mit einem guten Gefühl kurz vor zwei Uhr erreichten. Heute fährt wieder ein anderes Team hinaus. Und danach wieder ein anderes. Wir sind da!
Nur geradeaus! Jeden Tag, jede Nacht.