Immer diese langen Texte
97. 84. 72. 64.
Nein. Das sind keine Temperaturen. Keine Spendensummen. Keine Hausnummern. Es sind die Aufrufe von vier WhatsApp-Statusmeldungen, die ich innerhalb weniger Stunden veröffentlicht habe.
Der erste Status zeigte lediglich die Frage: „Na, wie geht’s?“ 97 Aufrufe. Ein paar Stunden später folgte ein schwarzer Hintergrund mit einem einzigen Begriff: #y.a.n.a.58. 84 Aufrufe. Wieder später nur eine Zahl auf schwarzem Hintergrund: 49.216. 72 Aufrufe. Und zum Schluss der Hinweis auf einen ausführlichen Beitrag. Kein lustiges Video. Kein Gewinnspiel. Keine Katze. Kein Hund. Kein Foto einer Spendenübergabe. Nur der Hinweis auf ein Thema, das uns seit Jahren beschäftigt. 64 Aufrufe.
Innerhalb weniger Stunden waren also 33 Menschen ausgestiegen.
Und nein. Bevor jetzt wieder jemand denkt, ich würde Menschen dafür kritisieren – genau darum geht es überhaupt nicht. Vielleicht mussten sie arbeiten. Vielleicht war das Handy aus. Vielleicht hatten sie einfach keine Zeit. Das ist völlig in Ordnung.
Was mich beschäftigt, ist etwas ganz anderes.
Die ersten beiden Status konnte überhaupt niemand verstehen. Woher denn auch? Wer weiß schon, was #y.a.n.a.58 bedeutet? Woher soll jemand wissen, wofür die Zahl 49.216 steht? Genau das war der Sinn. Es war ein kleines Experiment. Nicht darüber, wie viele Menschen unsere Beiträge anschauen. Sondern darüber, wie schnell wir heute entscheiden, dass uns etwas nicht interessiert, wenn wir die Antwort nicht innerhalb weniger Sekunden geliefert bekommen.
Und genau an dieser Stelle höre ich seit Jahren immer wieder denselben Satz.
„Holger, deine Texte sind viel zu lang.“
Ach ja?
Dann erklärt mir doch bitte endlich einmal, wie ich das anders machen soll.
Erklärt mir, wie ich in sechs oder sieben Sätzen beschreiben soll, wie es sich anfühlt, auf einer Brücke zu stehen und den Kampf gegen sich selbst zu verlieren. Erklärt mir, wie ich in wenigen Zeilen vermitteln soll, warum ein Mensch nicht sterben möchte, sondern einfach nur nicht mehr so weiterleben kann. Erklärt mir, wie ich Depressionen erklären soll, ohne über die Gedanken, die Ängste und die Einsamkeit zu schreiben. Drei Sätze? Vier Sätze? Oder reicht euch vielleicht schon: „Depression. Suizid. Ende.“
Erklärt mir bitte, wie ich in einem kurzen Facebook-Beitrag beschreiben soll, wie es sich anfühlt, nachts in einem Gebüsch zu schlafen. Nicht, weil man campen möchte. Nicht, weil man Abenteuer sucht. Sondern weil jede Tür verschlossen geblieben ist. Weil jede Hoffnung langsam verschwindet. Weil man zwischen Müll, Kälte und Ratten versucht, irgendwie die Nacht zu überleben. Und entschuldigt bitte, liebe Tierschützer – aber Hermanns bester Freund war in dieser Nacht nicht die Ratte neben ihm. Sein bester Freund wäre ein Mensch gewesen, der ihn überhaupt noch gesehen hätte.
Oder Jutta. Als Kind immer wieder sexuell missbraucht. Irgendwann kamen die Drogen. Irgendwann die Hoffnungslosigkeit. Irgendwann die Brücke.
Was wollt ihr lesen?
„Jutta. Drogen. Suizid.“
Ist das kurz genug?
Ist das Facebook genug?
Ist das WhatsApp genug?
Oder merkt ihr langsam selbst, wie absurd diese Forderung eigentlich ist?
Ihr wollt kurze Texte? Dann bekommt ihr kurze Texte.
Obdachlos. Erfroren.
Depression. Tot.
Kind missbraucht. Drogen. Suizid.
Na? Fühlt ihr jetzt irgendetwas? Habt ihr jetzt verstanden, warum ein Mensch keinen Ausweg mehr gesehen hat? Habt ihr jetzt verstanden, warum wir seit Jahren über genau diese Themen schreiben?
Natürlich nicht.
Wie denn auch?
Ein Menschenleben passt nicht zwischen zwei Werbeanzeigen. Ein Schicksal passt nicht in einen WhatsApp-Status. Und eine Depression lässt sich nicht in sieben Sätzen erklären.
Genau deshalb schreibe ich lange Texte. Nicht, weil ich mich selbst gerne reden höre. Sondern weil hinter jeder Geschichte ein Mensch steht. Hinter jeder Obdachlosigkeit steckt ein Weg. Hinter jeder Sucht ein Schicksal. Hinter jeder Depression ein Kampf. Und hinter jedem Suizid Fragen, die sich die Angehörigen oft ihr Leben lang stellen.
Wenn mir dann wieder jemand sagt: „Holger, deine Texte sind zu lang.“, dann kommt zu einem unserer Vorträge. Aber bringt euch bitte ein Kopfkissen mit. Denn auch dort gibt es keine Zehn-Minuten-Version. Da gibt es keine Bienchen und Blümchen. Keine weichgespülten Geschichten. Da geht es um Kinder, denen man die Kindheit genommen hat. Um Frauen, die Gewalt erlebt haben. Um Männer, die sich schämen, überhaupt um Hilfe zu bitten. Um Menschen, die im Winter auf einer Parkbank sitzen und hoffen, den Morgen noch zu erleben. Um Depressionen. Um Einsamkeit. Um Armut. Um Sucht. Und ja, manche Menschen verlassen diese Vorträge mit Tränen in den Augen. Nicht, weil wir sie zum Weinen bringen wollen. Sondern weil die Wahrheit manchmal so weh tut, dass sie sich nicht länger verdrängen lässt.
Und bevor dieser Beitrag endet, möchte ich noch etwas loswerden.
Bei all der Wut über Gleichgültigkeit und darüber, dass wir glauben, die größten Probleme unserer Gesellschaft in wenigen Sekunden verstehen zu können, dürfen wir eines niemals vergessen.
Es gibt sie.
Die Menschen, die unsere Beiträge bis zum letzten Satz lesen.
Die Menschen, die darüber sprechen.
Die Menschen, die unsere Texte teilen.
Die Menschen, die aus ihnen etwas mitnehmen.
Die Menschen, die Wochen oder Monate später sagen: „Seit ich eure Beiträge lese, schaue ich anders hin.“
Oder: „Ich habe durch euch verstanden, dass Depression eben nicht nur schlechte Laune ist.“
Oder: „Früher bin ich an obdachlosen Menschen einfach vorbeigegangen. Heute tue ich das nicht mehr.“
Genau euch möchten wir von Herzen Danke sagen.
Denn wenn auch nur ein einziger Mensch nach einem unserer Texte anders denkt, anders handelt oder einem anderen Menschen mit etwas mehr Verständnis begegnet, dann hat sich jede einzelne Zeile gelohnt.
Und danken möchten wir auch den Unternehmen, die UNSICHTBAR e.V. ihr Vertrauen schenken. Unternehmen, die nicht einfach irgendwohin spenden, sondern wissen möchten, wen sie unterstützen. Die Fragen stellen. Die unsere Arbeit hinterfragen. Die verstehen möchten, was wir nachts auf der Straße tun. Die sich Zeit nehmen, mit uns zu sprechen. Manche begleiten uns sogar auf unseren Touren, um sich selbst ein Bild zu machen. Genau das wünschen wir uns. Kein blindes Vertrauen. Sondern ehrliches Interesse. Denn Vertrauen, das auf Verständnis beruht, ist unendlich viel wertvoller als eine Unterstützung, bei der niemand weiß, was eigentlich dahintersteckt.
Erst vor Kurzem sagte mir ein Unternehmer – mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis darf ich das erzählen –, dass seine Frau fast jeden Morgen unsere Beiträge liest. Und wenn einmal keiner erscheint, fragt sie schon nach. Er erzählte mir, dass viele unserer Texte sie persönlich berühren und dass auch er durch unsere Beiträge manches besser verstanden hat. Solche Gespräche sind für uns weit mehr wert als jede Statistik. Sie zeigen uns, dass unsere Texte Menschen erreichen. Nicht alle. Das müssen sie auch gar nicht. Aber die, die sie erreichen, nehmen manchmal etwas mit, das sich nicht in Likes oder Reichweite messen lässt.
Vielleicht war dieses kleine WhatsApp-Experiment deshalb am Ende viel größer, als ich gedacht habe. Nicht weil am Ende nur noch 64 Menschen zugeschaut haben. Sondern weil es wieder einmal gezeigt hat, woran wir als Gesellschaft gerade scheitern. Wir möchten Antworten, bevor wir überhaupt bereit sind, die Frage zu verstehen. Wir möchten komplizierte Themen in 30 Sekunden erklärt bekommen. Wir glauben, ein Reel könne Depressionen erklären. Ein Bild könne Obdachlosigkeit erklären. Ein paar Zeilen könnten einen Suizid erklären.
Nein.
Das können sie nicht.
Und sie werden es niemals können.
Deshalb werden wir bei UNSICHTBAR e.V. auch weiterhin lange Texte schreiben. Wir werden weiter unbequeme Fragen stellen. Weiter aufklären. Weiter den Finger in die Wunde legen. Nicht, weil wir Aufmerksamkeit brauchen. Sondern weil wir nicht bereit sind, Menschen auf ein paar Schlagworte zu reduzieren.
UNSICHTBAR.
Nicht als Vereinsname.
Sondern als Mahnung.
Denn unsichtbar sind nicht wir.
Unsichtbar sind die Menschen, über die wir seit Jahren schreiben.
Und das eigentlich Traurige daran ist: Irgendwann wird vielleicht genau der Mensch, der heute sagt: „Der Text ist mir zu lang.“, morgen vor den Nachrichten sitzen und sich fragen: „Warum hat denn keiner etwas gemerkt?“
Doch.
Viele haben etwas gemerkt.
Sie hatten nur keine Zeit, bis zum Ende zu lesen.